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#Foodporn: Ein Psychologe erklärt: Darum fotografieren so viele Menschen ihr Essen

Erst das Foto, dann darf gegessen werden - genau das hat unser Autor mit einer guten Freundin erlebt. Deshalb wollte er von einem Sozialpsychologen wissen, warum so viele auf einmal ihr Essen fotografieren.

Jemand fotografiert mit seinem Handy sein Essen

War das schon immer so, dass wir unser Essen fotografiert haben?

Es fing alles mit einem Restaurantbesuch an. Ich war mit einer guten Freundin unterwegs und hatte richtig Kohldampf. Wir bestellten und das Essen kam zum Glück schnell. Ich wollte gerade anfangen, da sagte sie auf einmal: "Nein, noch nicht. Ich muss noch ein Foto machen."

Ich dachte zuerst, das sei ein Scherz und fing trotzdem an zu essen. "Leg dein Besteck hin“, fauchte sie mich an. "Ich will unser Essen fotografieren. Es sieht so gut aus." Ich resignierte und ließ sie ihr Bild machen. Sie war glücklich und ich durfte anschließend meinen leeren Magen füllen, ohne mir einen stundenlangen Monolog anhören zu müssen. Alles halb so wild, dennoch ließ mich die Szene nicht mehr los. Warum muss sie von einem normalen Essen ein Foto machen? Für wen? Für ihre Instagram-Story? Für ein paar Likes? Für ihre Snapchat-Buddys?

Wie war es wohl in den 1980ern-Jahren, als meine Eltern noch jung waren. Damals gab es noch kein Instagram, Facebook oder Snapchat. Damals gab es noch kein Smartphone mit zwei Kameras. Damals gab es einen Fotoapparat mit einem Film drin. Damit machte man 30 Fotos und der Film war voll. Anschließend gab man den in einem Laden ab. Dort wurde er entwickelt und nach zwei oder drei Wochen waren die Bilder fertig. Da kam bestimmt keiner auf die Idee, seinen Freunden zu zeigen, was man vor zwei oder drei Woche gegessen hatte!? Oder doch?

"Es ist definitiv eine Form der Selbstdarstellung"

"Meine Großeltern konnten sich immer ganz genau daran erinnern, was sie wann und wo gegessen haben", sagt Alexander Bodansky. Er ist Dozent für Sozialpsychologie an der Universität Hamburg. Heute sei es schlicht einfacher, Fotos davon zu machen. "Die Kosten, ein Foto von seinem Essen zu machen, sind nicht mehr so hoch." Das Essen habe damals schon fantastisch aussehen müssen, damit sich das Foto gelohnt habe, so der Psychologe.

Warum aber tun es überhaupt so viele? "Es ist definitiv eine Form der Selbstdarstellung", glaubt Bodansky. "Allerdings ist Essen auch ein super Indikator für Gruppenmitgliedschaft und soziale Milieus, denen wir angehören. Wir können daraus ableiten, welcher sozialen Schicht wir entsprechen." Politiker würden Food-Fotos zum Beispiel einsetzen, um sich volksnah zu zeigen. Es sei deshalb mehr als nur ein Statussymbol, so der Wissenschaftler. "Auf der einen Seite funktioniert es als Abgrenzung nach dem Motto: 'Schaut her, was ich mir leisten kann.' Auf der anderen Seite kann man sich damit auch solidarisch zeigen: 'Ich bin auch einer von euch. Ich esse auch Burger.'"

Tatsächlich zeigt ein Blick in die Kunstgeschichte, dass es nichts Neues ist, sein Essen zu dokumentieren. Es gibt zahlreiche Bilder von höfischen Mahlen, unter anderem "Das Gastmahl im Hause des Levi" des italienischen Malers Paolo Veronese, um nur ein Beispiel zu nennen. Damals dokumentierte man damit, was man bei Hofe aß und welche Personen daran teilnahmen. Und auch heutzutage machen es viele. Fast zwei von drei Deutsche haben laut einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts "YouGov" schon mal ihr Essen abgelichtet. Allein auf Instagram findet man unter dem Hashtag #foodporn mittlerweile über 152 Millionen Bilder.

Fotografiertes Essen soll besser schmecken

Außerdem wollen US-Forscher herausgefunden haben, dass fotografiertes Essen besser schmeckt. Das geht aus einer Forschungsarbeit des "Journal of Consumer Marketing" aus dem Jahr 2016 hervor. Die Studie ergab, dass Mahlzeiten, die im Netz geteilt werden, schmackhafter sind. Zudem sorgt der Verzicht, also sein Essen nicht zu fotografieren, dafür, dass etwas fehle. Dadurch schmeckt die Mahlzeit wiederum schlechter.

Im Umkehrschluss heißt das: Für meine Freundin ist das Fotografieren des Essens mittlerweile so wichtig, dass es bereits den Geschmack verändert. Trotzdem muss ich persönlich sagen, dass es mich nervt.

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