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Beziehungsunfähigkeit: Ein Betroffener über seine Bindungsangst: "Spätestens nach zwei Jahren haue ich ab"

Wer unter Bindungsangst leidet, hat Probleme mit Nähe und Beziehungen. Das kann beim Partner große Verunsicherung hervorrufen. Aber wie fühlt sich das gestörte Liebesleben für den Betroffenen selbst an?

Protokoll: Tim Sohr

Bindungsangst

Zu dir oder weg von dir? Wer unter Bindungsangst leidet, weiß die Antwort oft allzu schnell

Mein Lieblingssatz ist ein Klischee. Er lautet: "Ich bin gerade in einer ganz anderen Phase als du." Ich habe ihn schon so oft gesagt, dass ich es nicht mehr zählen kann. Ich habe ihn immer dann gesagt, wenn eine Frau mich zur Rede gestellt hat - an jenem Punkt, wenn aus der Affäre, aus der Fernbeziehung, aus ein paar lockeren Dates mehr werden sollte. Wenn sie wissen wollte, woran sie bei mir ist.

"Es tut mir leid", habe ich dann gesagt, "aber ich bin gerade in einer ganz anderen Phase als du." In den meisten Fällen klang das für die Adressatin deutlich genug, um nicht groß nachzufragen. Ihr war dann klar, dass mit mir nichts Ernstes drin ist. Gleichzeitig ist die Begründung aber natürlich wahnsinnig unkonkret. Wenn eine Frau deshalb dann doch mal genauer wissen wollte, was ich damit meine, konnte ich es auch nicht besser in Worte fassen. Weil es eigentlich nie den einen Grund gibt. Oder überhaupt irgendwelche Gründe, die ich benennen könnte.

Ich kann mir keine Vorwürfe machen

Ein Psychologe würde mir womöglich Beziehungsunfähigkeit bescheinigen. Aber für mich stellt diese vermeintliche Bindungsangst kein großes Problem dar. Ich habe einfach noch nie das Gefühl gehabt, die richtige Frau für mich gefunden zu haben. Deshalb kann ich mir keine Vorwürfe machen. Es ist auch nicht so, dass ich mich nicht auf Beziehungen einlasse. Aber wenn ich das Gefühl habe, dass es für mich nicht passt, finde ich es fairer, die Sache zu beenden.

Ich bin jetzt Anfang 30 und hatte bisher drei "richtige" Beziehungen. Deswegen würde ich auch eigentlich nicht behaupten, dass ich ein sogenannter Bindungsphobiker bin. Jedes Mal dachte ich: Sie könnte wirklich DIE Frau für mich sein. Aber spätestens nach zwei Jahren bin ich dann doch wieder abgehauen. Ich hatte einfach kein gutes Gefühl, wenn plötzlich Pläne für die Zukunft geschmiedet wurden. Ich fühlte mich dadurch in die Ecke gedrängt.

Zunächst habe ich dann versucht, innerhalb der Beziehung eine Distanz aufzubauen: bin häufiger feiern gegangen, habe länger gearbeitet. Irgendwann hatte ich auch keine Lust mehr auf Nähe, erst recht nicht auf Sex. Spätestens dann kam es zu grundsätzlichen Fragen. Schließlich fühlte ich mich in meiner abweisenden Art nach kurzer Zeit selbst schäbig. 

So kam es in allen drei Fällen schließlich zur Trennung, die jeweils ziemlich heftig ausfiel. Meine Freundinnen konnten sich mein Verhalten nicht erklären und wollten die Beziehung unbedingt retten. Sie suchten nach Gründen dafür, dass ich keinen anderen Ausweg als die Trennung sah. Das Problem war bloß: Es gab nicht den Grund, es gab nur mein schlechtes Gefühl. Aber das war und ist für mich entscheidend.

Meine Ex-Freundinnen können das bis heute nicht verstehen, und das kann ich wiederum gut verstehen. Aber ich kann ihnen nicht helfen. Ich kenne die Ursache für meine Gefühle nicht. An ein traumatisches Erlebnis in Liebesdingen oder aus der Kindheit kann ich mich nicht erinnern. Meine Eltern sind seit 40 Jahren glücklich verheiratet.

Bindungsangst: "Mit dem stimmt was nicht"

Vielleicht liegt mein vermeintliches Problem darin, dass ich die heutige, allgemeingültige Vorstellung eines glücklichen und erfüllten Lebens nicht so recht teile. Ich glaube nicht, dass jeder Mensch einen Partner braucht, um glücklich zu sein. Ich glaube auch nicht, dass eine Ehe und/oder Kinder einfach "dazugehören". Ich würde jedenfalls nie auf die Idee kommen, einen 50-jährigen Single schräg anzuschauen und zu denken: "Mit dem stimmt was nicht."

Für mich ist es deshalb ein schmaler Grat: Einerseits liebe ich Frauen, bin gerne in ihrer Gesellschaft und möchte mich auch weiterhin mit ihnen treffen. Andererseits will ich keine von ihnen verletzen. Also fühlt es sich für mich oft an, als würde ich mich im Kreis drehen.

Denn natürlich hoffe ich insgeheim, dass ich irgendwann die Richtige für mich finde. Das mag nach meinen bisherigen Ausführungen wie ein Widerspruch klingen, ist es für mich aber nicht. Ich glaube fest daran, dass es die eine Frau für mich gibt. Ich mache mir nur überhaupt keinen Druck. Ich mache mein Glück nicht davon abhängig. Ich glaube, das unterscheidet mich einfach von vielen anderen in meinem Alter.

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