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Ibiza: Eine leise Überraschung

Zugedröhnte Späthippies und charmelose Neureiche gibt es auf Ibiza reichlich. Aber abseits der Feierkultur findet man menschenleere Strände und Oasen der Ruhe.

Von Wolfgang Röhl

Worin das Geräusch der Stille genau besteht, ist schwer auszumachen. Denn bei ruhiger See dringt so gut wie kein Wellengeräusch von der Felsenbucht Cala s'Aubarca zu den Wanderwegen über der Steilküste. Gelegentlich Möwengekreisch. Kein Motorbrummen. Die Umgebung ist weiträumig unbebaut, geadelt zum "Naturgebiet von besonderem Interesse". Sanft wiegt sich ein weißes Segelboot in der Mitte der Bucht. Vom Deck hechtet lautlos ein Körper ins tiefblaue Wasser. Zikaden, ja! Die müssen überall sein, in den Pinien, den Gräsern, zwischen Felsen. Sie sind es wohl, die die feine, hochfrequente Klangfolie verlegen, die sich in den Ohren einnistet wie ein milder Tinnitus. Es duftet nach Pinienharz, Thymian, Rosmarin. Ein verschwitzter junger Wanderer steigt einen Pfad empor, der hinab ans Wasser führt. "Bon dia", sagt er. Schon ist er vorüber.

Und das hier soll Ibiza sein? Wir sind in den Amunts, dem Bergland im Norden der Insel. Die Gegend zwischen Sant Antoni, weltgrößte Besäufnisanstalt für Briten, und Cala Sant Vicent, eine schöne, aber heftig bepflasterte Badebucht, ruft nicht eine einzige der Assoziationen hervor, die zäh an Ibiza kleben. Nein, hier dröhnt keine Megadisco, tobt kein Partyvolk, hier gibt's kein Ecstasy, keine Angeber mit gemieteten Nobelyachten, keinen Schickimicki- Auftrieb. Die Amunts bilden eine aufgeräumte Landschaft aus moderaten Hügeln, roten Olivenhainen, grünen Weinbergen, Mandel- und Zitrusplantagen sowie Schafen, die sich so durch den Tag mümmeln. Die Fincas, knallweiß gegen den blauen Himmel aufgestellt, blenden regelrecht.

Das soll Ibiza sein?

Sant Mateu am Endpunkt der Straße 804-1 täuscht durch seine mächtige Kirche einen richtigen Ort vor, besteht aber nur aus einer Handvoll Häuser. Allerdings gibt es gleich zwei Restaurants, die von Touristen zehren. Denn von hier aus kann man sich nicht nur die Cala s'Aubarca erwandern, sondern sternförmig auch andere, wunderbar unaufgeregte Ecken auskundschaften. Und ganz in der Nähe liegt die Bucht von Benirras, in der Nina Hagen 1987 einen minderjährigen Punkrocker freite. Möglicherweise sind es nachgebliebene Schwingungen der schrillen Lady, die dafür sorgen, dass bis heute Hippies (ja doch, auf Ibiza gibt es noch oder wieder welche!) an die Bucht pilgern. Dort ziehen sie sich den Sonnenuntergang und mehr rein und trommeln und tanzen dazu, spießigerweise immer sonntags. Der DuMont-Reiseführer nennt das ein "gesteigertes Lebensgefühl". Man besichtigt das Spektakel am besten von der Terrasse des Strandlokals "Roca y Mar", wo es unter anderem ein leckeres, im Knoblauchsud geköcheltes Hähnchen gibt.

Vergessene Idylle

Das Image, ganz Ibiza sei sommers eine donnernde Drogenparty, und an allen Stränden liege haufenweise delirierendes Jungvolk herum, hängt mittlerweile wie Blei an der touristischen Bilanz. Es verhindert, zusammen mit der mediokren Qualität der allermeisten Unterkünfte, dass endlich mehr Familien, gut situierte Paare und Singles auf die Insel kommen. Doch man braucht nur einen Tag mit dem Leihwagen über die Insel zu fahren, um einen besseren Eindruck zu kriegen. Klar gibt es die Discos, klar die knallharten Horte des Massentourismus wie die Platja d'en Bossa, Santa Eulària (Spitzname unter Inseldeutschen: "Eule"), die Cala Blanca oder Sant Antoni, die es mit Malles Schinkenstraße aufnehmen können.

Doch das Gros der schmalen Buchten und auch manche der größeren Strände sind touristisch keineswegs überlaufen. Die Cala Boix südlich von Sant Vicent zum Beispiel ist nach wie vor nicht viel mehr als der Tipp von Insulanern; genau wie Sa Caleta, ein Kieselstrand nahe der Flughafenpiste, malerisch eingerahmt von hohen roten Sandsteinabbrüchen, oder die Cala Xarraca bei Portinatx. Karibisch-türkises Wasser umspielt einen am gut besuchten, aber selten überlaufenen Strand von Es Cavallet in Nachbarschaft einer Saline. Und den ultimativen Sonnenuntergang genießt man - na? - eben nicht im "Café del Mar" in Sant Antoni, einer grotesk überschätzten In-Bar mit eigenem Merchandising. Man schaut ihn sich in der Bucht Cala Vedella an, wo der untergehende Glutball von den in Stufen abfallenden Felsvorsprüngen gerahmt wird. Im dramatisch geröteten Wasser ankern Boote, und die Menschen am Strand sehen aus wie Scherenschnitte.

Als Welt-Tourismuserbe anmelden müsste man die Hotelanlagen in der Cala Llonga am Ende eines langen Fjordes. Es handelt sich um ein schnörkelloses, kantiges, gut in Schuss gehaltenes Bettenburg-Ensemble im Stil der 60er Jahre. Der reinste Retro-Park, Relikt einer fernen Zeit, als die Deutschen reisen lernten.

Zauberhafte Momente

Und dann ist da noch Ibiza-Stadt, wo die Fähren nach Mallorca und Formentera und Barcelona abgehen, wo Kreuzfahrtriesen, Trawler und Luxusyachten ihre Fänge anlanden. Die Stadt riecht nach See und Schiffsdiesel und gegrilltem Fisch, und im schicken, schwulen, modeversessenen, ausgehwütigen Stadtviertel Sa Penya steppt jetzt im Sommer der Salamander, Ibizas liebstes Label. Sa Penya liegt unterhalb eines Berges, auf dem die Oberstadt Dalt Vila erbaut wurde, als Zuflucht vor Piraten und Invasoren aller Couleur und Epochen. Gekrönt wird das Ganze von einer niemals fertiggestellten Festungsanlage mit Kastell. Den schönsten Blick auf das Gesamtkunstwerk hat man vom Fährenkai, und die beste Zeit dafür sind jene zehn magischen Zwielichtminuten zwischen Ende der Dämmerung und Anbruch der Dunkelheit. Für dieses Bild, ein im Hafenwasser sich spiegelndes Happening, ließe wahrscheinlich sogar ein eingefleischter Raver mal seine Amphetamine stecken. Es ist ja selbst eine Art Droge, dieses Bild.

Am besten sind sowieso die kleinen Momente der Insel. Zum Beispiel auf dem Platz an der Kirche von Santa Gertrudis ("Trude") sitzen, die so unverschämt cool in ihrer gelb-weiß getünchten Schlichtheit wirkt, dass Atheisten bei ihrem Anblick glatt katholisch werden könnten. Ein herrlich entspannter Ort in der Inselmitte, wo die Häuser einstöckig nach Adobe-Art gebaut sind und hübsch authentisch aussehen. In Trude also vor der wunderbaren "Bar Es Canto" sitzen, Leute beobachten, sehr kaltes, schaumloses San- Miguel-Bier trinken, am Magno-Brandy nippen und Boquerones essen, sauer marinierte Sardellen in Öl und mit Kräutern belegt.

Oder aber vis-à-vis in der gleichfalls wunderbaren "Bar Ulivaus" dasselbe tun. Oder das Ganze nebenan verrichten, in der ebenfalls wunderbaren "Bar Costa".

So viele Möglichkeiten. Das hier muss Ibiza sein.

Tipps und Adressen
Beste Reisemonate: Mai/Juni und September/Oktober. Sehenswert: Mittelalter-Festival in Ibiza-Stadt (Anfang Mai)
Flüge: Zum Beispiel mit Air Berlin, Lufthansa, Germanwings (ab 200 Euro)
Pauschalreisen: Hotel Club Vista Bahia Inturco, Portinatx; Hotel Miami Intertur, Es Cana; All-inclusive-Resort Palladium Palace Ibiza, Playa d'en Bossa (alle bei Neckermann). Ibiza-Fincas im Thomas-Cook-Katalog "Country and Style"
Individuell: zum Beispiel Finca La Colina nahe Santa Eulària, ab 86 Euro Einzelzimmer/Hauptsaison, Tel. + 34/971 33 27 67; www.lacolina-ibiza.com.
Stadtadresse für schmale Brieftaschen am selben Platz (Hostal Parque, Tel. +34/971 30 13 58; www.hostalparque.com, nach eigener Angabe "schwulenfreundlich").
Nicht versäumen: Platja de Migjorn (langer, Sylt-ähnlicher Sandstrand an der äußersten Südspitze mit Hippies, Schwulen, mehr oder weniger Schönen).
Cala Portinatx (beeindruckende Bucht mit vielen Wandermöglichkeiten in der Umgebung, stark touristisch erschlossen, doch mit Charme). Sant Carles an der 810 nach Sant Vicent (im einstigen Hippie-Treff "Bar Anita" gegenüber der Kirche bekommt man gute Tapas und sitzt, wo schon allerhand Pop-Zelebritäten saßen).
Torre del sal rossa (der Turm des roten Salzes steht nahe der nördlichsten Saline in Flughafennähe und diente zum Schutz der Salinenarbeiter vor Piraten). Bar und Restaurant "Racó Verd" gegenüber der Kirche von Sant Josep (sehr hübsch mediterran gestalteter Innenhof, gute Musik und Drinks). Restaurant "Sunset Ashram" an derCala Comte (spektakulärer Blick auf das Meer und die unbewohnten Inseln vor der Westspitze Ibizas).
Restaurant "Bon Profit" an der angesagten Placa des Parc in Ibiza-Stadt (kleine Karte, solide Gerichte, niedrige Preise, nur mittags und abends).
Infos über Märkte, Bars, Unterkünfte etc.:
www.ibiza-tourist-info.com
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