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NEON-Kummerkasten

Erwachsenwerden: Hilfe! Ich will ausziehen, aber meine Mutter klammert – was soll ich tun?

Hast du Sorgen oder Kummer? Wähle einfach diese … Nein, Moment. Das war was anderes. Das hier ist der NEON-Kummerkasten. Echte Fragen, echte Antworten. Weil man manchmal einfach nicht mehr weiter weiß und ein bisschen Hilfe braucht. Können wir voll verstehen.

Lieber Nestflüchter,

das Allerwichtigste zuerst: Du musst kein schlechtes Gewissen haben. 

Dass du dich schuldig fühlst, quillt aus jeder Pore deines Textes und so verständlich wie das ist, so ungesund ist es. Du bist 25 Jahre alt, du bist erwachsen, du willst in den Berufsalltag einsteigen und dich endlich wirklich unabhängig fühlen. Das geht nicht, solange du dir noch das Bad, den Kühlschrank und die Waschmaschine mit deinen Eltern teilst. Man kann eine nette Bekanntschaft, die man bei den After-Work-Drinks in der Firma kennenlernt, nicht mit zu den Eltern nach Hause nehmen. Und je schneller du auf die 30 zugehst, desto weniger sollte deine Mutter mit der Wäsche deiner Unterhosen zu tun haben. Fakt.

Ich bin schon sehr früh von zu Hause ausgezogen und ins Ausland gegangen. Aber ganz egal, ob ich schon seit Jahren alleine wohnte und meine Mutter 90 Prozent der Zeit nicht wusste, wo ich mich abends so rumtreibe – immer, wenn ich in den Ferien zu Hause war und abends mit Freunden wegging, ließ meine Mutter das Licht im Flur brennen. Damit ich es ausmachen konnte, wenn ich kam und sie somit wusste, ob ich schon da bin. "Mama", sagte ich, "das ist doch Quatsch. Wenn ich nicht hier bin, weißt du doch auch nicht, ob ich schon daheim bin." "Das stimmt", antwortete sie, "aber wenn du hier bist, fühlt sich das irgendwie anders an." Es ist ganz egal, wie alt wir sind – fünf Monate, fünf, 15 oder 50 Jahre alt – für unsere Mütter werden wir immer ihre Babys sein. Und sein Baby muss man beschützen. Das Baby deiner Mutter will jetzt das sichere Nest verlassen. Sie wird nicht mehr wissen, was du abends so machst, ob du auch genug isst, ob du genug Schlaf bekommst, wer sich um dich kümmert, wenn du krank bist. Das ist gruselig für sie.

NEON-Kummerkasten

Wenn dir auch eine Frage auf dem Herzen brennt und du einfach mal die Meinung einer die völlig fremden aber sehr freundlichen Person hören möchtest, dann schreib uns! Unter kontakt@neon.de mit dem Betreff "Kummerkasten". Dass wir deinen Brief anonym behandeln ist ja wohl selbstverständlich. Und ganz viel Liebe geben wir ihm auch noch. <3

Unsplash

Natürlich brauchst du deine Mutter noch – das wird sie merken

Aber: Auch wenn deine jetzt klammert, kannst du sicher sein, dass sie sich schon das eine oder andere Mal überlegt hat, was man mit deinem Zimmer machen könnte, wenn du nicht mehr da bist. Oder wie schön es wäre, mal wieder nackig durch die Wohnung zu rennen. Oder deinen Vater mal als Nachtisch zu vernaschen, ohne sich irgendwelche scheinheiligen Gründe ausdenken zu müssen, wieso Mama und Papa jetzt mal eine Stunde im Schlafzimmer verschwinden müssen. Das willst du vielleicht so genau gar nicht wissen, aber deine Eltern sind nun mal auch Menschen.

Und eigentlich dürfte es dir in die Karten spielen, denn: Ja, deine Mutter klammert jetzt. Natürlich. Sich Gedanken über die Zeit NACH deinem Auszug zu machen, ist etwas ganz anderes, als mit dir gemeinsam dein Zimmer einzupacken. Aber nach deinem Auszug wird sie höchstwahrscheinlich recht schnell feststellen, dass das alles halb so wild ist. Dass du ja nicht aus der Welt bist. Dass du sie sehr wohl noch brauchst. Und dass sie dir mit 25 erlauben muss, dir ein eigenes Leben aufzubauen.

Und wenn all das nicht zieht, dann hast du immer noch das ultimative Totschlagargument: "Mama, wenn du willst, dass das in geraumer Zeit was mit Enkelkindern wird, dann darf mein Schlafzimmer nicht neben eurem liegen." Wahrscheinlich spendiert sie dann sogar noch eine Runde Umzugskartons.

Halt die Ohren steif lieber Nestflüchter, du packst das!

Dein Kummerkasten

Ein Mädchen schaut durch einen Türspalt
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