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Tanztrend Tecktronik: Paris zuckt

Sie kommen aus dem Hip-Hop-Milieu und winden sich mit Irokesen-Haarschnitt zu Technobeats: In Frankreich bewegt der neueste Tanztrend Tecktonic die Jugend auf der Straße. Ihre Uniform wirkt anarchistisch, aber die großen Unternehmen wittern schon das Vermarktungspotenzial.

Von Iris Hartl, Paris

Demenor schwingt seine Arme wild über den Kopf und streicht sich dabei übers Haar als würde er Gel darauf schmieren. Dann wirbelt er die Arme blitzschnell in alle Richtungen vor seinem Körper herum. Es sieht aus, als leide der junge Mann unter nervösen Zuckungen. Tut er aber nicht. Er tanzt den Tecktonik. Die Musik hört er über Kopfhörer auf seinem Handy. Für den Zuschauer sieht das Ganze daher etwas seltsam aus. Der Tecktonik-Sound, eine Mischung aus Elektro, Hip-Hop und Smurf, ist bei der französischen Jugend derzeit schwer angesagt.

Demenor und seine Freunde treffen sich jedes Wochenende in der Pariser Innenstadt, um zu trainieren oder gegen andere Teams anzutreten. Solche Straβenwettbewerbe werden in der Szene "battle" genannt. Der siebzehnjährige Demenor erfuhr vor vier Monaten von einem Freund, dass ein Team Tänzer rekrutiert. Er tanzte vor und wurde aufgenommen. "Vorher habe ich Hip-Hop getanzt, aber als der Tecktonik aufgekommen ist, habe ich gewechselt. Die Musik gefällt mir einfach besser und auch die Leute sind anders. Die Hip-Hop-Szene ist ziemlich aggressiv und machohaft, im Tecktonik gibt es das nicht. Hier kann jeder kommen und mitmachen." Der soziale Faktor macht den Tecktonik so besonders. Es geht nicht nur ums Tanzen, sondern auch um Werte wie Toleranz, Respekt sowie den Verzicht auf Drogen und Gewalt. Dieser Lebensstil spricht Jugendliche jenseits aller sozialen Zugehörigkeiten an. Unterschiede bei Klasse, Herkunft oder Religion spielen keine Rolle. Das Tanzen und die Musik sind alles was zählt. So sieht man zum Beispiel arabisch-muslimische Jugendliche gemeinsam mit jüdischen Altersgenossen tanzen.

Die Frisur gibt den Namen

In der Szene haben die meisten ein Pseudonym, manchmal kennen die Anhänger nicht einmal den richtigen Namen anderer Mitglieder. Auch Demenor verrät nicht, wie er wirklich heißt. Er verrät nur, dass er algerischer Abstammung ist und sein Spitzname auf seine Frisur zurückgeht. "Ich habe meine Haare immer zu zwei Hahnenkämmen gestylt. Deswegen sagen alle Dämon zu mir. Und ich hatte dann die Idee, mich Demenor zu nennen, also so eine Art übermächtiger Dämon", erzählt er lachend.

Die Hahnenkamm-Frisur, "crête" genannt, ist ebenfalls ein Markenzeichen des Tecktonik-Milieus. Die Jugendlichen geben für ihre Verhältnisse oft ein Vermögen für eine schicke Frisur aus. Beim typischen Tecktonik-Schnitt sind die Haare am Oberkopf irokesenartig aufgestellt, an den Seiten kurz und zum Teil mit einrasierten Mustern verziert. Neben dem richtigen Haarschnitt müssen die Mitglieder der Szene vor allem auch die richtigen Klamotten tragen. Das heißt: hautenge Röhrenjeans und Oberteile mit dem speziellen Adler-und-Stern-Logo. Dazu passend gibt es Handschuhe oder Oberarmbänder. An den Füßen tragen die meisten Reebok-Schuhe aus der Pump-Linie, oft in Neonfarben, oder Vans. Wer sich traut, malt sich außerdem einen schwarzen Stern ums Auge.

Der vierzehnjährige Hugo ist Stammkunde in der Pariser Boutique Atelier Self Création, die als einzige die Tecktonik-Marke "Tck" führt. "Ich habe mir letztes Mal eine schwarze Jacke gekauft auf die ich dann selbst mein Pseudonym Crazy gedruckt habe", erzählt er stolz. Preislich ist die Marke "Tck" relativ erschwinglich für junge Leute wie ihn. Ein T-Shirt kostet zum Beispiel um die 30 Euro. Der Adleraufdruck hat allerdings bereits eine Polemik provoziert, weil er in seiner Form ein wenig an den Reichsadler der Nazizeit erinnert. Das hat jüdische Jugendliche auf den Plan gerufen. Sie beschwerten sich in Internetforen und boykottierten diverse Veranstaltungen. Die Geschäftsführerin von Atelier Self Création, Muriel Lellouche, die selbst Jüdin ist, hat die Vorwürfe allerdings scharf zurück gewiesen. "Wenn das stimmen würde, dass eine Verbindung zwischen Tecktonik und Nazipropaganda besteht, wäre ich die Erste, die das unterbinden würde", erklärte sie wiederholt gegenüber besorgten Eltern wie Hugos Mutter.

Ursprung in der Schwulenszene

Hugo ist seit sechs Monaten Tecktonik-Fan. Sein großes Idol ist der Tänzer Treaxy, der jeden Sonntag in einem Pariser Fitnessstudio einen speziellen Tecktonik-Kurs gibt. Bis jetzt hat Hugo alias Crazy keinen einzigen davon versäumt. Er träumt davon, eines Tages auch ein Star des Tecktonik-Milieus zu sein und übt jeden Tag fleißig daheim vor dem Spiegel. Seine Mutter findet das gut. "Er hat endlich den Stil gefunden, der zu ihm passt. Beim Tanzen bringt er seine Persönlichkeit zum Ausdruck und das ist toll", erklärt sie.

Früher hat Hugo wie Demonor und viele andere aus der Szene Hip-Hop getanzt. Heute sind diejenigen die zum Tecktonik übergewechselt sind bei den Hip-Hoppern verhasst. Sie werden wegen ihres Kleidungs- und Tanzstils von ihnen als "PDs", zu Deutsch "Schwuchteln", beschimpft. Selbst wenn die Mehrheit der Tecktonik-Anhänger bestreitet homosexuell zu sein, kommt die Beleidigung nicht von ungefähr. Zum einen wirkt der Kleidungsstil sehr feminin, zum anderen hat der Tecktonik seinen Ursprung in der Schwulenszene. Vor circa zehn Jahren tauchte der Tanzstil erstmals in entsprechenden belgischen Nachtclubs auf. Ein paar Jahre später fand er seinen Weg in eine Pariser Vorstadtdisko namens "Metropolis", die inzwischen überall in Frankreich bekannt ist. Dort wird der so genannte Hardstyle, die härteste Form des Tanzens, praktiziert. Für die weniger Extremen gibt es die Diskotheken "Mix Club" oder das "Red Light" in Paris.

Der Tecktonik hat sich vor allem in den letzten Monaten von einer Subkultur zu einem französischen Massenphänomen entwickelt. Dies blieb weder von den Medien noch von großen Unternehmen unentdeckt. So ist die Firma TF1-Entreprises des Privatsenders TF1 inzwischen der internationale Agent der Marke "Tck". Daneben fördert Reebok professionelle Tänzer, L'Oréal und Schwarzkopf denken über die Entwicklung spezieller Tecktonik-Produkte nach. Der Radiosender FG hat eine Tecktonik-Kompilation herausgebracht, die sich sehr gut verkauft hat. Die Plattenfirmen EMI und Universal sind auf den Zug aufgesprungen und haben es nicht bereut: Ihre CDs haben sich alle mehr als 100.000 Mal verkauft.

Die Merchandising-Maschinerie ist also bereits erfolgreich in Gang gesetzt. Agenten und Tänzer wollen nach Frankreich nun auch den internationalen Markt erobern. Bleibt abzuwarten, ob der Tecktonik-Hype nur eine vorübergehende Modeerscheinung ist, oder ob es die Bewegung tatsächlich schafft sich weltweit dauerhaft zu etablieren.

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