HOME

Saisoneröffnung auf Ibiza: Die Party geht weiter

Jahrelang haben Ibizas Inselbehörden versucht, ihr partywütiges Eiland zur Familien- und Luxus-Destination umzumodeln. Die Sperrstunde wurde verlängert, Polizeikontrollen verstärkt, After-hours verboten. Doch in Zeiten der Krise zeigt sich jetzt, wer der Baleareninsel die Treue hält.

Von Claudia Pientka

Auf Ibiza folgt die Zeitrechnung ihren eigenen Gesetzen. Natürlich gilt der gregorianische Kalender, aber mindestens genauso wichtig ist der Zeitplan, den die Diskobetreiber der Insel erarbeitet haben. Mit ihren Openings und Closings bestimmen sie, wann der Sommer beginnt und endet. Die Werktage dazwischen sind wohl verteilt: Der Montag gehört Sven Väth im Amnesia, der Dienstag Carl Cox im Space, der Donnerstag David Guetta im Pacha und so weiter. Die Stimmung der Baleareninsel mag mystisch sein, das Mantra "No pasa nada" (Alles kein Problem) entspannt, aber der Spaß wird nirgendwo sonst auf der Welt so professionell organisiert wie auf Ibiza.

In den vergangenen Jahrzehnten hat sich die einstige Hippie-Enklave Ibiza vom spirituellen Getaway zur Partyinsel für Pauschal- und Premiumreisende entwickelt. Gerade einmal 60 Kilometer lang und 40 Kilometer breit ist die drittgrößte Baleareninsel und einer der beliebtesten Urlaubsorte für Spanier, Briten und Deutsche. Etwa 117.000 Ibizenker müssen mit jährlich etwa 2,5 Millionen Touristen fertig werden. Wie ein Schwarm Heuschrecken fallen die zwischen Mai und September über das Eiland her.

10.000 Euro für ein VIP-Ticket

Wie bunt gemischt das Urlaubspublikum ist, sieht man schon in der Ankunftshalle von Ibizas Flughafen: Neben Maxi-Cosis rotieren Plattenkoffer auf dem Gepäckband, vorgebräunte Schönheiten klackern mit ihren High Heels gegen das Gejohle von Kleinkindern an. Nur die Hautevolee, die mit ihren Privatjets einschwebt, findet über getrennte Ausgänge den Weg in ihre Range Rover. Erst wenn die Nacht sich über die Insel senkt, werden sich viele von ihnen wiedersehen.

Zum Beispiel im Amnesia. Der Nachtklub an der Straße von Ibiza-Stadt nach San Rafael öffnet an einem Samstag Mitte Juni, aber richtig los geht es erst zwei Tage später. Denn immer montags residiert Sven Väth mit seiner Party "Cocoon" im Amnesia. Seit zehn Jahren lädt der Frankfurter DJ zum sommerlichen Stelldichein auf Ibiza und bisher kamen jedes Jahr verlässlich mehr Besucher. Oben, auf der Tribüne, die Promis, die bis zu 10.000 Euro - Getränke bis zu diesem Limit sind inklusive - zahlen, um einen Tisch zu reservieren. Unten, auf den beiden Dancefloors, das gewöhnliche Partyvolk, das sich aber nicht minder amüsiert.

Boris Becker knutschte hier seine Sandy, Puff Daddy wippte zu Techno-Beats, Sienna Miller nippte am Champagnerglas. Die VIPs gelangen über die Gästeliste hinein; die mehreren tausend Besucher müssen für ihr Ticket etwa 40 Euro berappen - an der Abendkasse deutlich mehr. Dafür bietet ihnen das Personal eine Party der Superlative: Dutzende Go-gos winden ihre halbnackten Körper um alles, was einer Stange ähnelt. Gelegentlich werden sie abgelöst von noch hübscheren Cocoon-Tänzerinnen oder verkleideten Freaks, die sich auf Stelzen in die Menge mischen. Alle haben dieselbe Aufgabe: Die Gäste zum Tanzen und Trinken zu animieren. Bei Preisen von 10 Euro für ein Bier oder 20 Euro für eine Piccolo Sekt war das schon in den vergangenen Jahren nicht immer einfach. Dieses Jahr kommt noch die Finanzkrise hinzu.

Durchfeiern verboten

Ist die Wirtschaftsflaute auch beim Partyvolk angekommen? Johannes Goller, Organisator der cocoonschen Partyreihe, winkt ab: "Das Opening 2009 war das erfolgreichste der zehnjährigen Cocoon-Geschichte auf Ibiza: Wir hatten mehr als 5000 Gäste." Auch die Eröffnungsfeiern der anderen großen Insel-Clubs, Space, Privilege und Pacha, platzten buchstäblich aus allen Nähten. Die Bars und Restaurants sind gut besucht, die Fincas vermietet. Zumindest bei den Openings. "Was den Party-Tourismus angeht, zeigt die Kurve nach oben, das ist jetzt schon zu erkennen", sagt Goller.

Die Zahl der Diskotouristen stieg in den vergangenen Jahren stetig. Die Gastronomen waren beglückt, die ibizenkische Regierung weniger. "Früher konnte man Freitagnachmittag auf eine Party gehen und bis Montagmorgen durchfeiern", sagt Pepa Marí, Inselrätin für Tourismus. "Es gab Veranstalter, die verkauften drei Tage Ibiza ohne Hotel. Aber das schafft ein Mensch normalerweise nicht." Also versuchte die Regierung mit denen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln Urlauber aus den Party- in die Ferienclubs zu holen. 2008 verlängerte sie die Sperrstunde, die nun von sieben bis sechzehn Uhr geht. Damit sollte vor allem das Durchfeiern erschwert werden. Wenn die Clubs nun in den Morgenstunden schließen, wartet nicht selten die Polizei an den Ausfahrten. After-hours, Partys nach der offiziellen Sause, sind zwar schon seit einigen Jahren verboten, aber erst seit 2009 darf die Polizei der Feierei auch auf privaten Grundstücken ein Ende bereiten. "Wir haben nichts gegen die Musik", sagt Marí, "aber die Menschen müssen auch raus aus den Clubs an die frische Luft und ins Hotel."

Der Kontrast zwischen dem ausschweifenden Leben der Partypeople und dem geordneten Tagesablauf in Ferienanlagen für Familien könnte größer nicht sein. Das gilt auch im touristischen Sinne: Denn so hoch die Zahl die Partytouristen bisher war, so unsicher ist die Buchungslage in der Hotellerie. Viele Häuser öffneten zwei, drei Wochen später als im Vorjahr, die Fluggesellschaften haben das Angebot der Flüge deutlich reduziert, und der Besucherrückgang im Mai lag bei etwa zehn Prozent. "Die Lage dieses Jahr ist schwierig, weil die Buchungen erst sehr spät kommen und die Veranstalter den Hoteliers kaum noch Buchungen garantieren", erklärt Marí. Auch einer von Ibizas größten Familienklubs hat zwei Wochen später als in den Vorjahren eröffnet. "Ja, wir spüren die Wirtschaftskrise", sagt Thorsten Amend-Schnaar, Marketing Direktor des Clubs Cala Pada an der Ostküste, "derzeit haben wir zur Hochsaison während der Sommerferien etwa zehn Prozent weniger Buchungen als im Vorjahr."

Zum Nimbus Ibizas tragen solche Hotelanlagen ohnehin nicht bei; es ist vielmehr die Mischung aus Disko und Yoga, aus Hippies und High Society, aus Spiritualität und Professionalität, die Ibiza so anziehend macht. Und so werden es am Ende vielleicht auch die Partytouristen sein, die sich als Ibizas treuestes Klientel erweisen. Vielleicht kein Zufall: Immerhin haben die Phönizier das Eiland, das sie im 7. Jahrhundert vor Christus zufällig entdeckten, Bes Ebusim genannt, nach ihrem Gott des Tanzes.

Infos
Anreise: Air Berlin, Condor, Easy Jet und Ryanair bieten aus vielen größeren deutschen Städten Direktflüge nach Ibiza an. Auch Iberia fliegt nach Ibiza, allerdings nur mit Zwischenstopp auf dem Festland.
Unterkünfte: Für Sparsame: Das kleine Zwei-Sterne-Haus Lux Islas ist günstig, sauber und ist nur einen Steinwurf von Talamancas Strand entfernt: www.luxisla.com
Für Partywütige: Die Finca Villa Roses liegt direkt neben dem Privilige, dem größten Club der Welt. Das liebevoll eingerichtete Anwesen mit Pool hat zwölf verschiedene Apartments für zwei bis sechs Personen. Und eine offene Wohnküche mir prall gefülltem Kühlschrank, aus dem sich jeder bedienen darf: www.villaroses-ibiza.com
Für Luxusliebhaber: Im Hotel Hacienda na Xamena entspannt es sich in typisch ibizenkischen Interieur mit fantastischem Blick über die Klippen. www.hotelhacienda-ibiza.com
Für Selbstversorger: Ibiza ist berühmt für seine Fincas, der Stil reicht von rustikal bis Bauhaus, für jeden Geschmack und Geldbeutel ist etwas dabei. Angebote finden sich zum Beispiel auf: www.ibiza-haus-vermietung.de, www.finca-ibiza.de und www.villa-ibiza.de
Ausgehen: Das Programm in den vier größten Clubs der Insel, Amnesia, Pacha, Privilige und Space, kann man gar nicht übersehen. Riesige Tafeln werben mit den Konterfeis de DJs für deren jeweiligen Partynächte, Flyer, Sticker und andere Heftchen tun ihr Übriges. Es empfiehlt sich, die Disco-Tickets im Vorverkauf zu holen, dann sind sie deutlich günstiger. Wem die Diskotheken zu groß sind, kann den Tag und oftmals auch die Nacht in einem der Strandclubs verbringen. Neu am Playa D'en Bossa ist das Ushuiaia. Tagsüber kann man sich auf riesigen Betten räkeln, nachts steigen Partys mit angesagten DJs. www.ushuaiaibiza.com
So unübersehbar die Bars und Clubs sind, so gut versteckt liegen oft die kulinarischen Schätze der Insel. Bei allen empfiehlt es sich, vorher zu reservieren.
Mit den besten Fisch der Insel und einen überwältigen Blick auf den mystischen Felsen Es Vedra bekommt man im Restaurant Es Boldado (Tel. +34 62649 4537) an der Cala d'Hort serviert. Nicht schrecken lassen von der abenteuerlichen Anfahrt über bucklige Caminos.
Im La Paloma lassen sich auch Promis gern von entspannten Hippie-Mädchen bedienen. Auf den hellblauen Holzstühlen sitzt es sich wie in einer ibizenkischen Küche, die Speisekarte ist übersichtlich aber lecker. www.palomaibiza.com

Wissenscommunity