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Mit Trauma umgehen: Brief an mein 18-jähriges Ich - fast zehn Jahre nach meiner Vergewaltigung

"Du hattest keine Schuld": In einem offenen Brief wendet sich unsere Autorin an ihr 18-jähriges Ich, viele Jahre nachdem sie eine Vergewaltigung erlebt hat. Sie möchte damit anderen Betroffenen Mut machen - und sich ihre Geschichte zurückholen.

Psyche

Viele Jahre nach einem traumatisierenden Erlebnis schreibt unsere Autorin einen Brief an ihr 18-jähriges Ich. Sie möchte anonym bleiben

Trigger-Warnung: In diesem Text wird eine Vergewaltigung beschrieben, was für manche Menschen retraumatisierend wirken kann. Wenn du Opfer einer Gewalttat geworden bist, kannst du dich jederzeit an einen Arzt wenden. Hilfe und Beratung findest du auch telefonisch und im Netz.

"Mein liebes 18-jähriges Ich,

bevor ich irgendetwas anderes sage, möchte ich, dass du eines weißt: Ich bin nicht sauer auf dich. Das war ich eine Zeit lang. Ich habe dich verflucht für deine Feigheit, über deine Angst geschimpft. Aber inzwischen weiß ich, dass das nichts bringt. Wir müssen zusammenhalten, wir zwei. Und damals wusstest du es einfach nicht besser.

Damals hast du all denen geglaubt, die dir die Schuld gegeben haben. Die dich eine Schlampe genannt haben. Die sich von dir weggesetzt haben. Die am anderen Tisch lauthals über dich gelacht haben. Die selbst dann noch mit dem Finger auf dich zeigten, wenn du weinend vor ihnen standest. Das ist nicht feige, das ist ganz natürlich. Das ist Selbstschutz. 

Heute weiß ich für uns beide, dass sie im Unrecht waren. Dass sie kein Anrecht darauf hatten, dich zu verurteilen. Dass das, was geschehen ist, nicht deine Schuld war. Dass wir uns nicht schämen müssen. Dass wir nichts falsch gemacht haben. Gerade das ist sehr wichtig.

Es ist ganz egal, wie viel Wein du getrunken hattest und es ist ganz egal, ob ihr schon ab und zu mal rumgeknutscht hattet. Du hast Nein gesagt. Du hast Nein gesagt, bevor du eingeschlafen bist. Du hast Nein gesagt, nachdem er bereits minutenlang deinen Mund auf seinen Penis gedrückt hatte. Nachdem du minutenlang versucht hast, dich zu befreien, weil du doch einfach nur schlafen wolltest. “Du musst beenden, was du angefangen hast.” Dieser Satz wird dir auch Jahre später noch im Kopf herumgeistern. Weil er so falsch ist. Du musstest überhaupt nichts.

Und doch musst du dich noch fast ein Jahrzehnt später immer wieder damit auseinandersetzen, dass er dir gegen deinen Willen seinen Penis eingeführt hat. Anal. Dass er dir, während du geschlafen hast, die Strumpfhose ausgezogen hat. Dein Kleid hochgeschoben hat. Und dich vergewaltigt hat. Dieses Wort wirst du erst Jahre später finden. Du wirst es immer wieder von dir wegschieben und sagen “Das hat mit mir nichts zu tun.” Denn Vergewaltigung, das ist doch, wenn einen irgendjemand nachts in einen Busch zerrt. Jemand den man nicht kennt. Ja, auch das ist Vergewaltigung. Und du wirst immer wieder dankbar sein, dass es nicht so war. Aber du wirst auch lernen, dass Vergewaltigung viele Gesichter hat. Bekannte Gesichter. Vertraute Gesichter. 

So sehr ich eine Weile wütend auf dich war, bin ich dir auch sehr dankbar. Dankbar, dass du dein Vertrauen und deinen Glauben an das Gute im Menschen nie verloren hast. Es wäre so einfach gewesen. Du hast gedacht, du würdest dich einem Freund anvertrauen. Das ist verständlich – wie solltest du alleine deine Gedanken ordnen? Du konntest nicht wissen, dass er so reagieren würde. Dass er heimlich Gefühle für dich gehegt hat und anstatt dich in den Arm zu nehmen, nur seine eigenen Gefühle verletzt sehen würde. Dass er es allen erzählen würde. Dass er ihnen im Wortlaut erzählen würde, was dir passiert ist. Dass niemand sehen würde, dass all das nicht richtig war. Dass du jemanden gebraucht hättest, der dich beschützt. Besonders vor dir selbst und deinen Schuldgefühlen. Und trotz all der Sticheleien, trotz des täglichen Bombardements mit Zitaten aus der schlimmsten Nacht deines Lebens, hast du den Kopf weit oben gehalten und einfach weiter gemacht.

Du bist keine Schlampe. Du hattest das nicht verdient. Deine Tränen sind etwas wert. DU bist nicht das Problem. All das wirst du in ein paar Jahren anfangen zu verstehen. Versteh mich nicht falsch, es wir nicht immer einfach sein. Es wird dir schwer fallen, Nähe zuzulassen und richtig von falsch zu unterscheiden. Du wirst dir selbst die Schuld geben und noch viel zu lange Kontakt mit dem Menschen haben, der all dieses Übel angefangen hat. Du wirst ihn niemals anzeigen. Aus Angst, dass sein Leben dadurch zerstört werden könnte. Absurd, nicht wahr? Aus Angst, dass dir niemand glauben wird. Und auch diese Entscheidung wirst du immer wieder rechtfertigen müssen. Vor Menschen, die nicht du sind. Die niemals werden nachvollziehen können, was in dir vorgeht – und sich trotzdem eine Meinung bilden. Aber weißt du was? Das ist in Ordnung. 

Und auch, wenn sich das gerade nicht wirklich so anfühlt, gibt es ein Licht am Ende dieses Tunnels. Du wirst lernen, dass darüber zu sprechen die beste Medizin ist. Das klingt schwierig, ich weiß. Aber du wirst klein anfangen – bei einer wundervollen, einfühlsamen  Therapeutin. Und Stück für Stück wirst du es erst einer Freundin erzählen, dann einer anderen und dann noch einer. Und mit jedem Mal, dass du laut aussprichst, was dir passiert ist, wird es ein bisschen leichter werden. Wird ein kleines Stückchen der Last von deinen Schultern genommen. Wirst du merken, dass es gut tut, dir deine Geschichte zurückzuholen. 

Wünsche ich mir manchmal, dass alles anders gekommen wäre? Dass ich an diesem Abend nicht noch zu ihm gegangen wäre? Jeden Tag. Aber frag mich lieber, ob ich wahnsinnig stolz auf uns bin, weil wir das gemeinsam durchgestanden haben und immer noch durchstehen. Denn meine Antwort wird immer die gleiche sein: Du kannst dir nicht vorstellen, wie sehr."

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