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Unfall im Straßenverkehr: Vor 10 Jahren haben wir zusammen Abi gemacht. Jetzt ist der erste von uns tot

Wir wollten die Welt erobern, als wir vor zehn Jahren die Schule verließen. Dann klopfte die Endlichkeit an. Über das Gefühl, wenn zum ersten Mal ein Bekannter im eigenen Alter stirbt.

Ein mit Blumen geschmücktes Kreuz am Straßenrand

Manchmal enden Lebensträume ganz abrupt am Straßenrand. Es bleiben ein Kreuz und ein paar Blumen (Symbolbild).

Picture Alliance

Vor kurzem hatten wir unser Abi-Treffen, zehn Jahre nach unserem Schulabschluss. Viele kamen, manche blieben weg. Kaya fehlte, weil sie jetzt im Ausland arbeitet. Simon musste zur Hochzeit seiner Cousine. Janika fuhr lieber auf ein Festival als in die Heimat. Julian war gar nicht erst eingeladen, weil niemand eine aktuelle Handynummer von ihm hatte. Mark kam nicht, weil er neun Tage zuvor gegen einen Baum gefahren war.

Es war ein sächsischer Baum, irgendwo am Rand irgendeiner Landstraße, von der niemand wusste, was Mark dort machte und wohin er wollte. Er war auf dem Motorrad unterwegs, zu schnell wahrscheinlich auch, kam von der Straße ab. Und dann der Baum.

"Das Opfer starb noch an der Unfallstelle", lautete der letzte Satz der Polizeimeldung. Ein Satz in kaltem Polizei-Deutsch. Wenn man darüber nachdenkt, dass dahinter ein Mensch steckt, wirkt er gespenstisch. Wenn man den Menschen kannte, wird er zum Drama.

Wie trauert man um jemanden, den man nicht vermissen wird?

Zehn Jahre ist es her, dass ich Mark zum letzten Mal gesehen habe, wahrscheinlich an unserem letzten Schultag. Und fast genauso lange habe ich wohl nicht mehr an ihn gedacht. Wir hatten noch nicht einmal zu Schulzeiten viel miteinander zu tun. Wir waren keine Freunde, ich erinnere mich nur, dass wir in der siebten oder achten Klasse ab und zu mit unseren Fußballvereinen gegeneinander spielten. Er war ein guter Fußballer, ich nicht.

Vielen von uns, Abi-Jahrgang 2008, ging es so. Trotzdem berührt uns sein Tod – wahrscheinlich tiefer als wir es erwartet hätten. Aber was heißt hier erwartet? Wir haben nichts in dieser Form erwartet, jedenfalls nicht jetzt. Für die meisten von uns ist es das erste Mal, dass ein uns bekannter Mensch in unserem Alter stirbt.

Und jetzt sitzen wir da und kauen unsere Bratwürstchen und ich denke darüber nach, warum mich der Tod eines Menschen beschäftigt, der eigentlich längst nicht mehr in mein Leben gehörte. Wie trauert man um jemanden, den man nicht vermissen wird? Wäre unser alter Deutschlehrer dabei, er würde jetzt wahrscheinlich Rilke zitieren: "Der Tod ist groß. / Wir sind die Seinen / lachenden Munds. / Wenn wir uns / mittig im Leben meinen, / wagt er zu weinen / mitten in uns." 

Es geht nicht ewig weiter

Eigentlich haben wir uns getroffen, um uns lustige Geschichten von früher zu erzählen und davon, was wir geschafft haben in den vergangenen Jahren. Wie wir gefeiert haben, auch etwas gelitten, aber mehr gefeiert. Einige haben geheiratet, manche haben Kinder bekommen, andere immerhin den Traumjob.

Wir hatten so viel vor, vor zehn Jahren. Jetzt ist der erste von uns tot. Wir haben noch so viel vor. Bis auf einen.

Plötzlich klopft die Endlichkeit an und sagt: Hallo, ich bin auch noch da. Wir haben immer geglaubt, es ginge ständig vorwärts im Leben, auch mal mit Kurven, aber immer weiter. Jetzt wissen wir: Es gibt auch eine Endstation. Nicht erst mit 80, im Krankenbett, im Kreise der Familie. Sondern mit 29, plötzlich, alleine, an einem Baum in Sachsen.

epp
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