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Outdoor-Kleidung Helden des Alltags

Der Alltags-Held ist für alle Fälle gerüstet - auch für den Fall, dass schon heute Nachmittag die Klimakatastrophe einsetzt
Der Alltags-Held ist für alle Fälle gerüstet - auch für den Fall, dass schon heute Nachmittag die Klimakatastrophe einsetzt
© Colourbox.de
Abenteurer-Jacken, Cargohosen, Reißverschlüsse mit zwölf Funktionen: Die Deutschen lieben Outdoorkleidung - selbst für den Weg ins Büro. Ein Report über eine jubelnde Branche.
Von Christine Mortag

Der Deutsche wandert gern. Das ist nichts Neues. Ziemlich neu ist allerdings, dass er jetzt auch Wanderjacken trägt, obwohl weder Berg noch Natur in der Nähe sind. Nicht einmal ein paar Hügel. Stattdessen wimmelt es in den Fußgängerzonen der Innenstädte von Menschen, die in ihren moppeligen Daunenjacken mit Pelzkragen aussehen wie Teilnehmer einer Südpolexpedition. Perfekt geschützt gegen Orkantiefs, Extremkälte und Lawinen, könnten sie in ihren multifunktionalen Outdoorjacken den Mount Everest besteigen oder in der kanadischen Wildnis einen Bären erlegen, doch tatsächlich wollen sie nur morgens mit der S-Bahn ins Büro fahren oder mittags die Kinder vom Hort abholen.

Der Anorak ist stadtfein geworden. Outdoorbekleidung hat die Nische für Naturfreaks und Klettermaxe verlassen und sich zu einem gigantischen Lifestyle- Markt für jeden entwickelt. Das Geschäft wächst in etwa so rasant wie das Volumen einer aufblasbaren Airvantage- Jacke. Im vergangenen Jahr gaben die Deutschen 1,66 Milliarden Euro für Funktionsjacken, Cargohosen, Wanderschuhe und Rucksäcke aus. Outdoorspezialisten wie Jack Wolfskin, Schöffel und The North Face freuen sich über Wachstumsraten im zweistelligen Bereich. Am häufigsten gekauft werden Softshell-Jacken. Die machen immun gegen Regen, Wind und Schnee und sind so widerstandsfähig, dass sie mehrmals von einem Lastwagen überfahren werden könnten, ohne zu reißen.

Vom Geheimtipp zum Trend

Wie sehr sich der Outdoormarkt verändert hat, lässt sich am Beispiel "Globetrotter" nachvollziehen. Als 1979 auf 140 Quadratmetern der erste Laden in Hamburg- Wandsbek eröffnete, war er ein Geheimtipp für Althippies und Extremsportler. Zur Einweihung servierte der Survival- Experte Rüdiger Nehberg ein Würmermenü. Weltumsegler und Wüstendurchquerer, Himalaya-Kletterer und Tibet-Backpacker kauften hier das Equipment für ihre Expeditionen, ebenso Greenpeace-Aktivisten. Heute ist Globetrotter ein Ausrüstungsimperium mit etwa 200 Millionen Euro Jahresumsatz und sechs Filialen. Der 720- Seiten-Katalog offeriert rund 25.000 Produkte von 700 Herstellern.

"Unsere Ursprungskunden, die Hardcore- User, machen nur noch etwa zehn Prozent aus", schätzt Globetrotter-Geschäftsführer Andreas Bartmann. Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt auch eine Studie des Allensbacher Instituts. Demnach gehen nur zehn Prozent der Bundesbürger regelmäßig auf Wanderschaft und nur ein Prozent tatsächlich rauf auf die Berge. Unter dem großen Rest sind viele Spaziergänger, die zu Outdoorbegeisterten mutieren.

Rund 10.000 dieser Menschen fallen pro Tag in die Kölner Globetrotter-Filiale ein, mit 7000 Quadratmetern das größte Outdoorfachgeschäft in Europa. Der Laden ist aufgemacht wie ein Erlebnispark: mit Klettertunnel, künstlichem See, Kältekammer, Regenwalddusche und sogar einer Impfstation. In diesen Laden flüchtet der Großstädter zu einer Kurzreise ins Abenteuerland, um für ein paar Stunden mit Faltbooten und Wurfzelten zu hantieren anstatt mit Businessplänen und Powerpoint-Präsentationen.

Zurück zu den Ursprüngen?

"Je technisierter die Welt wird und je weniger wir handwerklich und körperlich arbeiten, desto mehr sehnen sich die Menschen nach Ursprünglichkeit", sagt Sabine Koppe vom Hamburger Trendbüro. So kann sich der Sachbearbeiter in seiner Outdoorjacke ein bisschen wie Jack London oder Südpolbezwinger Roald Amundsen fühlen.

Das Helden-Gefühl allein erklärt aber nicht den Hype. "Der moderne Mensch, besonders der deutsche, will für alle Eventualitäten des Lebens gewappnet sein", sagt Sabine Koppe. Auch für den Fall, dass schon heute Nachmittag die Klimakatastrophe einsetzt. "Wenn eine Jacke in der Antarktis dicht hält, dann gibt sie uns auch bei einem Sturm an der Hamburger Außenalster Sicherheit", so Koppe.

Die Trendforscherin nennt dies "die Professionalisierung des Alltags" oder: den Drang nach Perfektion in allen Bereichen. Für den lassen sich auch anderswo Beispiele finden: Manche Privatküchen sind besser ausgestattet als die Garzone eines Dreisternekochs. "Zugleich wird immer weniger gekocht", sagt Frau Koppe. "Doch das perfekte Equipment weist uns als Kenner aus."

Speziell Männer neigen zur Fachsimpelei. Genauso wie sie beim Thema Auto länglich über Antiblockiersysteme, Drehzahlen und Fahrdynamik dozieren können, heißt auch bei der Outdoorbekleidung die Parole: Vorsprung durch Technik.

Auf der nächsten Seite lesen Sie, wer das erste Outdoor-Kleid auf den Markt brachte - und warum

Ein profaner Mantel aus 100 Prozent Wollfilz ist nicht besonders sexy. Dagegen haben die Hightech-Features der Branche ein ganz anderes Angeberpotenzial: Jacken, die "Protectory GTX M" (Salewa) heißen oder "Evolution TriClimate" (The North Face) und aus "100%-Nylon- Omni-Tech-By-Ply-Double Rip HP" (Columbia) oder "Stromlock Hyproof Stretch 2L" (Jack Wolfskin) sind. Stoffe, die atmen und gegen UV-Strahlen und Insekten schützen. Selbstreinigende Fasern aus der Nanotechnik, die im All getestet wurden. Reißverschlüsse mit zwölf verschiedenen Funktionen oder Jacken mit eingebautem GPS-Gerät und Track-Back-Taste (damit man auch sicher zurück nach Hause findet). Firmenbesitzer Peter Schöffel analysiert das Kaufverhalten der Männer feinfühlig: "Funktion ist die rationale Absicherung einer emotionalen Entscheidung."

Das neue Ourdoor-Design

Obwohl sich Outdoormode über ihren praktischen Nutzen verkauft, ist es den Herstellern gelungen, sie auch optisch der Gegenwart anzupassen. Früher sahen die Jacken aus wie schlammfarbene Säcke; heute sind sie tailliert, es gibt sie in Schwarz oder in knalligen Farben. "Wir sind so modisch geworden, dass wir sogar den Modefirmen etwas vom Geschäft wegnehmen", sagt Peter Schöffel. Der Spezialist für Ski- und Wanderkleidung brachte kürzlich erstmals ein Outdoorkleid auf den Markt - immerhin ist seine Kundschaft zu 50 Prozent weiblich.

An so viel Erfolg wollen auch branchenfremde Konkurrenten teilhaben. Discounter wie Aldi oder Kaffeeröster Tchibo bieten Outdoorbekleidung zum Schnäppchenpreis an. Da passiert es schon mal, dass ein Kunde bei Globetrotter fragt, warum er hier 350 Euro für eine Jacke ausgeben solle, wenn er sie im Billigmarkt für 29,90 Euro bekomme. Dem empfiehlt Andreas Bartmann: "Dann stellen Sie sich bei uns mal in den Windkanal. Da werden Sie den Unterschied schon merken."

Und wer es gewohnt ist, sich in Designerlabels einzukleiden, findet auch bei der Outdoormode etwas Passendes. Die Marken der Luxuskategorie heißen Woolrich, Moncler, Peuterey und Napapijri. Weit wandern muss man dafür nicht: Die Läden liegen meist in direkter Nachbarschaft zu Prada und Gucci.

Wenn demnächst also wieder der Kollege in K2-tauglicher Montur das Büro stürmt, nicht wundern: Die Outdoorjacke ist zum Sport Utility Vehicle - kurz SUV - unter den Anziehsachen geworden. Jener Geländewagen, der in erster Linie zum Brötchenholen genutzt wird und dessen einzige Herausforderung darin besteht, eine Parklücke in der Innenstadt zu finden. Ausgestattet mit allem Pipapo, aber für den eigentlichen Zweck völlig überqualifiziert.

Den eigentlichen Zweck gründlich missverstanden haben auch die Geschäftsmänner in einem dieser typischen Businessflieger morgens nach Frankfurt. Über ihren edlen Anzügen tragen sie autoreifendicke Multifunktionsjacken. Schon richtig, die sollen in vielen Tausend Metern Höhe funktionieren. Allerdings waren ihre Entwickler davon ausgegangen, dass man da selbst hochklettert.

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