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In den Bergen Keralas: Dschungeltour durch Indiens heiteren Süden

Der indische Bundesstaat Kerala fasziniert mit Traumstränden und Ayurveda-Resorts. Doch Europäer kennen kaum das bergige Hinterland, wo im Urwald wilde Elefanten und Leoparden wohnen.

Von Katja Senjor

Schlafen in 18 Metern Höhe über dem Waldboden zwischen nächtlichen Dschungelgeräuschen: Die Außenstelle des Vythiri Resorts ist ein Bungalow in den Ästen eines riesigen Banyan Tree.

Schlafen in 18 Metern Höhe über dem Waldboden zwischen nächtlichen Dschungelgeräuschen: Die Außenstelle des Vythiri Resorts ist ein Bungalow in den Ästen eines riesigen Banyan Tree.

Morgens um halb sieben ist mitten im Urwald die Hölle los. Der Nebel der Nacht hängt noch in den Mangobäumen und Banyan-Feigen, Vögel schütteln sich den Tau aus dem Gefieder, und die erste Sonne heizt die Luft, als die Karawane anrollt. Schulbusse, Mopeds, Tata-Jeeps, öffentliche Busse, Threewheelers, Taxis, Lieferwagen, Autolaster mit Anhängern quälen sich die Serpentinen von Coonoor nach Ooty hinauf, ganz so, als wäre diese Waldstraße die Autobahn nach Delhi. Sie hupen, sie qualmen, sie schalten, überholen, drängeln sich in Viererreihen, fallen zurück in die Lücke, die sich auftut. Hin und wieder steht der Verkehr für einige Minuten still, weil die Straße mit ihren Kurven für diese Unordnung nicht taugt.

Eine Affenhorde sitzt am Straßenrand, schaut zu. Und wartet. Hanumam, der Affengott, ist Teil des Hindu-Götterhimmels, und so geht ein Autofenster auf, und eine Kekspackung fliegt auf die Straße. Der Streit ums Futter endet schnell. Die Makaken hocken wieder auf der Mauer, ordentlich nebeneinander, wie vorher. Die Sieger fressen. Die Verlierer lausen sich in aller Ruhe gegenseitig. Was für ein Kontrast zum Chaos auf der Straße.

Dschungelwanderung statt Backwater-Bootstour

Indiens Süden, der sonst Strand- und Backwater-Bootstouristen anzieht, positioniert sich neuerdings mit seinen Western-Ghats-Bergen, seinen Nationalparks als Ökotourismus- und Ayurveda-Ziel. Allerdings ist es gar nicht so einfach, zu den Pflanzen und Tieren zu reisen, weil es noch kaum Wanderwege und Trekkingveranstalter gibt, nur wenige Straßen als dünne Adern der Zivilisation durch den Urwald führen.

Kurz vor Ooty gibt es endlich einen Parkplatz in einer Kehre. Hinter uns der Dschungel, vor uns sanfte Hügel. Millionen Teebüsche mustern die Landschaft wie Buchsbäume einen französischen Barockgarten. Pflückerinnen arbeiten sich die Pfade entlang, Kopf und Arme in Tücher gehüllt, ständig streifen sie die Hosenbeine hinauf. Das wenige Geld, das sie verdienen, ist bitter erkämpft. Den Blutegeln ist es egal, wo der Urwald aufhört.

Die Engländer, die den Dschungel für ihre Plantagen rodeten, hinterließen ihre Villen im Tee. Wie ein Vogelnest steht der "Stanmore Bungalow" zwischen den Büschen. Schaukelstühle auf der Veranda, Teakmöbel, Wolldecken im Schottenkaro, in der Bibliothek ein Kamin, alte Sofas und Bücher von Trotzki, Hesse und Erica Jong. Wir sind die einzigen Gäste. Über dem Essen baumelt die Tischglocke. Als ob die Herrschaften gerade erst abgereist wären. Ajeech bringt das Mittagessen in großen Plastikschüsseln, bleibt mit auf dem Rücken verschränkten Armen schweigend an der Wand stehen.

Der Urwald kommt zu uns

Tatsächlich finden wir einen dampfenden Dunghaufen. Dann ein lautes Knacken, Hörner ragen ein paar Meter von uns entfernt weit über die Büsche, ein Gaur-Rind. Es schnaubt, senkt die Stirn, droht - und schreitet langsam davon. Gestern habe er auch Leoparden gesehen, sagt Ajeech leichthin. Und wenn die wilden Mangos reifen, seien Bären in den Bäumen. Auch wenn wir nicht in den Urwald kommen, kommt er zu uns. Und wenn wir Glück haben, nur ein bisschen.

Die Bergszenerie zwischen Kerala und Tamil Nadu gehört wie der Amazonas zu den zehn wohl artenreichsten Regionen der Erde. Die #link;http://www.stern.de/1712569.html;Unesco entschied sich 2012, die Western Ghats als Weltnaturerbe# zu schützen. Eigentlich zieht sich der Gebirgszug knapp 70 Kilometer von der Westküste entfernt auf 1600 Kilometern durch den gesamten indischen Subkontinent. Aber in Kerala ganz im Süden liegen die schönsten Landschaften, die alten Städte Cochin und Calicut mit ihren portugiesischen Vierteln.

Gewürze für die arabische Welt

Außerdem gibt es Kerala eigentlich nur wegen der Western Ghats, denn wie eine Mauer schirmt der Gebirgszug das Land vom Rest Indiens ab. Die Gipfel bremsen die Monsunwolken von Südwest aus, der Regen macht aus dem Bundesstaat ein fruchtbares Land.

Die Portugiesen exportierten Keralas Schätze, vor allem die Gewürze, in die arabische Welt, machten die Region so reich, dass sie es bis heute ist. Auch wenn in Kerala mehr Leute ein Handy als ein Klo zur Verfügung haben, verdienen die Menschen um die Hälfte mehr, werden zehn Jahre älter, sind besser gebildet und medizinisch deutlich besser versorgt als der indische Schnitt. Nur in Kerala sprechen die Inder Malayalam, haben sich Moslems, Christen und Hindus nie die Köpfe eingeschlagen, werden die Karali-Kampfkünste und der Kathakali-Tanz in ihrer reinen Form gelebt und gelehrt, musste die alte ayurvedische Medizin nie der Moderne weichen.

Kerala gilt unter Indienreisenden als hochinteressante Region, wo die Wahrscheinlichkeit groß ist, gesund zu bleiben und nicht an den Eindrücken von Armut und Tod zu verzweifeln. Indien für Anfänger eben. Wenn man nicht gerade versucht, durch die Berge zu wandern.

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