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Cyber-Mobbing-Drama "Homevideo": Im Netz ohne doppelten Boden

Der 15-jährige Jakob onaniert vor der Kamera, ein Mitschüler stellt den Film ins Netz. Auf peinliche Begegnungen in der Schule folgen Attacken über das Internet: Cyber-Mobbing. Der stern war dabei, als Gleichaltrige das fernsehpreisgekrönte Doku-Drama im Kino sahen.


Jakob Moormann (Jonas Nay) macht ein intimes Video von sich – und wird danach seines Lebens nicht mehr froh

Jakob Moormann (Jonas Nay) macht ein intimes Video von sich – und wird danach seines Lebens nicht mehr froh

"Ihr müsst den 5er-Bus nehmen", erklärt die junge Lehrerin seelenruhig, die gerade noch einmal ihre Sitzreihe verlassen hat. "Grindelhof steigt ihr aus, zum Abaton sind es dann nur noch wenige Meter." Ein paar Schüler haben sie angerufen, sie kommen aus Hamburg-Berne, kennen sich in der Unigegend nicht aus und hätten längst vor Ort sein sollen. Die anderen sitzen bereits und warten darauf, dass es losgeht. "Homevideo" wurde 2009 an ihrer Schule, der Erich-Kästner-Gesamtschule, gedreht, vier Klassen sind nun zum sogenannten Screening eingeladen. Im Kino ist es lauter als sonst vor einem Film, quer über die Sitzreihen werden Süßigkeiten und coole Sprüche ausgetauscht.

Der Protagonist des Films ist Jakob (Jonas Nay), 15 Jahre alt, wie die Schüler selbst. Er ist ein Teenager, der fotografiert, Gitarre spielt und Dinge, die ihn faszinieren, mit der Videokamera filmt. Zu Hause läuft es gerade nicht so rund. Seine Eltern haben Stress miteinander. Von den schulischen Leistungen ganz zu schweigen. Sein einziger Lichtblick: Wenn Hannah (Sophia Boehme) "on" ist und die beiden miteinander chatten können. Neben kurzen Sätzen werden dann rote pochende Herzchen hin und her geschickt. Für einen Teenager so weit normal eigentlich.

Der erste Schritt in Richtung Abgrund

Der Film beginnt, und die Schlüsselszene lässt nicht lange auf sich warten. Jakob sitzt frisch geduscht auf seinem Bett, ein Frotteetuch um die Hüften, die Videokamera in der Hand. Im Kino ist ein vorausahnendes Quieken zu hören. Jakob haucht "Hannah, I love you" in die Kamera und beginnt zu onanieren. Seine Kamera läuft, das Publikum schreit, die Mädchen halten sich die Hände vors Gesicht und blinzeln zwischen den Fingern hindurch. Für Teenager ganz normal eigentlich.

Als Jakobs Mutter kurz darauf einem Mitschüler die Kamera ausleiht, steckt die Chipkarte noch drin. Die ersten "Oh, nein!"-Rufe im Publikum. Und doch folgt, was die jungen Zuschauer ahnen: Der Mitschüler und sein Kumpel Henry (Jannik Schümann) sehen sich an, was Jakob gefilmt hat. Familienszenen, die kleine Schwester als Baby und schließlich seine letzte Aufnahme. Was noch vor zehn Jahren, in Zeiten vor Facebook und Skype, vielleicht zu einem Dummen-Jungen-Streich geführt hätte, ist hier der Beginn einer fatalen Entwicklung. Langeweile, Neugier, Allmachtsgefühl und eine Portion Bosheit sorgen dafür, dass Henry den Film auf seinen Rechner hochlädt und anschließend online stellt. Das Drama beginnt. Bereits am nächsten Tag, als Jakob den Klassenraum betritt, schauen ihn seine Klassenkameraden anders an. Alle haben ihn gesehen, den Film. Und gucken ihn glucksend immer wieder an, sogar in Jakobs Anwesenheit, denn das Video lässt sich auch übers Handy abrufen. Was ins Schlafzimmer gehörte, taucht plötzlich in der Klasse, auf dem Schulhof und auch bei Hannah zu Hause auf. Im Kino ist es ruhig geworden.

Abtauchen unmöglich

So groß ist die Scham, der Wunsch, dass sich der Boden auftun möge, dass Jakob nur noch mit Mütze und übergestülptem Kapuzenpulli in seinem abgedunkelten Zimmer sitzt. Auch die Schüler rutschen tiefer in ihre Kinosessel. Zu leicht lässt sich nachempfinden, durch welchen emotionalen Abgrund der Junge gerade geht. Und nicht einmal zu Hause kann Jakob der Welt entfliehen: Wenn sein Laptop klingelt, ist es das Chatprogramm, über das Beleidigungen, Hassbotschaften und Selbstmordtipps in sein Kinderzimmer dringen. Cyber-Mobbing.

Der Druck wird so groß, dass selbst ein Schulwechsel keine Abhilfe verspricht. In ein paar Tagen wüssten auch dort alle von seinem Film. Und so sieht Jakob nur einen Ausweg.

Der Film ist aus, die Neuntklässer sind schockiert. Regisseur Kilian Riedhoff, Autor Jan Braren, die Produzenten sowie der Darsteller des Henry treten für die anschließende Diskussion vor den Vorhang. Nach einigen Fragen der Erwachsenen und zögerlichen Antworten stellen die Teenies ihre erste Frage: "Aber warum hat Jakob sich das angetan? Es sah doch am Ende eigentlich schon wieder besser aus für ihn!" Das grausame Finale ist schwer auszuhalten. Und die Gleichgültigkeit des Anti-Helden ebenso, daher fragen sie den Gleichaltrigen: "War es schwierig für dich, den Bösen zu spielen?" Allzu unsympathisch erscheint die Figur des Henry, obwohl seine Coolness während des Films die meisten Lacher geerntet hatte. "Nein", antwortet Jannik Schümann, "das war ja meine Rolle." Man merkt, dass der Schauspieler inzwischen fast 20 ist.

Mobbing hat jeder schon erlebt

Erstaunlich offen erzählen die Schüler dann von ihren eigenen Erfahrungen mit Mobbing. Fast jeder ist mit dem Thema schon einmal in Berührung gekommen, meist in der Schule. Ein Junge erzählt, wie ein Kind aus seiner eigenen Klasse "gerettet" wurde: "Alle aus meiner Klasse wussten Bescheid, und jedes Mal, wenn einer von uns gehört hat, dass der Junge gemobbt oder über ihn gelästert wurde, haben die Klassenkameraden seine Partei ergriffen. So lange, bis es aufgehört hat." Nach diesem Film klingt seine Erfahrung zu schön, um wahr zu sein.

Da es in der Regel nicht die eigenen Klassenkameraden sind, die helfen, nutzen inzwischen immer mehr Prominente ihren Status bei der Jugend und setzen sich gegen Mobbing ein. Vor rund einem Jahr begann Justin Bieber damit, medienwirksam eine Anti-Bullying-Kampagne zu unterstützen, nachdem er selbst "Schwuchtel" genannt worden war. Lady Gaga nahm den Selbstmord ihres 14-jährigen Fans Jamey Rodemeyer zum Anlass, ein Gespräch mit Präsident Obama anzukündigen, bei dem sie ein scharfes strafrechtliches Vorgehen gegen Mobbing fordern will. Und erst am 16. Oktober outete sich Schauspieler Zachary Quinto ("Heroes") in einem Interview mit dem "New York Magazine" als "gay man", der Fall Rodemeyer habe ihm die Hoffnungslosigkeit der Schwulen vor Augen geführt.

Verdiente Ehrung

Beim Deutschen Fernsehpreis hat "Homevideo" am 2. Oktober 2011 mehrfach abgeräumt: Benedict Neuenfels gewann den Deutschen Kamerapreis 2011 in der Kategorie Fernsehfilm/Drama, Jonas Nay wurde mit dem Förderpreis Bester junger Schauspieler ausgezeichnet und "Homevideo" als Bester Fernsehfilm.

Die Erzählsprache des Films, die ohne jede Anbiederung an die Jugend, ohne jede Schuldzuweisung gegen Eltern oder Lehrer auskommt, verleiht "Homevideo" seine besondere Authentizität. Erhöht auch den Gänsehautfaktor, denn es geht nie um simple Schwarz-Weiß-Malerei. Als die Jugendlichen bei strahlendem Sonnenschein das Kino verlassen, gibt ein Lehrer ihnen frei: "Ihr könnt jetzt gehen. Wir fahren nicht mehr zur Schule." Achselzuckend gucken sich die Schüler an: "Und wohin?"

"Homevideo", 19.10.2011, 20.15 Uhr, ARD

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