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Meinung

Alte Rollenbilder: Bevor ihr euch einen Verlobungsring schenken lasst, seid euch einer Sache bewusst

Unsere Autorin möchte heiraten, aber keinen Verlobungsring. Sie versteht nicht, wieso nur Frauen ein Symbol vorehelicher Bindung tragen sollen.

Von Carina Kaiser

Verlobung

Von der Verlobung bis zur Hochzeit markiert der Ring ausschließlich die Frau als "besetzt", findet unsere Autorin

Es ist ein ruhiger Morgen in Manhattan im Jahr 1969, als an der Kreuzung 5th Avenue und 57th Street, gleich neben dem Central Park, aus dem Taxi steigt. Vor dem riesigen Schaufenster des Nobeljuweliers Tiffany & Co. bleibt sie stehen und genießt dort eineinhalb Minuten lang ihr Frühstück. 

Die Anfangsszene von "Frühstück bei Tiffany" ist fast genauso kultig wie der Schmuckkonzern selbst. Er zählt heute zu den drei größten auf der Welt. Das Unternehmen verkauft jährlich Juwelen im Wert von mehr als drei Milliarden Euro. Ein Großteil dieser Diamanten wird später zu den beliebten und teuren Tiffany-Verlobungsringen verarbeitet.

Fast 50 Jahre später stehe ich in einem Berliner Juwelierladen am Ku’damm und mustere den funkelnden an meinem linken Ringfinger. "Fühlst du es?", fragt der Verkäufer, der mich vor wenigen Sekunden noch nötigte, mir den Ring testweise anzustecken. "Das ist unser Klassiker: Silber, mit einem kleinen Diamanten", erzählt er mit emsigem Unterton. Kostenpunkt: knapp 300 Euro. Ich fühle nichts. "Ein Mann muss doch etwas in der Hand haben, wenn er seiner Auserwählten einen Antrag macht", sagt der Verkäufer. Ich habe da wohl eine andere Vorstellung von Romantik. 

Verlobung: Willst du für mich reserviert sein? 

Im Netz wird das sogenannte Verlöbnis als Versprechen zweier Personen erklärt, bald die einzugehen. Und traditionell macht der Mann der Frau den Antrag. Der Verlobungsring ist in diesem Akt zum ultimativen Symbol geworden, das Heiratsversprechen zu besiegeln. 

Ein Symbol, das ausschließlich die Frau bis zur Hochzeit als "besetzt" brandmarkt. Für mich wirkte das schon immer wie eine Art Reservierung der Frau – während sich der Mann weiter umgucken kann. 

Kreative Anträge, Ringe und die Frage "Willst du mich heiraten?" werden als besonders romantisch angesehen, auch in der Popkultur. Jedem dürften sofort Szenen aus bekannten Filmen und Märchen in den Kopf kommen. 

Seit einigen Jahren gibt es auch in sozialen Netzwerken einen echten Hochzeitsantrag-Kult: Unter dem Hashtag #proposal oder #engagementring finde ich mehrere Millionen Beiträge. Abertausende Bilder, in denen Frauen ihre errungenen Klunker an manikürten Händen präsentieren. Auf wird "der schönste Heiratsantrag der Welt" fast viereinhalb Millionen mal geklickt und mit süßlich neidvollen Liebesgratulationen kommentiert. Das Gefühl des unendlichen Glücks, den Höhepunkt im Leben erreicht zu haben, liegt in der Luft. 

Für mich hat das mehr mit Kommerz als mit Romantik zu tun. Aber es steckt noch weitaus mehr dahinter. 

Der amerikanisierte Besitzanspruch schwappt über

Ich bin neugierig geworden. Der Hype um den Verlobungsring scheint immer größer zu werden. Geht es um Ausgaben rund um die Hochzeit, sind die Menschen in den USA Spitzenreiter. Nirgendwo sonst werden so viele Verlobungsringe verkauft. Tendenz steigend: Wo im Jahr 1910 etwa 10 Prozent aller Bräute einen Diamantring zu ihrer Verlobung bekamen, waren es im Jahr 1990 schon 80 Prozent.  

Heute trägt nahezu jede verheiratete Frau in den USA einen Verlobungsring. Und wie es scheint, wuchs das Verlangen der Bräute nach einem vorehelichen Ring proportional zur Größe ihrer Diamanten: Der Durchschnittspreis für einen Karat ist in den letzten 50 Jahren um mehr als das Zehnfache gestiegen.

Der Durchschnitts-Amerikaner investiert umgerechnet 5500 Euro in einen Verlobungsring. "Boom" ist gar kein Ausdruck. 

"Was ein Mann wirklich von einer Frau hält, erkennt man an den Ohrringen, die er ihr schenkt", erklärt Audrey Hepburn in Frühstück bei Tiffany. Glaubt man Marilyn Monroe, sind die besten Freunde eines Mädchens. 

Werbekampagnen und Filme haben es geschafft, den Diamantring beim Antrag unausweichlich zu machen. Ein ungeschriebenes Gesetz, das als sichtbares Symbol für die Ewigkeit gilt. 

In den letzten Jahren kam der Hype um das kleine Schmuckstück auch in Deutschland an. Mittlerweile tragen sogar meine verheirateten Freundinnen einen Verlobungsring. Als ich bei den unverheirateten nachfragte, gaben die meisten von ihnen an, sie wünschten sich bei der Verlobung einen. Damit gehören sie zu den knapp 30 Prozent befragter Frauen und Männer in Deutschland, die der Meinung sind, ein Verlobungsring gehöre zu einem perfekten Heiratsantrag dazu. Warum ist das so? 

Wir denken immer noch in alten Rollenbildern 

"Es ist die Inszenierung, die uns blendet", sagt Dr. Stevie Schmiedel. Sie ist promovierte Kulturwissenschaftlerin mit Schwerpunkt Genderforschung. "Wir wissen, dass jede zweite Ehe geschieden wird. Aber ein Antrag fühlt sich gut an. Wie ein Heile-Welt-Moment." 

Der Mann kniet vor der Frau nieder und überreicht ihr ein wertvolles Geschenk als Zeichen seiner Liebe. 

"Wie wäre es, wenn die Frau ihm den Ring anstecken würde? Soweit sind wir noch längst nicht", sagt Schmiedel. Wir verfallen in unser altes Rollenmodell, in dem die Frau vom Mann abhängig ist und sein Antrag die höchste Form der Bestätigung darstellt. Wer kann es uns vorwerfen? Lange haben sich Frauen in der verstaubten Rolle der Vollzeit-Ehefrau bestens aufgehoben gefühlt. 

Unsere höchste Identität ist laut der Expertin die unseres Geschlechts. "Es fängt damit an, dass wir bereits in frühen Jahren in unsere Rolle 'Mädchen' oder 'Junge' erzogen werden und besonders viel Lob bekommen, wenn wir unsere Rolle zufriedenstellend erfüllen", sagt Schmiedel. 

Diese Rollenzuweisungen sind aber in Bewegung. Seit fast 100 Jahren haben Frauen in Deutschland das Wahlrecht – und seit mindestens 40 Jahren sprechen wir von Feminismus. "Die Rollenbilder sind aber immer noch in uns verankert", erklärt die Genderforscherin. 

Für mich klingt das nach einem schlechten Tauschgeschäft: Wir werfen unsere als fortschrittlich erachteten Entwicklungen über Bord und kehren zu alten, konservativen Wertvorstellungen zurück. Die Frau ist durch den Ring als "vergeben" gekennzeichnet und nur sie trägt das Symbol der vorehelichen Bindung. Als würde der Kampf um Gleichstellung umsonst gekämpft. Warum lassen Frauen so unreflektiert einen Rückschritt in die Vergangenheit zu? 

Die Gier nach der romantischen Maskerade 

Weil unsere Rollenbilder sich durch Disney-Filme und Märchen manifestiert haben.  Dort wählt der Prinz seine Prinzessin aus und fällt vor ihr auf die Knie. Am Ende wird die Prinzessin immer geheiratet. "Der Mann hat damit seine Männlichkeit bewiesen und seiner Rolle alle Ehre gemacht. Beide haben sozusagen ihr Happy End erreicht", sagt Schmiedel. 

Da ist was dran. Im Berliner Juwelierladen denke ich darüber nach, wie glücklich meine Freundinnen über ihren Verlobungsring sind. Wie sie strahlen, wenn sie den Ring zeigen und alle drum herum anfangen zu kreischen. Sie zeigen damit: Seht, was ich geschafft habe. Anscheinend fühlen sie sich in dieser Rolle wohl. 

"Selbst wenn es Maskerade ist, das Bild, das seit unserer Kindheit in uns angelegt ist, wird in dem Moment erfüllt", sagt Schmiedel. Diese romantische Illusion zu zerstören, wäre hässlich. Es würde die Glitzerwelt als Inszenierung entlarven. 

Ich frage mich trotzdem: Was wäre, wenn wir diese Tradition einfach fairer gestalten würden? Wenn der Mann zum Beispiel auch einen Verlobungsring tragen würde? Wenn das Symbol der vorehelichen Bindung eine Partnerkette oder etwas ganz anderes wäre? "Dann könnte man sich vermutlich auf die nächste Frage stürzen," sagt die Genderforscherin. Zum Beispiel: "Warum trägt allein die Frau bei der Hochzeit weiß, die Farbe der Unschuld?"