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Rührende Botschaft: Stumme Anklage einer Vergewaltigten

Die 14-jährige Schwedin Lovisa Nystrand sendet eine Videobotschaft und bewegt ganz Schweden. Sie sagt kein einziges Wort - und dennoch versteht es jeder.

Von Thomas Schmoll

Es gibt die Lovisa Nystrand, die lacht, die sich im Bad schminkt, die Spaß hat und sich gern selbst im Spiegel fotografiert. So kann man sie auf Fotos in ihrem Blog erleben. Es sind Zeugnisse für eine Zeit glücklicher und unbeschwerter Tage.

Und es gibt die Lovisa Nystrand, die Angst hat, das Schreckliche, was ihr angetan wurde, nicht vergessen zu können, aber die sich tapfer der Herausforderung stellt. Eine 14-Jährige, die das seelische Gleichgewicht verloren hat, ihren Schmerz und Kummer nicht verbergen kann und auch gar nicht will, weil sie weiß, dass Trauer zur Aufarbeitung ihres Martyriums gehört. So erlebt man Lovisa Nystrand in einem Video, das sie auf Facebook veröffentlichte und inzwischen auch auf Youtube zu sehen ist. Das Mädchen aus dem schwedischen Linköping gab ihm den schlichten Namen "Wie es passierte". Es ist ein Zeugnis für die Zeit nach dem dem 21. August, dem Tag, an dem sie vergewaltigt wurde.

In dem Video, das Lovisa Nystrand mit Handy selbst aufgenommen hat, klagt sie ihr Leid und ihren Peiniger an. Schweigend. Die Schwedin sagt kein einziges Wort. Sie erzählt ihre traurige Geschichte und berichtet über ihr Gefühlsleben mit Hilfe von beschrifteten Zetteln, die sie nacheinander in die Kamera hält, begleitet von Musik.

"Ich habe etwas Schreckliches erlebt"

"Hallo", steht auf dem ersten Stück Papier, "mein Name ist Lovisa. Ich bin 14 Jahre alt." Auf dem nächsten präzisiert sie: "Nur 14 Jahre und 4 Monate." Dann: "Ich habe etwas Schreckliches erlebt, worunter ich den Rest meines Lebens leide." In beinahe jeder Sekunde ist der Schmerz zu spüren, aber auch, wie tapfer das Mädchen ist und wie es versucht, sein Schicksal zu meistern. "Vor etwas mehr als einem Monat wurde ich", fährt sie fort, "vergewaltigt“. Das Wort "vergewaltigt" steht allein auf einem der Zettel. Nachdem sie ihn in die Kamera gehalten hat, schaut sie zur Seite und fährt sich mit der Hand an den Hals.

Nach dem kurzen Innehalten kommt: "Ich erinnere mich: Ich weinte und blutete. Es ist das Schlimmste, was ich je erlebt habe." Sie berichtet von schlaflosen Nächten, von dem kräftezehrenden Kampf, das Geschehene zu verarbeiten. "Jetzt versuche ich, nach vorne zu denken." Lovisa Nystrand verbindet ihre stumme Aussage mit der Botschaft an alle da draußen, dass man stark sein kann, obwohl einem so etwas Schlimmes wiederfahren ist.

"Endlich kann ich aufatmen"

Dann geht das Mädchen auch auf die Schmähungen und Beleidigungen ein, die sie über sich ergehen lassen musste. Lovisa Nystrand kannte ihren Vergewaltiger. Er ist fünf Jahre älter als sie. Das Mädchen ging noch in der Nacht der Schandtat zur Polizei und erstattete Anzeige. In Linköping, im Landesinneren Schwedens rund 200 Kilometer von Stockholm entfernt gelegen, erfuhren viele von ihrem Schicksal, auch Mitschüler. Einige zweifelten offen an der Version der 14-Jährigen und brachten den dümmlichen Vorwurf auf, sie trage "Mitschuld". Ihre Mutter Anne Nystrand sagt über all die Gerüchte und Unterstellungen in der kleinen Stadt: "Jeder denkt, am besten zu wissen, was wirklich passiert ist."

Der Peiniger ihrer Tochter muss ins Gefängnis. Das Urteil fiel vergangenen Mittwoch. "Endlich kann ich aufatmen", schrieb das Vergewaltigungsopfer auf Facebook und zeigte sich erleichtert, "dass der Idiot zwei Jahre bekommen hat". Das war ihr nicht genug. "Ich bekam lebenslänglich." die 14-Jährige beschloss, das Video zu veröffentlichen, das sie am Vorabend der Urteilsverkündung aufgenommen hatte, weil es ihr seelisch schlecht ging. "Ich habe mich hingesetzt und die Zettel geschrieben und dann alles mit meinem Handy gefilmt", berichtete sie schwedischen Medien.

"Ich liebe euch"

Von ihren Landsleuten erhält das Mädchen viel Unterstützung. Fast 40.000 Menschen - auch aus dem Ausland - haben ihrer Facebook-Seite auf "Gefällt mir" geklickt. Zahlreiche Besucher äußern sich länger zu dem Fall, manche hinterlassen nur ein "Respekt" oder ein Herz. Es melden sich bei Lovisa Nystrand auch junge Mädchen, die nicht den Mut hatten, nach einer Vergewaltigung zur Polizei zu gehen. "Ich versuche, sie dazu zu bringen, eine Anzeige zu machen" und mit Leuten zu reden, "denen man vertraut", sagt die 14-Jährige und rät allen Opfern: "Sei stark, tue es." Ihre Eltern stehen an ihrer Seite. Mutter Nystrand: "Sie war schon immer sehr mutig, stark und vernünftig. Ich bin so unfassbar stolz darauf, dass sie das hier macht und an die Öffentlichkeit geht.“

Zum Schluss des Videos fragt Lovisa Nystrand auf einem ihrer Zettel: "Aber wie kann ich all das verarbeiten?" Die junge Schwedin antwortet: "Jo!" Eine Begründung hat Lovisa Nystrand auch für ihre Zuversicht: "Weil ich wundervolle Freunde habe." Dabei schaut sie ernst. Als sie das nächste Stück Papier präsentiert, gelingt ihr schon ein kurzes, aber sichtbares Lächeln. "Ich liebe euch." "Besonders meine großartige Familie." "Wir alle sind stark." Am Ende zeigt Lovisa Nystrand einen Zettel ohne Worte. Darauf ist "nur" ein Herz zu sehen. Und hier, ganz zum Schluss, an der Stelle kurz bevor sie die Kamera ausstellt, lacht sie. Dann ist sie plötzlich - wenn auch nur für einen Augenblick - wieder die Lovisa Nystrand, wie sie in ihrem Blog aus glücklichen und unbeschwerten Tagen zu sehen ist.