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Venedig: Geisterstadt am Canal Grande

Eine Utopie wird Wirklichkeit: Venedig entwickelt sich zu einem Disneyland, das nur tagsüber bevölkert ist und nachts zur Geisterstadt mutiert. Der Ansturm der Touristen ist den Venezianern zu viel, sie ziehen aus der Stadt.

Ein Szenario wie aus einem Horrorfilm: Morgens öffnet der Pförtner die Eingangstore zum historischen Zentrum Venedigs, tausende Touristen stehen Schlange, lösen ihr Ticket und strömen in die vergangene Welt der Dogen und Gondolieri. Disneyland am Canal Grande. Diese traurige Utopie droht Wirklichkeit zu werden: Die unaufhörliche Abwanderung der Bürger aus der Lagunenstadt bereitet den Stadtvätern immer größeres Kopfzerbrechen. Und wenn nicht schnell eine Kehrtwende eintritt, könnte Venedig in knapp 25 Jahren eine leere Stadt sein, die nur noch als Touristenattraktion dient. "Ein Wettlauf gegen die Zeit hat begonnen", schrieb die Zeitung "La Repubblica".

Schon heute ist nicht zu übersehen, dass "Venezia" auf dem besten Weg ist, eine Geisterstadt zu werden: "Die 'Vaporetti' (öffentliche Wasserbusse) quellen abends vor Touristen fast über, aber in den Häusern sind immer weniger Fenster erleuchtet", sagen Beobachter. Jedes Jahr besuchen 18 Millionen Menschen aus aller Welt die Stadt mit den malerischen Kanälen und der Seufzerbrücke - das sind 50.000 am Tag. Die Zahl der Bewohner des Zentrums ist hingegen von 121.000 im Jahr 1966 auf mittlerweile 62.000 geschrumpft. Und viele von ihnen sind Ausländer, scheinbar die einzigen, die die hohen Preise für Wohnungen im historischen Stadtkern noch bezahlen können.

Venezianer sind nicht beim Maskenball

Statistiker rechnen Medienberichten zufolge damit, dass alljährlich bis zu 2500 weitere Bürger ihre Koffer packen und aus Venedig wegziehen werden. "Dann wäre die Stadt im Jahr 2030 'entvölkert'", brachte es ein Journalist auf den Punkt. Grund für die Massenabwanderung sind neben den Immobilienpreisen auch der stetige Kampf mit dem Hochwasser und besagte Touristenströme, die zwar Geld in die Kassen spülen, aber das Leben an der Lagune fast unerträglich machen. Besonders während des berühmten Karnevals, wenn Millionen Menschen zu Mummenschanz und Maskenball anreisen, verlassen die Venezianer schon seit Jahren fluchtartig die Stadt.

Auch Bürgermeister Massimo Cacciari ist besorgt. "Wir müssen aufhören, uns selbst Leid zu tun, und reagieren, um die Tendenz wieder umzukehren", sagt er. Er will mit Investitionen vor allem günstigere Wohnungen schaffen: "Denn das ist das Hauptproblem: Es ist vor allem die Mittelschicht, die aus Venedig fortzieht, weil sie keine bezahlbaren Unterkünfte mehr findet." Auch Studenten sollen günstige Wohnungen bekommen.

Horror-Szenario "Geisterstadt Venedig"

Und was geschieht derzeit mit all den leer stehenden Wohnungen? Viele werden in kleine Pensionen oder Bed & Breakfasts umgewandelt - was wiederum mehr Touristen anzieht. Andere stehen einfach leer. Zudem gibt der stetig höhere Wasserpegel zu denken: Fünf Zentimeter stieg das Wasser in den vergangenen fünf Jahren - da fragen sich nicht nur Pessimisten, wann Seufzerbrücke, Guggenheim-Stiftung und Kunstbiennale endgültig im Meer versinken. Das Horror-Szenario "Geisterstadt Venedig" rückt immer näher, meint "La Repubblica": "Jeden Abend geht ein Licht mehr aus, jeden Abend schließt sich ein weiteres Fenster."

Carola Frentzen/DPA / DPA

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