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Südtirol: Mit der Kuh auf Du und Du

Urlaub, ohne dafür zu bezahlen? Wer in Südtirol Arbeitsferien bei Bergbauern macht, bekommt freie Kost und Logis. Nur ausschlafen ist nicht drin: Das Tier ruft, der Wald wartet.

Von Tom Noga

Unverschämt schön, dieser Blick: Steil wie eine Rutschbahn fällt die Wiese ab in ein enges Tal, durch das sich ein Bergbach schlängelt. Sein stetes Rauschen ist das einzige Geräusch, das man hier oben hört. An den grünen Hang am anderen Ufer krallt sich ein Dorf, eingerahmt von schroffen Dreitausendern, deren Zacken im Licht der aufgehenden Sonne silbrig schimmern. Und über all das spannt sich ein makellos blauer Himmel. Ein Tag, wie geschaffen für eine Bergtour.

Stattdessen geht es in den Kuhstall. Ausmisten, füttern. Und die Tiere striegeln. Weil so eine Kuh alles fließen und fallen lässt und sich in der Enge des Stalls auf dem eigenen Unrat zur Nacht legt, ist morgens ein wenig Körperpflege angesagt. Also mit der Drahtschnecke den gröbsten Dreck abkratzen und mit der Bürste schrubben. Denn eine saubere Kuh ist eine glückliche Kuh. Sagt Bartolomeo Kastlunger, den alle nur Berto nennen.

Berto ist ein Original, ein kleiner, drahtiger Mann mit sonnengegerbtem Gesicht, grauem Schnauzer und Filzhut. Er gehört zu den Ladinern, einer rätoromanischen Minderheit in Südtirol, und spricht mit uns ein leicht holpriges Deutsch. Wenn er spricht. Denn Berto ist ein Mann der Tat. Als unsereins sich um halb sieben aus dem Bett gequält hat, war er schon eine Stunde auf den Beinen. Erst die Gebetsglocken der kleinen Kirche in Plaiken läuten, einem Dorf im Gadertal mit sieben Häusern - das Amt des Küsters, oder Messners, wie man hier sagt, hat er vom Vater übernommen. Dann Gras für die Kühe mähen und in der Kiepe hochschleppen.

Leben ohne Kunstwelt

Und nun? Berto mustert uns. Er muss Holz fällen oben im Wald. Das ist Knochenarbeit, ob wir uns das zutrauen? Natürlich. Dies ist unser dritter Tag als Helfer auf dem Mesavila-Hof, einem Bergbauernhof mit acht Kühen, sieben Kälbern, drei Schweinen, zwei Ziegen und jeder Menge Hühnern. Wir haben das Vieh auf die Weide getrieben, Unkraut gejätet, den Kartoffelacker umgegraben. Und abends bei einem Glas schweren Rotwein mit der Familie zusammengesessen, mit Patrizia, der Bäuerin, und den Kindern Astrid, Jonas und Maria. Wir haben "Mensch ärgere Dich nicht" gespielt oder einfach nur geredet. Fernsehen haben die Kastlunger nicht. "Ich will nicht, dass meine Kinder mit dieser Kunstwelt aufwachsen", sagt Patrizia und streicht sich durch ihr kurzes, meliertes Haar.

Urlaub einmal anders: anpacken, wo immer etwas anfällt. Für Kost und Logis. Kein schlechter Deal, denn von unserem Zimmer unterm Dach haben wir diesen herrlichen Panoramablick. Und das Essen ist köstlich: selbst gebackenes Schüttelbrot, Fleisch aus eigener Schlachtung, Käse aus eigener Herstellung, Obst und Gemüse aus dem Garten vor dem Haus.

Holz fällen also. Wobei Berto den Job an der Kettensäge übernimmt. Krachend sackt ein Baum nach dem anderen nieder. Er sägt die Stämme jeweils auf vier Meter Länge, wir hacken mit der Axt die Äste ab. Früher haben die Nachbarn dabei mitgeholfen - ein Geschäft auf Gegenseitigkeit. Aber früher waren auch fast alle Nachbarn Bauern. Heute sind die Kastlungers die Einzigen in Plaiken, die nur von der Landwirtschaft leben.

Deshalb vermittelt die Bergbauernhilfe, ein gemeinnütziger Verein, freiwillige Arbeiter wie uns.

Knochenarbeit

"Für die Waldarbeit und fürs Heueinholen im Sommer wird jede Hand gebraucht", sagt Berto, schlägt die Hacke in einen gefällten Baum und zieht einmal kräftig an - schon saust der Stamm den Hang herunter. Sieht einfacher aus, als es ist. Berto grinst, als unsereins sich auf dem Hosenboden wiederfindet. Oben einschlagen, und nicht zu kräftig - man muss die Hacke ja wieder lösen, wenn der Stamm einmal in Fahrt ist. Beim dritten Versuch klappt es endlich. Unten stapeln wir alles am Rande eines Feldwegs, morgen wird abtransportiert.

Am Ende des Tages sind wir restlos erschöpft. Und haben knapp drei Kubikmeter Holz gemacht. 50 brauchen die Kastlungers, um über den Winter zu kommen, zum Heizen und Bauen. Holzarbeiten macht Berto selbst, er ist gelernter Zimmermann. Ein paar Jahre hat er in St. Vigil gearbeitet, nur 15 Autominuten von Plaiken entfernt und doch eine ganz andere Welt. St. Vigil ist der Einstieg zum Kronplatz, im Sommer eine beliebte Wanderregion, im Winter ein Skigebiet mit 105 Pistenkilometern, die von über 200 Schneekanonen beschneit werden.

Heimisch ist er dort nicht geworden. "Zu hektisch, zu laut", findet Berto. Und so hat er nicht gezögert, als der Mesavila-Hof in Plaiken zum Verkauf stand. Mit zehn Hektar Land, alles in extremer Steillage und entsprechend schwer zu bewirtschaften. Gemäht wird von Hand, die einzige Weide ist von Rinnsalen durchzogen und schnell abgegrast. Egal, Berto ist Bergbauer aus Berufung. Jahreszeiten und Wetter bestimmen die Arbeit: "Kein Tag ist wie der andere, da wird einem nie langweilig."

Kampf gegen den Fuchs

Was das heißt, erfahren wir am nächsten Morgen. Wieder so ein Bilderbuchvormittag mit strahlend blauem Himmel und klarer, frischer Luft. Ein Geflügelzüchter bringt 40 Truthähne. Die Kastlungers ziehen sie über den Sommer auf, zu Erntedank im Herbst werden sie verkauft. Eigentlich war die Lieferung für nächste Woche vorgesehen. Berto disponiert um: Statt Waldarbeit heißt es, das Truthahngehege auf Vordermann bringen. Acht Tiere hat der Fuchs letztes Jahr geholt, das soll nicht wieder passieren.

Als Erstes ist der Zaun dran, oder das, was nach einem langen, eisigen Winter davon übrig ist. Hammer raus, Pfähle einschlagen, Maschendraht festzurren. Und dann jede einzelne Öse im Boden verankern, weil so ein Fuchs durch die kleinste Lücke kommt, wie Berto sagt. Manchmal gräbt er sich auch unterm Zaun durch. Das ist besonders schlimm, denn neugierige Truthähne nutzen den Tunnel für Ausflüge in die Umgebung - zur Freude von Iltis, Marder und anderen nicht ganz so schlauen Jägern.

Dann wird der Stall ausgebessert und die Wiese davor gemäht. Berto macht's vor: die Sense senkrecht halten und dann locker aus dem Handgelenk über die Grasnabe führen. So einfach geht das bei uns natürlich nicht. Und als wir nach einer halben Stunde fertig sind, mäht er wortlos noch einmal nach. Ja nichts umkommen lassen, nicht einmal ein paar Grashalme.

Nichts wegwerfen

Hinterm Haus lagert altes Holz: Türen, Fensterrahmen, eine Klobrille - könnte man womöglich noch mal brauchen. Und wenn Berto den Waldboden mit Heuresten bedeckt, damit die Muttererde sich erholt, dann sammelt er anschließend nicht nur die Säcke wieder ein, in denen er das Heu transportiert hat, sondern knibbelt jeden Bindfaden auf, mit dem er die Beutel zugebunden hatte.

Patrizia sagt: "Bergbauern sind so. Als Selbstversorger ohne große Einnahmen überlegt man es sich dreimal, bevor man etwas wegwirft." Sie ist auf einem Bauernhof aufgewachsen, in Colfosco, oben im Gadertal. In den 70er Jahren haben ihre Eltern den Hof in eine Frühstückspension umgewandelt. Das war gutes Geld für wenig Arbeit und außerhalb der Saison viel Zeit zum Reisen. Nach Frankreich, Spanien, Portugal, einmal quer durch Indien und durch Marokko.

Aber dann hat sie sich ganz bewusst fürs bäuerliche Leben entschieden. "Das gibt mir mehr. Ich lebe im Einklang mit der Natur. Und ich lebe gut, wir stellen qualitativ hochwertige Lebensmittel her, im Supermarkt oder Bioladen könnte ich mir das nicht leisten."

Hausgemachter Käse

Patrizia steht in der Küche und kocht Milch auf. Dann fügt sie Lab hinzu, ein Ferment aus Kälbermägen, damit die Milch gerinnt. Die Masse kommt auf ein Sieb - so kann die Molke abtropfen - und reift schließlich zu Käse. Zu Halbfestem von der Kuh oder Ziege, mit Pfeffer oder Knoblauch. Oder zu Graukas. "Willst du mal probieren?" Sie macht den typischen Südtiroler Sauermilchkäse mit Essig, Öl und Zwiebeln an - ein Gedicht.

Bislang hat Patrizia nur für den Hausgebrauch Käse produziert, demnächst will sie ihn verkaufen, zunächst auf dem Bauernmarkt in Bruneck, später im eigenen Hofladen. 40 Cent bekommen die Bauern in Südtirol für den Liter Milch. Für deutsche Verhältnisse ist das viel, aber es reicht dennoch nur zu Einnahmen unterhalb der Armutsgrenze. Käse verspricht mehr Profit und Unabhängigkeit von den Molkereien.

Abends auf dem Mesavila-Hof. Patrizia schenkt Obstler ein, aus einer Brennerei im Nachbarort. Am Wochenende kommt Gisela aus Frankfurt, zum sechsten oder siebten Mal, eine Helferin, die längst zur Freundin geworden ist. Anfangs ist Berto strikt gegen Helfer gewesen, erzählt Patrizia. Fremde auf dem Hof waren ihm ein Graus. Heute weiß er, dass sie eine Bereicherung sind, nicht nur wegen der Arbeit, die sie verrichten. "Jeder hat seine eigene Geschichte, das ist ein Geben und Nehmen, man teilt da etwas."

Wir nicken. Längst sehen wir aus wie Outdoor-Freaks, mit braunem Teint und von der Sonne ausgeblichenen Haaren. Sogar das Aufstehen im Morgengrauen fällt nicht mehr ganz so schwer. Man muss nur früh genug ins Bett gehen. Aber das ist nach einem Arbeitstag auf dem Mesavila-Hof das geringste Problem.

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