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Kolumne

Lauf, Lars, lauf: "Auf Lösungen kommt es nicht an": Warum es helfen kann, vor Problemen davonzulaufen

Gefühle verdrängen und vor Problemen weglaufen – das kennen wir alle. Das sich Probleme so nicht lösen lassen, ist zwar klar, schwierige Momente macht es trotzdem erträglicher! Unser Autor erklärt, warum Davonlaufen manchmal auch hilfreich sein kann.

Von Lars Weisbrod

Mann läuft auf dunkler Straße

Gefühle verdrängen und vor Problemen weglaufen – wir erklären, warum es manchmal hilfreich sein kann (Symbolbild)

Unsplash

Neulich habe ich versucht, das Haus zu verlassen. Hat nicht geklappt, ein Stadtmarathon versperrte den Weg. Zum Zuschauen gezwungen, stellte ich mir vor, dass all die Menschen nicht für Fitness, Spaß oder die gute Marathonzeit rennen. Sondern dass hier 20 000 Leute vor ihren Problemen weglaufen. Vor dem Ärger mit dem Chef, vor der dritten Mahnung, vor den Zweifeln an der Liebe. Statt sich diesen Unzumutbarkeiten zu stellen, haben die Leute ihre Laufschuhe angezogen und rennen, bis sie nicht mehr können. Das wäre tatsächlich mal ein ausgefallenes Event: gemeinsames Weglaufen, eine Eskapismus-Massenveranstaltung. Und es wäre endlich gelungenes Marketing für das zu Unrecht in Verruf geratene Verdrängen von Problemen.

"Auf eine Lösung kommt es selten an" 

Dietmar Dath, der, finde ich, beste, klügste deutsche Autor, hat einmal begründet, warum er einen Redakteursjob aufgab. "Es gibt fast keine Schwierigkeiten", schreibt Dath, "die man nicht mittels Davonlaufen erträglicher machen kann (Probleme löst man so natürlich nicht, aber auf Lösungen kommt es in der Praxis selten an)." 

Den Satz könnten alle Marathonläufer auf ihren Leibchen tragen, er gehört als Wandtattoo in alle WGs, auf Postkarten, kopiert in alle Social-Media-Profile, überall, immer.

Dass es auf Lösungen in der Praxis tatsächlich selten ankommt, sieht man auch an der eigenen Lebensgeschichte. Neulich sprach ich mit einer alten Freundin über die Probleme, die wir in der Pubertät plötzlich vor den Kopf geknallt bekamen; damals, als man sich von kindlicher Geborgenheit verabschieden musste in die echte Welt aus Moral und Sexualität, aus Gewinnen und Verlieren. Was man sich da alles fragte: Warum bin ich der hässlichste Mensch der Welt? Warum ist die Welt so schlecht? Wie kann ich überhaupt ein Leben führen, wenn ich weiß, dass ich irgendwann sterbe und alle, die mir etwas bedeuten, auch? Jetzt, anderthalb Jahrzehnte später, stellten wir fest: Keines dieser Probleme belastet uns noch. Nicht weil wir eine Lösung gefunden hätten. Die Wahrheit ist simpler: Je älter man wird, desto seltener denkt man noch an solche Probleme.

Erwachsen werden ist wie Weglaufen

Erwachsenwerden selbst ist nichts als Weglaufen, um das Leben erträglicher zu machen. Ich finde das manchmal sogar reizvoll. Da stelle ich mir hin und wieder vor: Herr Weisbrod hat seinen Text nicht abgegeben, wir erreichen ihn nicht. Ich habe mir dann ein Flugticket gekauft, treibe mich irgendwo zwischen Caracas und Havanna herum, Panamahut, weißer Leinenanzug. Keiner findet mich. Dann sitze ich im Gewitter wie einst Max Frischs Walter Faber auf Kuba, in einem "Schaukelstuhl, ringsum rauscht es, ein plötzlicher Platzregen mit Wind", die E-Mails und dritten Mahnungen landen in toten Briefkästen, unzustellbar.

Wenn ich mir das fertig ausgemalt habe, ist es meist auch schon wieder gut. Probleme löst man so nicht, da hat Dietmar Dath recht. Aber wenn wir mit Laufen unsere körperliche Fitness instand halten, wird man ja wohl ab und zu mit Davonlaufen auch die geistige reparieren dürfen.

Dieser Artikel ist erstmals in der NEON-Ausgabe 07/2017 erschienen.

Daddy und Little