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Kolumne

Die NEON-Singles – Gemeinsam einsam: Sind wir unfähig geworden, ohne Tinder zu daten?

In der Kolumne "Gemeinsam einsam" schreiben NEON-Singles über Tücken, die das ledige Leben mit sich bringt. Heute fragt sich unsere Autorin, ob ein Fremder überhaupt noch die Möglichkeit hat, einen Single anzusprechen, ohne alles falsch zu machen. 

Eine Frau sitzt in der U-Bahn und schaut auf ihr Handy

Dass wir fremde Männer auf ein Tinder-Date treffen, ist völlig normal. Was aber, wenn sie uns auf einmal im realen Leben ansprechen? 

Getty Images

Es war ein früher Abend in Hamburg, ungefähr 19 Uhr, als mir der fremde Mann auf dem Fahrrad entgegen geradelt kam. Ich nahm zwar wahr, dass er immer langsamer wurde, dachte mir aber nichts dabei – bis er neben mir zum Stehen kam. Ich sah ihn fragend an, weil ich mit einer Frage wie in etwa "Weißt du, wo der nächste Aldi ist?" rechnete. 

"Hey, du bist mir gerade voll aufgefallen. Hast du Lust, was mit mir trinken zu gehen?“, fragte er stattdessen. Manche Frauen behaupten ja, dass ihnen so etwas ständig passiert – mir normalerweise nicht. Für mich gab es eigentlich nur drei vorstellbare Szenarien:

Erstens: Er war ein Vergewaltiger. Erst würde er mir K.O.-Tropfen in ein Getränk mischen und mich dann zu sich nach Hause schleifen. An den Füßen.

Zweitens: Er war ein Irrer. Wahrscheinlich brannte er schon darauf, mir seine seltene Kronkorken-Sammlung zu präsentieren und mir dann von seinem letzten Sex vorzujammern (2007).

Drittens: Er belegte gerade einen Kurs in "Wie spreche ich Frauen an". Ich war sein erstes Versuchsobjekt.

Zugegeben: Letzteres ist schon vorgekommen. Vielleicht bin ich dadurch leicht traumatisiert. Das könnte zumindest erklären, warum ich so kühl wie irgend möglich antwortete, ohne auch nur eine einzige Sekunde etwas Nettes hinter seiner Frage zu vermuten: "Nein, danke.“

Die typische Ausrede: "Nee, ich hab 'nen Freund" 

Ich würde jetzt gerne erzählen, dass der Mann sehr bestürzt war, anfing, mich anzubetteln und seitdem jeden Abend mit Gitarre vor meinem Fenster steht. Stattdessen sagte er nur: "Ah, hast 'nen Freund, ne?“

Was ich dachte: Ja, na klar. Das ist die einzige logische Schlussfolgerung, warum ich nicht mit einem fremden Mann spontan meinen Abend verbringen möchte.

Was ich sagte: "Ja. Ich hab nen Freund.“ Feige, ich weiß. Aber einfach und schnell. 

"Hat mich trotzdem gefreut, dich kennenzulernen, schönen Abend noch“, sagte er, gab mir sogar noch die Hand. Das, musste ich mir eingestehen, war zumindest eine ganz nette Reaktion. Interessant wäre es allerdings zu wissen, ob er ähnlich nett reagiert hätte, wenn ich nicht die olle "Ich-habe-einen-Freund“-Lüge ausgepackt hätte.

Ich ging alleine nach Hause, statt mit einem Fremden auf ein Date, das ja vielleicht auch ganz nett hätte werden können und überlegte, warum. Die Situation war mir extrem unangenehm gewesen. Dabei hätte ich es theoretisch auch als Kompliment sehen können.

Aber es ist einfach nicht mehr üblich, eine Frau auf der Straße anzusprechen, fand ich. Es stand für mich nicht zur Debatte, mit einem völlig Fremden mitzugehen, der mich auf der Straße aufgegabelt hatte.

"Total creepy so ein fremder Typ" – aber sind Tinder-Dates das nicht auch? 

Ich sprach mit Freundinnen über die Situation, und alle stimmten mir zu: Eine Frau auf der Straße anzusprechen, die alleine herumläuft, ist einfach nur seltsam und "creepy“. Wir waren also einer Meinung. Bis uns auffiel, dass Tinder nicht viel anders war. Warum aber ist es gesellschaftlich anerkannt, fremde Männer – die online schließlich auch viel vortäuschen können – zu treffen, aber verpönt, mit einem Fremden was trinken zu gehen, der einen auf der Straße anspricht, fragte ich mich. 

Natürlich habe ich keine Ahnung, was der Radfahrer im Sinn hatte. Aber angenommen, er wollte mich tatsächlich einfach nur kennenlernen, ganz locker was trinken gehen – wie fair ist es dann von mir, ihm innerlich zu unterstellen, ein Irrer, ein Vergewaltiger oder ein Freak zu sein?

Sind wir unfähig geworden, uns noch normal ansprechen zu lassen, weil wir es schon so sehr gewohnt sind, die Typen, die wir treffen werden, schon in allen sozialen Netzwerken gestalkt zu haben? Nun ja, vielleicht hätte der Kerl seine Frage auch noch etwas charmanter oder geschickter stellen können, sich zum Beispiel wenigstens vorstellen können.

Vielleicht ist es aber auch an der Zeit, sich einzugestehen: Wer daten will, sich trotzdem weigert, Tinder zu benutzen, andererseits aber auch nicht von fremden Männern auf der Straße angesprochen werden will, kann fast nur verlieren. Oder gewinnen – wie man's nimmt. Ich habe mich an dem Abend dann noch mit einer Freundin getroffen. Das war auch lustig. 

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