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Tabuthema: "Was für eine Pussy?" Warum über sexuelle Gewalt an Männern kaum gesprochen wird

Es ist ein selten diskutiertes Thema: Männer, die von Frauen sexuell missbraucht werden. Zahlreiche Fälle kommen gar nicht erst an die Öffentlichkeit - und das hat seinen Grund.

Ein Mann guckt in die Ferne

Auch Männer werden sexuell misshandelt – an die Öffentlichkeit gehen danach doch nur die Wenigsten

Unsplash

Dass Frauen regelmäßig sexuelle Gewalt erleben, ist traurige Tatsache. Laut einer Studie der Bundesregierung von 2004 haben rund 25 Prozent der Frauen im Alter von 16 bis 85 Jahren mindestens einmal in ihrem Leben körperliche und/oder sexuelle Partnerschaftsgewalt erlebt. Das ist schlimm und macht betroffen. Aber nicht nur Frauen werden Opfer, auch Männer können die Leidtragenden sein - doch davon hört man noch seltener. Und wenn, dann scheint es ganz weit weg.

So soll in der vergangenen Woche im US-Bundesstaat Montana eine 19-Jährige ihren Ex-Freund vergewaltigt haben. Laut "Fox Montana" soll sie bei ihrem ehemaligen Partner eingebrochen sein, als dieser nicht zu Hause war. Nach seinem Eintreffen soll die Frau ihm befohlen haben, sich auszuziehen. Dabei habe sie ihn mit einer Machete bedroht, sich schließlich auf ihn gesetzt und ihn zum Sex gezwungen. Ein extremes Beispiel - sicherlich. Aber trotzdem kein Einzelfall.

Wieso hört man so selten von solchen Fällen?

Doch warum hört man so wenig von Männern, die von Frauen vergewaltigt werden? Iris Hannig, die als Psychotherapeutin bei der Opferhilfe Hamburg arbeitet, sieht das immense Schamgefühl der Männer als Grund.

Für Männer sei es aufgrund des gängigen Gesellschaftsbildes vom starken Mann noch schwieriger, sich als Opfer einer Vergewaltigung zu outen. Viele Männer hätten ein Problem damit, eine Gewalttat öffentlich zu machen, da das männliche Selbstbild und die Opferidentität nicht zusammen passten. Darüber hinaus spielt für Hannig aber auch die Reaktion anderer Männer eine wesentliche Rolle: "Die Betroffenen fühlen sich beschmutzt, beschämt und gedemütigt." Laut Hannig ginge das zwar auch den meisten Frauen so, trotzdem sei die Hemmschwelle bei Männern noch etwas größer: Die Angst vor Hohn und Unverständnis anderer Männer trage dazu viel bei. Außerdem würde die Thematik oft von anderen Männern heruntergespielt oder sogar als "vergnügliche sexuelle Fantasie" dargestellt.

Ein Blick auf die Kommentarspalten auf Facebook zu dem oben beschriebenen Fall in Montana, genügt, um das zu bestätigen: "Was für eine Pussy!" Oder "Wie konnte er überhaupt Sex haben, wenn er Angst hatte?", kommentieren zahlreiche User.

Aber wie funktioniert eine Vergewaltigung bei Männern körperlich überhaupt?

Oftmals wird angenommen, dass ein Mann bereit für Sex ist, sobald er eine Erektion hat - ein weitverbreiteter Irrtum: "Der Körper kann physisch erregt werden, ohne dass man psychisch angeregt ist. Wenn der Mann mechanisch stimuliert wird, kann es zu einer Erektion kommen,“ erklärt Iris Hannig. Auch in Stress- oder Angstsituationen kann ein Mann also eine Erektion bekommen. Dies könnte auch im Fall aus Montana zutreffen.

Der Tatsache, dass auch Männer vergewaltigt werden und anschließend Schutz suchen möchten, wird bei uns in Deutschland bisher nicht allzu viel Beachtung geschenkt: Mehr als 400 Frauenhäusern stehen bundesweit gerade einmal vier Männerhäusern gegenüber. Für Iris Hannig ein großes Problem: "Wenn sich bei uns ein gewaltbetroffener, schutzsuchender Mann meldet, können wir ihm meistens nur sagen, dass es uns Leid tut, wir aber auch nicht wissen wo er hingehen kann, um Schutz zu erhalten." Professionelle Beratung und Unterstützung bekommen die Opfer vom Team der Opferhilfe Hamburg zwar, auch unabhängig davon, ob sie sexualisierte, körperliche oder psychische Gewalt erfahren haben. Ein Männerhaus existiert in der Hansestadt jedoch nicht.

Das Bundeskriminalamt hat für das Berichtsjahr 2015 eine Auswertung zur Partnergewalt in Deutschland vorgelegt: Insgesamt waren unter den 2436 Betroffenen von Vergewaltigung und sexueller Nötigung 26 Männer. Die Dunkelziffer dürfte um einiges höher sein. Für die Betroffenen wäre es wichtig, dass das Stigma endlich aufgebrochen wird und männliche Opfer auch gerade von anderen Männern nicht noch zusätzlich Leid durch Hänseleinen erfahren müssen.

lui
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