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Interview

Tier-Verzicht fürs Klima?: Journalistin fordert, Haustiere abzuschaffen – und tritt eine Welle der Entrüstung los

In einem viel beachteten Text mit dem Titel "Lasst uns die Köter abschaffen" fordert Katharina Schwirkus, aus Klimaschutzgründen auf Haustiere zu verzichten. Das Ergebnis: viel Entrüstung – und sogar Morddrohungen. NEON sprach mit der Journalistin über ihren Kater und darüber, was sie eigentlich sagen wollte.

Frau mit Katze auf den Knien

Treue Begleiter – und Klimakiller? Wenn es um Haustiere geht, wird sehr emotional diskutiert. (Symbolbild)

Getty Images

"Wer dem Klima etwas Gutes tun will, der sollte sich weder einen Hund noch eine Katze anschaffen", schreibt Katharina Schwirkus in ihrer Kolumne "Lasst uns die Köter abschaffen". Haustiere seien schlecht für das Klima und es sei egoistisch, sie in einer Großstadt zu halten, merkt die Journalistin an. Der Text, der Anfang Juli in der Zeitung "Neues Deutschland" erschien, rief einen Sturm der Entrüstung hervor. Bei Twitter finden sich unter dem Beitrag bereits ganze 600 Kommentare, die von Tierfotos der eigenen Haustiere über Beleidigungen wie "saudämlich" bist zu "verschwinden Sie aus unserem Leben" reichen.

Fakt ist: Die Deutschen lieben ihre Haustiere. Sehr sogar. Fast 34 Millionen Tiere leben nach Erhebungen des Zentralverbandes Zoologischer Fachbetriebe Deutschlands (ZZF) in deutschen Haushalten. Neben Katzen (14 Millionen) und Hunden (neun Millionen) halten die Deutschen auch zahlreiche Kleintiere; und die Zahlen steigen.

Fakt ist auch: Einige Forscher kritisieren die Ökobilanz von Haustieren, da Hunde wie Katzen Fleisch fressen, Lebensraum benötigen und medizinisch versorgt werden wollen. Aber ist das Abschaffen von Haustieren eine sinnvolle Idee oder nimmt der Klimadiskurs mittlerweile absurde Züge an? Mit NEON hat Katharina Schwirkus über die Idee hinter ihrem Text gesprochen.

NEON: Katharina, du hast deinen Text Anfang Juli veröffentlicht. Hat dich das Ausmaß der Reaktionen überrascht?

Katharina Schwirkus: Ja, auf jeden Fall. Als die Kolumne veröffentlicht wurde, war ich noch im Urlaub und habe nicht so häufig online gecheckt, was passiert. Als Journalistin ist man es gewohnt, dass die eigenen Texte kontrovers diskutiert werden und vielleicht nicht jedem gefallen. Aber über meinen Text wurden sogar Videos produziert. Zwei Youtuber, von denen einer aus der rechten Szene stammt, beschimpfen mich in ihren jeweiligen Produktionen regelrecht: der eine als 'links-grün-versiffte Journalistin', der andere mit frauenfeindlichen Kommentaren. Ich habe sogar Morddrohungen bekommen und wurde aufgefordert, mich doch 'einfach zu löschen'. Selbst jetzt bekomme ich am Tag noch drei oder vier Nachrichten.

Wie bist du auf die Idee zu dem Artikel gekommen?

Ich bin vor einem Jahr Mutter geworden und da ändert sich natürlich die Sicht auf viele Dinge. Ich bin einfach in der Großstadt darauf aufmerksam geworden, wie viel Hundekot überall rumliegt und so kam mir die Idee, einen gedankenanregenden Kommentar zum Thema Haustiere zu schreiben.

Frau

Katharina Schwirkus ist Onlineredakteurin bei "Neues Deutschland"

Wie ernst war es dir mit der Forderung, Haustiere abzuschaffen?

Mein Text lief in der Printausgabe und online unter "Kolumne", also ein Beitrag mit einer subjektiven, persönlichen Meinung zu einem Thema. Und ich habe den Inhalt auf jeden Fall ironisch gemeint. Dahinter verbirgt sich natürlich die Kritik an einer Art Haustierwahn und daran, dass Menschen ihre Tiere unglaublich betüddeln. Aber Haustiere sind nicht das größte und einzige Problem, wenn es um das Thema Klima geht, was ich in meinem Text auch nie behauptet habe. Es wäre viel wichtiger, weniger zu fliegen, den Verkehr zu reduzieren oder bewusster einzukaufen. Ich wollte die Haustiere nur als einen Aspekt der Debatte beleuchten.

Würdest du den Text nochmal so schreiben?

Wahrscheinlich nicht in dieser Form. Ich würde sicherlich die Ironie hinter meiner Aussage deutlicher machen, da viele Leserinnen und Leser das offensichtlich nicht so aufgefasst haben. Rückblickend würde ich den Text entweder komplett als satirischen Beitrag schreiben und kennzeichnen oder bei einem ernsteren Text eine andere Wortwahl benutzen – zum Beispiel nicht so oft das Wort "Köter" verwenden, um nicht abfällig zu klingen.

Hast du ein Haustier?

Ich hatte in meiner Kindheit zu Hause einen Kater. Als ich ausgezogen bin, war ich auch mit dem Problem konfrontiert, ihn zu Hause zu lassen, weil es mit Tier noch schwieriger ist, ein WG-Zimmer in der Großstadt zu finden. Zudem hat man dort einfach nicht den entsprechenden Platz. Mein Kater hat dann die Zeit bis zu seinem Ableben bei meinen Eltern und später auf einem Bauernhof verbracht, wo ich ihn mit meiner Mutter hinbringen konnte.

Keine Kinder fürs Klima, keine Tiere fürs Klima – ist die Debatte nicht auch ein bisschen abgegriffen mittlerweile?

Das kann man sicher so sehen – umso mehr haben mich die Reaktionen auf meinen Text überrascht. Meine Idee, das Thema nochmal aufzugreifen, kam eigentlich genau daher, weil es mich so gestört hat, dass alle gerade darüber diskutieren, keine Kinder zu bekommen, statt an einer Ebene darunter anzusetzen – wie zum Beispiel bei den Haustieren. Bevor wir aufhören, Kinder zu bekommen, sollten wir vielleicht erst überlegen, ob wir uns Haustiere anschaffen.

Aber viele Menschen haben deinen Punkt ja offensichtlich nicht verstanden ...

Ja, das stimmt. Aber ich denke, diese Diskussion zeigt weniger, dass die Menschen nicht über Themen reflektieren oder sie verstehen. Sondern sie beweist, was für eine Debattenkultur aktuell herrscht. Es gibt einige Wenige, die bei Social Media laut sind – und zwar die, die auf andere mit negativen Kommentaren einwirken wollen. Interessanterweise war die Debatte auf Facebook bei diesem Beitrag deutlich entspannter als auf Twitter, obwohl man es vielleicht andersrum erwarten würde. Aber man kann es auch nicht Debatte nennen, wenn einfach tausend Leute schreiben, wie schlecht sie etwas finden.

Gibt es denn aus deiner Sicht eine Lösung?

Ich denke, man sollte sich einerseits wirklich genau überlegen, ob man sich ein Tier anschaffen will. Und auch gesamtgesellschaftlich sollten wir darüber reden, warum wir Haustiere halten. Aber die Debatte sollte nicht so emotional, sondern sachlich geführt werden – vor allem wenn es primär um das Thema Klima geht. Denn da muss sich gesamtgesellschaftlich etwas ändern und die Tiere sind das kleinste Problem, über das wir gar nicht reden müssten, wenn die großen Probleme im Fokus ständen.

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