HOME

Interview mit Aktivistinnen: Studentinnen wegen Containerns verurteilt: "Wir wollen uns nicht kriminalisieren lassen"

Franzi und Caro nahmen Lebensmittel aus dem Müllcontainer eines Supermarktes mit – dafür wurden sie vor Gericht verurteilt. Warum sie ihre Strafe absurd finden und was sich in Deutschland ändern muss, erzählen sie nun NEON.

Studentinnen wegen Containerns verurteilt: "Wir wollen uns nicht kriminalisieren lassen"

Zwei Studentinnen wurden nun wegen Containerns verurteilt. Sie hatten Lebensmittel aus dem Müllcontainer eines Supermarktes mitgenommen.

Unsplash

Was sagt ihr zu dem Urteil?

Natürlich sind wir erst einmal traurig, dass es kein Freispruch geworden ist. Andererseits sind wir zwar verurteilt, aber eine richtige Strafe haben wir nicht bekommen, sondern nur eine Verwarnung.

Ihr hättet eine Einstellung des Verfahrens erwirken können, indem ihr den Strafbefehl von 1200 gezahlt  oder acht Sozialstunden bei der Tafel geleistet hättet. Warum habt ihr euch gegen diese Optionen entschieden?

1200 Euro wären für uns finanziell eine harte Strafe gewesen. Und es schien uns absurd, für das Retten von Lebensmitteln zur Strafe zur Tafel zu gehen – die auch Lebensmittel rettet. Außerdem wollten wir uns nicht kriminalisieren lassen. In Deutschland sind fünf weitere Fälle bekannt von Menschen, die wegen Containern strafrechtlich verfolgt werden. Wir wollten eine Art Präzedenzfall schaffen, damit andere Angeklagte nicht für eine solche Strafe so einen Aufwand betreiben müssen.

Containern: Diebstahl oder Lebensmittelrettung?

Ihr seid des Diebstahls angeklagt worden. Findet ihr, dass ihr eine Straftat begangen habt?

Der Richter hat in der Urteilsverkündung mehrmals betont, dass er unser Handeln nicht verurteilenswert findet, weil er die moralische Ambition dahinter sieht. In Deutschland ist Containern immer noch schwierig, weil man damit vor dem Gesetz zum Beispiel das Eigentum einer Supermarktkette verletzen kann. Aber es gibt für uns einen Unterschied zwischen einem Eigentum, das man aufgegeben hat und zum Beispiel der eigenen Geldbörse, die man verliert. Wir sind der Meinung, dass wir niemandem einen Schaden zugefügt haben – und wir haben einfach nicht damit gerechnet, dass unsere Aktion in dem Maße verfolgt wird.

Wenn ihr die Wahl hättet, würdet ihr nochmal Containern?

Natürlich wollen wir weiterhin Lebensmittel retten. Das muss aber nicht unbedingt Containern bedeuten. Wir sind mittlerweile mit ein paar lokalen Politiker*innen ins Gespräch gekommen. Mit ihnen gemeinsam möchten wir Supermärkte zur Kooperation auffordern und Strukturen zur Umverteilung aufbauen, beispielsweise öffentliche "FairTeiler"-Kühlschränke.

Kurz nachdem ihr angeklagt wurdet, habt ihr eine Online-Petition gestartet. Für "Containern ist kein Verbrechen" haben mittlerweile fast 100 000 Menschen unterschrieben. Was wollt ihr mit eurem Aufruf bewegen?

Wir glauben, dass sich in Deutschland etwas ändern muss, wenn es um Lebensmittel geht. Andere europäische Länder sind da schon viel weiter – dort müssen Supermärkte die Lebensmittel zum Beispiel an Tafeln verteilen. Das fordern wir auch für Deutschland, weil die Lebensmittel dann gar nicht erst in der Tonne landen und Containern überflüssig wäre. Wir fordern von der Politik, auf unterschiedlichen Ebenen zu handeln: Beispielsweise benötigt es eine grundlegende Umstrukturierung der EU-Agrarsubventionen. Auch eine Alternative oder Ergänzung zum Mindesthaltbarkeitsdatum muss gefunden werden.

Diese Lebensmittel haben einen schlechten Ruf
Themen in diesem Artikel