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Amandas Suizid aus Verzweiflung: Gemobbt bis zum Selbstmord

Jahrelang wurde Amanda gehänselt, nachdem ein Fremder ein Nacktbild von ihr ins Internet stellte. Die 15-Jährige stand fortan seelische Höllenqualen aus - bis sie sich das Leben nahm.

Von Henrietta Reese

Vor einigen Wochen stellte die Schwedin Lovisa Nystrand ein Video auf Youtube: ohne Worte, nur mit beschriebenen Zetteln erzählt die 14-Jährige von ihrer Vergewaltigung. Nun ist wieder so ein Video aufgetaucht, das die Menschen erschüttert. Amanda, 15 Jahre alt, aus einem kleinen Ort in British Columbia, Kanada, hat vor einem Monat ein Video hochgeladen. Zettel für Zettel berichtet sie von diversen Mobbing-Attacken im Internet und in der Schule, von Schlägen, Einsamkeit und Verzweiflung. Doch es gibt einen Unterschied zu Lovisas' Video - Amanda ist tot. Das 15-jährige Mädchen hat sich am 10. Oktober das Leben genommen. Offenbar hielt es den ständigen Beleidigungen und Hass-Tiraden nicht mehr stand.

Es beginnt vor drei Jahren, als die zwölfjährige Amanda im Internet einen Mann kennenlernt, der ihr schmeichelt. Für ihn zieht sie vor der Webcam das Shirt hoch und entblößt ihren Oberkörper - der Mann macht ein Bild. Er beginnt sie immer mehr zu bedrängen, fordert weitere "Auftritte" von der Minderjährigen, die den Kontakt abbricht.

Amandas Video auf Youtube

Was folgt, ist ein jahrelanges Horrorszenario. Der Mann verfolgt sie online, scheint immer zu wissen, auf welche Schule sie geht, wo sie wohnt. Und er veröffentlicht das Bild ihrer nackten Brüste im Internet, auf Plattformen wie Facebook wird Amanda zum Gespött der Schule. Von ihren Mitschülern spürt sie nur Häme, Freunde hat sie nicht. "Ich habe niemanden. Ich brauche jemanden", steht auf einem der kleinen weißen Zettel, die Amanda in ihre Kamera hält - darunter ein Smiley mit heruntergezogenen Mundwinkeln. "Ich bin sehr depressiv."

Mehrere Schulwechsel bringen keine Besserung, egal wo Amanda hinkommt, die Nacktbilder sind schon da. Es ist ein gängiges Problem im Internetzeitalter, in dem ein Umzug längst nicht mehr reicht, um der Vergangenheit zu entfliehen. Sie fängt an, ihre Arme aufzuritzen, nimmt mehrmals eine Überdosis ihrer Antidepressiva und trinkt Bleichmittel. "Jeden Tag überlege ich, warum ich noch hier bin", schreibt sie und es wird offensichtlich, dass ihr Suizid keine spontane Aktion war, sondern das Ergebnis einer jahrelangen Tortur. Amanda hatte Angst, ihr Leben lang von dem Fehler vor drei Jahren verfolgt zu werden: "Ich bekomme das Foto nie mehr zurück. Es ist für immer da draußen."

Kleine Hoffnungsschimmer

Der Fall von Amanda wirft Fragen auf. Hätten Eltern oder Schulbehörden mehr tun können? Und vor allem: Wer ist der Mann, der das Nacktbild eines Teenagers ins Internet stellte? Seit März ging Amanda auf die Cabe-Oberschule im kanadischen Coquitlam, war sie in medizinischer Behandlung und schien ihr Leben langsam unter Kontrolle zu bekommen.

Sie fand Freundinnen, ging mit ihnen aus und lachte wieder mehr, wie ihre Mutter Carol berichtet. Auch soll Amanda in ihrer Schule, die auf Jungen und Mädchen mit Lernschwierigkeiten spezialisiert ist, sehr gute Unterstützung erhalten haben. Es stellt sicht die Frage, ob das Video, das Amanda vor einem Monat postete, als Hilferuf hätte verstanden werden müssen. Offensichtlich ist, dass das Mobbingopfer auf sich und seine Qualen aufmerksam machen wollte, um andere Betroffene zu ermutigen, über ihre Probleme zu sprechen.

Wer ist der Täter?

Wer der Mann ist, der die Bilder einer Zwölfjährigen ins Internet stellte, weiß niemand, obwohl die Polizei seit Längerem ermittelt. Vor ein paar Tagen hat sich Anonymous eingeschaltet - die Aktivistengruppe wollte auf eigene Faust den Täter suchen und glaubt inzwischen, ihn auch gefunden zu haben. Anonymous verdächtigt einen 32 Jahre alten Mann aus British Columbia, der seit der Veröffentlichung seines Namens von Internetnutzern massiv bedroht wird.

Am Freitag wurden acht Schüler des South Collegiate Institute im südkanadischen London festgenommen. Einer der Schulen, auf die Amanda ging. Die Verdächtigen hätten ihre Mitschülerin körperlich und psychisch angegriffen und sie via Internet eingeschüchtert, sagte die örtliche Polizei.

Die Polizei sucht den Erwachsenen unterdessen weiter und warnt vor voreiligen Schlüssen. Bereits der "Mordfall Lena" in Deutschland hatte gezeigt, wie die Internet-Hetzjagd ausarten kann: Ein 17-jähriger Tatverdächtiger, dessen Unschuld schnell bewiesen war, musste mit massiven Drohungen kämpfen.

Amandas Selbstmord hat viel Aufmerksamkeit erregt, das Video haben schon über zehn Millionen Menschen gesehen, die öffentliche Anteilnahme ist groß. "Ich habe mich entschlossen, euch meine niemals endende Geschichte zu erzählen", sagt Amanda zu Beginn ihres Videos. Doch sie hat sich geirrt, ihre Geschichte hat ein Ende - ein tragisches.

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