HOME

Von Bergen nach Vangsnes: Luxus auf vier Rädern

Ausgerechnet ich, der sich sonst lieber in Fünf-Sterne-Hotels verwöhnen lässt, muss nun schon seit Tagen mit einem Wohnmobil Vorlieb nehmen. Doch bequemer kann eine Reise durch Norwegen kaum sein.

Man ist unabhängig, kann selbst das kleinste Dorf erreichen und das Bett fährt überall mithin: Urlaub im Wohnmobil hat viele Vorteile. Bei Norwegen-Touristen erfreut sich diese Art der Fortbewegung deshalb immer größerer Beliebtheit. Die Vorstellung, zehn Tage im Wohnmobil unterwegs zu sein, löste bei mir dennoch gemischte Gefühle aus. Über eine Woche auf Komfort zu verzichten, Toiletten und Duschen auf Campingplätzen benutzen zu müssen, einfältige Suppen vom Gaskocher aufgetischt zu bekommen und in einem Bett zu liegen, in dem man sich kaum umdrehen kann, so stellte ich mir einen Urlaub im Wohnmobil vor. Doch nach wenigen Tagen im Camper bin ich eines Besseren belehrt.

Dickschiff

Fast 6,40 Meter lang und 2,27 Meter breit: Als ich den Schlüssel für das Hymermobil in die Hand gedrückt bekomme muss die bloße Angst aus meinen Augen zu lesen gewesen sein. "Soll ich für Sie zurücksetzen?" "Bitte ja", lautet meine Antwort. Denn wer sonst nur mit dem PKW unterwegs ist, muss sich an die riesigen Abmessungen eines Wohnmobils erstmal gewöhnen. Die erste Fahrt führt mich zum Glück schnurstracks auf die Autobahn. Zu meinem Erstaunen ist das Fahrgefühl weit entfernt von einem LKW. Ohne Mühe beschleunigt der Fiat-Dieselmotor auf 100 Stundenkilometer. Ohne Zuladung ist getrost eine Höchstgeschwindigkeit von 140 km/h zu erreichen, doch Vorsicht, die Seitenwindempfindlichkeit nimmt dann enorm zu.

Wer statt Autobahn lieber auf kleinen Landstraßen zu Hause ist, wird sich vor allem an der Wendigkeit des Fahrzeugs erfreuen. Selbst enge Kurven meister das Hymermobil souverän. Die Breite erfordert am Anfang Augenmaß. Wer ohne Blechschaden durch kleine Dörfer kutschieren möchte, der sollte lieber einmal zu viel als zu wenig dem Gegenverkehr die Vorfahrt lassen. Allerdings flösst die Größe offenbar nicht nur mir Respekt ein. Man könnte auch sagen, der Hymer hat eingebaute Vorfahrt.

Platzhirsch

Von außen beeindruckend, zeigt das Hymermobil seine wahre Größe erst von innen. Platz wohin das Auge reicht, wähnt man sich im eigenen Wohnzimmer. Über der Fahrerkanzel sorgt ein herunter klappbares, 1,40 Meter breites Bett für besten Schlafkomfort. Eine komplette Küchenzeile mit Gasherd, Kühlschrank und Backofen lässt kulinarische Bedürfnisse nicht zu kurz kommen. Für Camper-Verhältnisse wahren Luxus bietet das Badezimmer: Auf 1,10 Quadratmetern findet sich genug Platz für Dusche, Waschbecken und Toilette und das so perfekt aufgeteilt, dass man sich auf keinen Fall beengt vorkommt. Fließend kaltes und warmes Wasser gehören zum Standard. Mit 120 Litern Frischwasser im Tank kommt auch eine Familie locker aus. Das Abwasser kann per Hebel einfach an einer dafür vorgesehenen Stelle abgelassen werden. Die Toilettenentsorgung erfolgt separat über ein Magazin, ist aber unkompliziert zu handhaben.

Luxuriös sind auch die sonstigen Ausstattungsmerkmale: Fernseher mit Satellitenantenne, Gas betriebene Zentralheizung und eine Klimaanlage sind nicht selbstverständlich. Gerade die Heizung tat jedoch an bereits kühlen norwegischen Septembertagen hervorragende Dienste. Die Stromversorgung an Bord wird entweder über die interne Batterie geregelt, die dafür sorgt dass an den Steckdosen die normale Netzspannung von 230 Volt anliegt, oder über eine externe Stromversorgung. Die war jedoch selten notwendig. Wer sparsam ist, kann bis zu einer Woche mit dem vorhandenen "Saft" auskommen. Und obwohl ich mit Fernseher und Licht durchaus verschwenderisch war, ging mir der Strom nie aus, denn die Batterie lädt sich beim Fahren wieder auf. Wer will, kann sogar eine Solaranlage ordern, die für noch mehr Unabhängigkeit sorgt. Herd, Kühlschrank, Heizung und Warmwasseraufbereitung werden ohnehin mit Gas betrieben, ein Austausch der Propangasflasche war während meines Zehn-Tage-Trips nicht notwendig.

Wohmbobil-Paradies Norwegen

Norwegen ist auf Urlauber im Wohnwagen oder Wohnmobil bestens vorbereitet. Es gibt zahlreiche Campingplätze und an allen größeren Landesstraßen gibt es Stationen an denen man Abwasser entsorgen und Frischwasser nachtanken kann. Neben der Pflicht, auch bei Tage mit eingeschaltetem Licht zu fahren, gibt es jedoch einige Besonderheiten, die man unterwegs unbedingt beachten sollte.

Das "Weit-Weit-Weg-Problem"

Da wäre zum einen das Entfernungsproblem. Norwegen ist von der Fläche her zwar kleiner als Deutschland, mit einer Nord-Süd-Ausdehnung von 1750 Kilometern aber doppelt so lang. Was auf der Landkarte ganz nah aussieht, ist weiter weg als gedacht. Das heißt konkret, dass es vom südlichsten Punkt des Landes bis ans Nordkap etwa genauso weit ist, wie von Hamburg nach Sizilien.

"Morgen will ich schon am Nordkap sein", erklärt mir ein Österreicher an einer Tankstelle in Voss stolz. Er ist ebenfalls im Wohnmobil unterwegs und am selben Tag in Bergen gestartet. Mein Hinweis, dass ich alleine für meine heutige Tour nach Vangsnes einen Tag eingeplant habe, ruft nur ungläubiges Staunen bei ihm hervor. Er rechnet mir vor: Von hier bis nach Hammerfest seien es 2100 Kilometer. Er dürfe mit dem Camper 80 Stundenkilometer schnell fahren. Also betrage die Fahrzeit 26 Stunden. "Reicht doch bis morgen Abend", sagt er.Ob er jemals am Nordkap angekommen ist, weiß ich nicht. Wenn, dann definitiv aber erst zwei bis drei Tage später. Eine Fahrt auf norwegischen Straßen, die durch eine nicht enden wollende Berglandschaft mit Steilküsten, tiefen Tälern, Seen und Fjorden führt, dauert um ein Vielfaches länger als vergleichbare Streckenabschnitte in Deutschland.

Zicken gemacht

Typisch norwegisch sind auch Tiere auf der Fahrbahn. Als ich über die kleine Serpentinenstraße zum Vikafjell hochfahre, muss ich mehrmals stoppen. Mein Wohnmobil teilt sich die Straße mit Ziegen und Schafen. Eigentlich sollen die Tiere am Straßenrand weiden, doch nur zu gerne lassen die sich zu einem Sonnenbad auf der Fahrbahn hinreißen. Selbst ein Hupkonzert bringt die Tiere nicht aus der Fassung.

Alles und jedermann

Eine weitere norwegische Besonderheit ist das "Jedermannsrecht". Es ist ein uraltes Gesetz, das den Aufenthalt in freier Natur regelt und "jedermann" erlaubt, sich frei, umsichtig und umweltfreundlich in der Wildnis aufzuhalten und zu bewegen. Es darf in Seen gebadet und gepaddelt werden, es ist erlaubt, Beeren und Pilze zu pflücken sowie im Salzwasser zu angeln. Auch darf man im freien Gelände bis zu zwei Tage wild zelten, auch wenn es ein Privatgrundstück ist. Einzige Bedingung: Ein Mindestabstand von 150 Metern zum nächsten Haus oder Grundstück muss eingehalten werden. Gerade Touristen im Wohnmobil haben dieses Gesetz in den letzten Jahren stark strapaziert. Rücksichtsloses Verhalten und Verunreinigungen haben schon zu heftigen Konflikten zwischen Grundbesitzern und Campern geführt. Deshalb sollten Wohnmobiltouristen möglichst auf die zahlreich vorhandenen und günstigen Campingplätze ausweichen oder zumindest den Besitzer eines Privatgrundstückes vorher um Erlaubnis fragen.

Luxus auf Rädern

Am Abend heißt es für mich in Vangsnes mal wieder Campingplatz statt Hotel: Und spätestens wenn auf dem Dach des Wohnmobils die Satellitenantenne ausfährt, der Fernseher mit dem deutschen Fernsehprogramm flimmert, die Zentralheizung auf wohlige 21,5 Grad temperiert ist und ich in einem 1,40 Meter breiten Bett über der Fahrerkanzel liege und durch das Fenster den Blick über den Sognefjord genießen kann, möchte ich mit keinem Luxushotel der Welt tauschen.

Informationen zur Fahrzeugflotte von Hymer unter
Jens Maier
Themen in diesem Artikel

Wissenscommunity