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Städtetrip Barcelona: Sand and the City

Hinein ins Vergnügen: Barcelona ist derzeit nicht nur für Fußballfans eine Reise wert. Kataloniens Hauptstadt ist Badeort, Partyhochburg, Bilderbuch der Geschichte und Kunstgeschöpf in einem.

Von Martina Wimmer

Bruder Sergi kocht, mit zwei Sternen dekoriert, in einem Luxushotel. Eddie hat es lieber schlicht, in Combat-Hosen und schwarzem T-Shirt serviert er bodenständige katalanische Küche auf hohem Niveau. Das zurückhaltende Interieur seines Lokals in Braun und Beige, so erklärt er, sei ein Spiegel seines katalanischen Gemüts. Er schätze Klarheit und Ordnung, deswegen sei Eixample sein liebstes Viertel in der Heimatstadt. Im selben Atemzug erläutert er die bunte Dekoration im Eingangsbereich seines Ladens. Ungezählte handbemalte Briefumschläge tapezieren dort die Wände, ein jeder mit einem anderen Motiv. Er hat sie alle selbst gestaltet, um seine heutige Frau zu erobern.

In Barcelona schlägt das Herz der Katalanen, und zwei Taktgeber treiben es an, seny und rauxa, Vernunft und Rausch. Klarer Verstand und Pragmatismus, vereint mit überbordender Lust und Laune. Und so kann man in den sortierten Straßen von Eixample in sehr vornehmen Restaurants die Ohren von Schweinen verspeisen und muss lernen, dass der entfesselte Baumeister Gaudí strenggläubiger Katholik und rigider Asket war.

Als Stadt der Widersprüche ist Barcelona oft beschrieben worden, aber das ist ein zu einfaches Label. Es ist wohl eher so, dass sie hier schon länger wissen, dass Bodenhaftung die Voraussetzung für gelungene Luftsprünge ist, der Wille zur Form kein Korsett sein muss und das Leichte nicht ohne das Schwere sein kann.

Gràcia, das Dorf in der Großstadt

Auch deswegen entfaltet Barcelona seine Eigenheit dort am besten, wo sich Vergangenheit und Gegenwart ganz unspektakulär treffen, wo die Tradition Alltag ist. Nördlich der Passeig de Gràcia bekommt das Leben einen ruhigen Rhythmus. Viele Barceloneser zieht es genau aus diesem Grund dorthin. Das Viertel Gràcia ist ein eingemeindetes Dorf, den früheren Frieden hat es sich bewahrt. Schlichte Häuser in Pastellfarben rahmen die Plaça del Diamant, ein paar Bäume, wenig Menschen, Kinder, die spielen. Auf den Stühlen der einzigen Bar sitzen herausgeputzte Teenager-Mädchen und üben das große Leben.

Mercè Rodoreda, die große Dame der katalanischen Literatur, hat dem Ort ein Denkmal gesetzt. "Auf der Plaça del Diamant", ihr berühmtester Roman, erzählt ein Frauenleben zur Zeit des Spanischen Bürgerkriegs, ihren Mann

Filetierter Fisch und Tratsch

In Gràcias Markthalle Mercat de la Llibertat, der Gaudís Assistent Francesc Berenguer i Mestres ein Dach geschenkt hat, dessen Giebel aussehen, als wären sie mit Spitze umhäkelt, zerteilen Fischhändlerinnen Meerestiere seit bald 130 Jahren mit chirurgischer Präzision, begleitet von einem unaufhörlichen Wortschwall. Man muss kein Katalanisch können, um zu begreifen, dass ihre Kunden ebenso fachmännisch über die Ware parlieren wie sie und mit dem filetierten Fisch die Neuigkeiten aus dem Viertel ausgetauscht werden.

Gràcia ist beschaulich und Bohème zugleich, Bioläden und Yoga-Studios gehören zur Nachbarschaft der "Bodega Quimet", einer Vermut-Bar wie zu Rodoredas Zeiten, rauschhaft dekoriert mit alten Flaschen und Fässern. Wenn dort mächtige Brotscheiben mit marinierten Makrelen serviert werden, legen die Gäste andächtig ihre Smartphones weg.

Die 18 Türme der Sagrada Família

Aber vielleicht sind Zeiten und Moden relativ in einer Stadt, die seit 133 Jahren an ihrer größten Sehenswürdigkeit baut. Im ersten Drittel dieses Jahrhunderts, so die vagen Vermutungen, soll die Sagrada Família, Antoni Gaudís Lebensprojekt, achtzehn Türme haben und mit 170 Metern die höchste Kirche der Welt sein. Jordi Bonet, dessen bescheidene Werkstatt in Gràcia in der dritten Generation existiert, wird dann kaum sagen können, wie viele bunte Glasplatten er geschnitten hat, um die Mosaikfenster zusammen zu setzen, die jährlich gut drei Millionen Besucher der Kirche begeistern.

Es ist eine übermächtige Erfahrung, in dem Bauwerk den Kopf in den Nacken zu legen, die Masse der Details und Formen, das flirrende Licht, es wird einem schnell schwindlig dabei, auch weil man vergeblich versucht zu begreifen, wie groß die Vorstellungskraft des Architekten gewesen sein muss. Bonet, den zierlichen Mann mit der Halbglatze, versetzt der Umstand, dass er zu Gaudís Meisterwerk mit seinen Fenstern einen so markanten Beitrag leistet, nicht in Aufruhr.

Es seiein Auftrag wie jeder andere, die Kirche hatte er, bevor er dort zu arbeiten begann, noch nie betreten. Sein Großvater, der Gründer des Betriebs, habe das Gebäude übrigens verabscheut. So wie viele seiner Generation, die das exaltierte Formenspiel des Modernisme nach seiner Blüte nicht mehr sehen wollten.

Zwischen Schornsteinen auf dem Dach

Ich dagegen kann mich kaum sattsehen. Dort, wo die Straßen sich zu Boulevards ausdehnen, wartet das schönste Freilichtmuseum der Welt. Bis zur Nackenstarre verzückt, stolpere ich von einem Kunstwerk zum nächsten. Umrunde die festungsartige Casa Terrades mit den drei Treppenhäusern: Für jede Tochter des Auftraggebers musste Architekt Josep Puig i Caldafach 1905 ein eigen gestaltetes Entree bauen. Träume mich auf filigrane schmiedeeiserne Balkone, versuche Blicke zu erhaschen in von Blumenmalerei berankte, meterhohe Hausflure. Werde sanft verscheucht von Menschen, die versuchen, ihre Wohnstätten, Arztpraxen, Büros zu erreichen. Ganz unglaublich scheint es, dass in den märchenhaften Kulissen Menschen leben, leiden, arbeiten.

Selbst in einem von Gaudís Kunstbauten, der Casa Milà, dürfen neugierige Besucher die Namen der Bewohner an den Briefkästen studieren. Nachts kann man dem wundersamen Haus mit der gewellten Fassade aufs Dach steigen. Zwischen Schornsteinen, die aussehen wie eine Alien-Armee, glaubt man, auf einem anderen Planeten spazieren zu gehen, und verpasst gleichzeitig den Besuchersturm bei Tag.

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