HOME
sexbewusst-header-img #SEXBEWUSST Die neue NEON-Serie für junge Frauen und alle, die sich sonst noch dafür interessieren

NEON-Reihe #sexbewusst: Nur vaginal und klitoral? So können Frauen noch zum Orgasmus kommen

Was und wer definiert, wie wir sexuell ticken? Neben unserem Körper spielt auch unser Umfeld dabei eine wesentliche Rolle. Hier erfahrt ihr, welche Mythen über Sex ihr vergessen könnt und wie ihr herausfindet, was ihr im Bett wirklich wollt. 

Sexuell selbstbewusst zu sein heisst, zu wissen wie man im Bett tickt. 6 Fragen helfen dir dabei, das herauszufinden.

Sexuell selbstbewusst zu sein heisst, zu wissen wie man im Bett tickt. 6 Fragen helfen dir dabei, das herauszufinden.

Der weibliche Orgasmus bedeutet für viele Menschen Mysterium und Faszinosum zugleich – auch heute noch. Immerhin ist inzwischen anerkannt, dass eine Frau auch auf andere Weise als durch vaginale oder klitorale Stimulation zum Höhepunkt kommen kann und das in sehr vielen Fällen auch tut. 

Zu verdanken haben wir das engagierten Aufklärerinnen wie Elia Bragagna. Die Österreicherin ist Sexualmedizinerin, klärt zum Thema weibliche Sexualität auf und ermutigt Frauen, ihren Körper besser kennenzulernen. "Neben Orgasmen, die durch die Vagina oder die Klitoris erzeugt werden, sind auch Brustorgasmen oder Muttermundorgasmen heute in der Forschung bekannt", sagt Bragagna. "Außerdem gibt es genug Frauen, die über Sport zum Orgasmus kommen. Die Situps machen und dadurch die autonomen Nerven im Becken aktivieren."

Wichtig sei, dass Frauen für sich herausfinden, zu welchem Typ sie gehören, so die Autorin des Sachbuches "Weiblich, sinnlich, lustvoll" – und dass sie sich bewusst machen: Es gibt mehr als nur zwei Arten, zum Orgasmus zu kommen.

Freuds Theorien waren verheerend für die weibliche Sexualität

Wenn das stimmt – warum unterscheiden wir Orgasmen dann so oft rein in klitorale und vaginale Lust? Macht diese Unterscheidung überhaupt Sinn? Und warum teilen wir gerade diese beiden Bereiche auf?

Primär geht diese Gegenüberstellung auf Sigmund Freud zurück: Der Begründer der Psychoanalyse unterschied in seiner Sexualtheorie zwischen klitoraler und vaginaler Lust - mit verheerenden Konsequenzen für die Lust der Frau. Freud beobachtete das Verhalten von Mädchen und Jungen. Er stellte fest, dass Mädchen bereits in jungen Jahren ihre Scheide berühren - ebenso wie Jungen in diesem Alter ihren Penis anfassen. Daraus leitete er ab: Mädchen seien neidisch auf den Penis der Jungs. Deshalb würden sie aus Trotz mit ihrer Klitoris spielen, für ihn das weibliche Pendant zum männlichen Glied. Erwachsene Frauen seien in der Lage, dieses Verhalten zu überwinden. Kurz: Der klitorale Orgasmus sei unreif, der vaginale erwachsen.

Seine Nachfolger führten diese Annahme weiter: Frauen, die keine vaginalen Orgasmen erlebten, wurden als frigide und neurotisch beschrieben. Kaum zu glauben, aber das bildete bis in die Mitte des vergangenen Jahrhunderts die Grundlage für die Sexualtherapie.

Erst die Sexualforscher William Masters und Virginia Johnson räumten in den 60ern mit dem psychoanalytischen Bild auf. Das Forscherpaar revolutionierte den Blick auf Sexualität durch eine für die damalige Zeit ungewöhnliche Studie. Etwa 700 Männer und Frauen nahmen daran teil. Sie ließen ihre Blutwerte messen und Körper beobachten - während sie Sex hatten.

Klitoris als Quelle der Lust lange unterschätzt

Masters und Johnson stellten fest: Alle Orgasmen sind physiologisch gleich – unabhängig, ob sie durch vaginale oder klitorale Berührung ausgelöst werden. Aber auch sie waren Kinder ihrer Zeit: Sie stellten Thesen auf, die mit der Realität vieler Frauen wenig zu tun hatten. So beschrieben sie, dass Frauen nur beim Geschlechtsverkehr Orgasmen empfinden könnten, weil dabei die Klitoris indirekt mitstimuliert werde. Gelinge das nicht, liege das an einer sexuellen Störung der Frau.

(Im folgenden Video geht es um Mythen über den weiblichen Orgasmus, die ihr gerne sofort vergessen könnt.)

Klitoral, vaginal, egal?: Diese 3 Orgasmusmythen könnt ihr getrost vergessen

Mit diesem Mythos räumte erst die Sozialwissenschaftlerin Shere Hite auf. Im sogenannten Hite-Report von 1976 führt sie auf, dass Frauen häufiger durch ausschließlich klitorale Stimulation bei der Selbstbefriedigung als durch den Sex mit dem Partner zum Höhepunkt kommen. Auch wenn Hites Umfragen methodisch bemängelt wurden - sie halfen dabei, dass Frauen ihre Klitoris als Quelle der Lust wieder zu akzeptieren begannen.

Heute wissen wir also: Es gibt eine Vielzahl von Möglichkeiten, zum Orgasmus zu kommen. Wichtiger, so betont Sexualmedizinerin Bragagna, sei, dass Frauen beim Sex auch wirklich erregt sind: "Würde man von einem Mann verlangen, dass er mit einem weichen Penis Geschlechtsverkehr hat? Natürlich würde das niemand - aber genau das Gleiche gilt für Frauen."

Genitale und emotionale Erregung

Dazu muss man wissen: Bei Erregung schwellen Vulva, Klitoris und Vagina ebenfalls an – wie beim Mann der Penis. Blut fließt in die Schwellkörper, die Vagina wird feucht. Viele Frauen neigen Bragagna zufolge dazu, Vaginalsex zu haben, bevor sie genital erregt sind. Das sei einer der Hauptgründe für Unzufriedenheit im Bett.

Bei Frauen lässt sich laut der Expertin Erregung zudem stärker als bei Männern in zwei Arten unterscheiden: die genitale und die emotionale. "Viele Frauen beschreiben, dass sie sich, wenn sie verliebt sind, zu Sex hingezogen fühlen. Das kann auch bei einem schönen Gespräch mit dem Partner passieren." Körperlich heißt das: Die emotionale Erregung verstärkt die genitale. Im Gehirn werde dann der Botenstoff Noradrenalin ausgeschüttet, erklärt Bragagna. Er sorgt wie Endorphin und Dopamin für Glücksgefühle.

Bragnagnas Tipp: "Für Frauen ist es beim Sex sinnvoll, ohne Kategorien zu denken, und selbst zu erforschen, in welcher Form sie Erregung steigern können. Wichtig sei auch zu verstehen, dass es viele Gründe für Sex geben kann. "Frauen haben eben nicht nur Sex, weil sie lieben“, sagt sie. "Eine Klientin von mir hatte Lust auf Sex, wenn sie mit ihrem Mann Sport gemacht hat. Das hat sie glücklich gemacht und erregt. Das entspricht überhaupt keinem Klischee."

Viele verschiedene Gründe für Sex

Dass Menschen sogar hunderte Gründe für das Liebesspiel haben, hat die US-Forscherin Cindy Meston bei einer Befragung von mehr als 1000 Interviewten herausgefunden. Insgesamt kategorisierte die Psychologin die Antworten in 237 Gründe. Die häufigsten sind bei Männern und Frauen ähnlich: Anziehung, Lust auf Befriedigung und ein gutes Gefühl.

Frauen gaben aber auch weniger offensichtliche Gründe an. Konkurrenz etwa war für manche ein Grund für Sex: "Ich hatte Spaß am Sex mit ihm und wollte gleichzeitig beweisen, dass ich besser bin als die andere Frau, mit der er schlief", gab eine 18-Jährige in der Studie an. Mehrere Frauen nutzten Sex auch als Mittel, um Konflikte zu vermeiden: "Mein Mann meckert oft darüber, dass wir nicht genug Sex haben", schildert eine 59-Jährige in der Befragung. „Also lass ich es einfach zu. So ist das Eheleben.“

Was braucht es also für guten Sex? Zu wissen, wie ihr im Bett tickt, aus welchen Beweggründen ihr Sex habt und was ihr dabei braucht, ist ein erster entscheidender Schritt.

Die Hamburger Sexualberaterin Susanna-Sitari Rescio hat ein Modell entwickelt, das sowohl Männern als auch Frauen hilft, sich selbst sexuell besser zu verstehen.

(Hier erklärt Susanna ihr Modell vor der Kamera:) 

NEON-Reihe #sexbewusst: Diese 6 Fragen zeigen dir, wie du sexuell tickst

Wenn ihr das gleich mal praktisch testen wollt, legen wir euch unseren interaktiven #sexbewusst-Podcast ans Herz (die erste Folge findet ihr unten). Susanna führt euch darin durch die Aspekte der sexuellen Persönlichkeit. Indem ihr zuhört und euch auf die Übungen einlasst, die sie vorschlägt, könnt ihr während der Podcast-Folge herausfinden, wie ihr sexuell tickt. Erkundet, welche Erfahrungen ihr gemacht und welche Wünsche ihr habt.

Wenn ihr wisst, was ihr wollt, ist das ist eine gute Basis, um euch mit eurem Partner oder eurer Partnerin noch besser auszutauschen. Und das wiederum ist - so einfach es klingt - der Schlüssel zu besserem Sex.