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Maggy Walter Witwe. Mit 28. "Ruhe in Frieden, mein Schatz"

Eigentlich bloggte Maggy Walter über das Familienleben, doch nun schreibt sie über den Tod. Maggy ist Witwe. Mit 28. Zwei Wochen vor ihrer Hochzeitsfeier stirbt ihr Freund Tim. Unter dem Namen "Mamamulle" teilt sie ihre Trauer und berührt damit tausende Menschen.

Hinweis: Dieser Text wurde auf NEON.de bereits im Oktober veröffentlicht. Er zählte zu den meistgelesenen Stücken des Jahres. Zum Jahresrückblick spielen wir die besten Artikel in loser Reihenfolge bis zum Ende des Jahres.

Das Hochzeitskleid ist gekauft, die Zeremonie steht - das Schlimmste, was nun noch passieren kann, ist, dass das Wetter nicht hält. Schließlich ist eine romantische Gartenhochzeit unterm großen Eichenbaum geplant. Doch statt ihrem Tim das Jawort zu geben, trägt Maggy Walter ihn zwei Wochen später zu Grabe.

Elf Jahre lang waren sie ein Paar. Als Maggy und Tim sich kennenlernten, gingen sie noch zur Schule. Eine Jugendliebe. Sie haben zusammen den Abschluss gemacht, die Ausbildung gemeistert und mit den Geburten ihrer Töchter Mia Lotta und Emmi eine Familie gegründet. Eine glückliche Familie. 2016 heirateten sie standesamtlich im kleinen Kreis, Ende Juli sollte groß gefeiert werden. 

Dann kommt der 14. Juli. Maggy wartet darauf, dass Tim nach einer Woche auf Montage nach Hause kommt. An diesem Freitag braucht er länger. Telefonisch ist er nicht zu erreichen. Maggy schreibt an ihrem Blog, um sich abzulenken, schwelgt in Erinnerungen an das letzte Wochenende im Heidepark. Wilder Westen, Dracheninsel, Piratenshow und dazwischen ganz viel Karussell – ein unbeschwerter Tag.

Witwe mit 28 Jahren

Der Beitrag wird nie fertig. Die Polizei klingelt an Maggys Tür. "Sind Sie Frau Walter? Frau Walter, können wir uns irgendwo hinsetzen? Frau Walter bitte, Sie müssen sich setzen ..."

Tim ist tot. Sein Herz hat eines Nachts einfach aufgehört zu schlagen. Niemand hatte geahnt, dass es immer schwächer wurde und plötzlich stillstand. Sowie Maggys Welt am 14. Juli 2017. Maggy ist Witwe. Mit 28 Jahren.

Auf Instagram hält sie die Wochen und Monate nach diesem Moment fest, der ihr Leben in zwei Hälften teilte. "Ihr Lieben, ich möchte es kurz und schmerzlos machen (was es definitiv nicht ist). Die Kinder haben gestern ihren Papa und ich meinen Mann, meine große Liebe für immer verloren", schreibt sie am Tag danach auf Instagram. 

Seit 2012 bloggt Maggy Walter über den täglichen Familienwahnsinn, über Ausflüge, Magen-Darm-Geschichten, Kindergeburtstage, ihre Jugendliebe Tim – und seit drei Monaten auch über den Tod.

Eine Mischung aus Liebeskummer und Trauer

Grabschmuck statt Brautstrauß, ein Sarg statt einer Hochzeitsnacht. Bei der Beerdigung trägt Maggy ihr Hochzeitskleid, was sie nur ein paar Wochen zuvor zusammen mit Tim ausgesucht hat. "Ich habe immer gedacht, dass wir ein Leben lang zusammen bleiben werden, denn schließlich hatten wir nach über elf Jahren noch immer nicht genug voneinander. Ich hätte dich sofort heiraten sollen, als wir zu Schulzeiten ein Paar wurden."

Worte, Bilder und Erinnerungen. Immer wieder schreibt sie an Tim. Eine Mischung aus Liebeskummer und Trauer, Wut, Verzweiflung und Dankbarkeit. Wie sieht ein Leben aus, wenn es auf einmal keine Zukunft mehr hat? Wenn einem bewusst wird, dass Träume immer Träume bleiben werden, weil es unmöglich ist, sie zu verwirklichen? "Mir fehlt die Eigenschaft alleine ohne meinen Mann Lebensfreude zu verspüren. Wir haben alles zusammen gemacht. Alles. Damit bin ich auf die Fresse gefallen", schreibt sie. 

"Nichts ist normal. Gar nichts."

Die Offenheit, mit der die 28-Jährige auf Instagram und Facebook mit ihrer Trauer umgeht, berührt ihre Follower. Sie bekommt viel Zuspruch und tröstende Worte. "Es tut mir so leid. Wir kennen uns nicht, aber Eure Geschichte geht mir sehr nahe", schreibt jemand. Einige Follower sammeln Geld, Maggy und ihre Familie bekommen Briefe und kleine Geschenke, manch einer will zur Beerdigung kommen.

Drei Monate ist das nun her. Nach dem Schock kommt die Gewissheit. Das Leben geht weiter. Der Alltag kommt zurück. Kindergeburtstag, Kurzurlaub, die Spülmaschine, die Tim zuletzt noch versucht hat zu reparieren, hat ihren Geist komplett aufgegeben. Eine Neue muss her. "Du hättest noch ein teureres Modell als ich genommen, ich kenne dich doch (zu gut)", schreibt sie ihm. Manchmal scheint es bergauf zu gehen. Doch immer wieder schlägt die Trauer zu. "Dann sitze ich beim Elternabend und heule einfach nur. Vor mir fremden Menschen. Ich merke: nichts ist normal. Gar nichts."

Die kleine Emmi vergisst langsam ihren Vater

Die Abende sind einsam. "Ich fürchte mich, wenn es dunkel wird… das große leere Wohnzimmer… ich gehe mit den Kindern ins Bett, um die Leere nicht zu sehr zu spüren zu bekommen. Liege ich in unserem großen Ehebett, bin ich froh, wenn ich links und rechts ein Kind liegen habe. Das gibt mir Geborgenheit… ihre Liebe hilft mir über diese Leere hinweg", schreibt sie auf ihrem Blog. Statt auf die freitägliche Heimkehr ihres Vaters freuen sich Mia und Emmi nun darauf, ihrem Vater Blumen auf dem Friedhof zu bringen. Zum "schönsten Grab von allen". Maggy glaubt, die zweijährige Emmi vergesse zunehmend, wer ihr Vater ist und wie er aussieht. Im Blog erzählt sie Tim fast täglich, die Dinge die er nun nicht mehr miterleben kann. Mia hat inzwischen Seepferdchen, Emmi spricht ganze Sätze, und Maggy selbst? Die versucht ihre Zukunft wiederzufinden. Allein.

"Weißt du überhaupt, dass du gestorben bist? Ganz oft will ich zum Handy greifen und dir erzählen, dass du tot bist und was hier jetzt alles los ist. Alles so durcheinander und ungewiss. Ich liebe dich, Tim. Du bist viel zu weit weg."


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