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stern-Extra "Heilige Schriften" als App Lehren aus dem "Dreikorb"


Der Buddhismus ist uralt - und äußerst modern. Noch heute zieht er weltweit unzählige Sinnsucher an. Das "Tripitaka" versammelt die Grundsätze der Religion ohne Gott.
Von Helen Bömelburg

Als Sri Lanka den Eroberern in die Hände fällt, als Hungerkatastrophen ausbrechen und die Menschen in ihrer Verzweiflung beginnen, das Fleisch von Toten zu essen, da begreifen die Mönche des Inselreichs, dass es Zeit ist zu handeln. Sie haben ihre Freiheit verloren, Tausende sind gestorben oder geflohen. So berichtet eine spätere Chronik. Die Heiligtümer des Landes liegen verwaist, in den Klosterhöfen wuchert Unkraut. Jetzt gilt es, das Kostbarste zu retten: die heiligen Worte Buddhas.

Jahrhundertelang ist die Lehre des indischen Meisters nur mündlich von Lehrer zu Schüler weitergegeben worden. Buddhistische Mönche waren wie lebende Bücher, die die Botschaften ihres Glaubens auswendig konnten. Doch nun, im 1. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung, droht mit den Menschen auch die Lehre von den Invasoren aus Südindien ausgelöscht zu werden. Und so versammeln sich die erfahrensten Mönche im Felsentempel von Aluvihara, im Herzen der Insel, um erstmals die gesamten Texte niederzuschreiben - auf Tausenden getrockneten Palmblättern, in der indischen Sprache Pali.

Es entstand eines der komplexesten Schriftkonvolute aller Zeiten: vielschichtig und in viele Sprachen übersetzt, mit praktischen Lebensregeln und philosophischen Höhenflügen, voller Gleichnisse, Mythen und Regeln. Heute füllt allein die gedruckte Fassung der chinesischen Texte knapp 100 Bände mit je 1000 Seiten. Tibetische und japanische Varianten sind ähnlich umfangreich. In der Grundstruktur ähneln viele Versionen des buddhistischen Kanons der Pali-Sammlung, die die Mönche auf Sri Lanka vor mehr als 2000 Jahren festhielten. Sie heißt auch Tripitaka, "Dreikorb", weil sie drei große Blattsammlungen umfasst, die einst tatsächlich in Körben lagerten. Ein "Korb" beinhaltet die Ordensregeln der Mönche, ein weiterer Erläuterungen der Lehrbegriffe. Der wichtigste der Körbe aber birgt die Lebensgeschichte und die Reden Buddhas, des "Erwachten".

Erleuchtet unterm Feigenbaum

Wer dieser Mann tatsächlich war, haben Wissenschaftler rekonstruieren können: Siddhartha Gautama Sakyamuni kommt um 450 vor Christus im heutigen Nepal zur Welt, als Sohn eines Rajas, der eine Republik im Norden Indiens regiert. Ob er lesen und schreiben konnte, wissen wir nicht. Siddhartha stirbt mit 80 Jahren in Kusinagar, einem Ort zu Füßen des Himalaya.

Von buddhistischen Gelehrten wird seine Lebensgeschichte später zur Legende überhöht. Siddhartas Schlüsselerlebnis: Bei "vier Ausfahrten" im Pferdegespann erblickt er zuerst einen Greis, dann einen Kranken, einen Toten und schließlich einen Wandermönch, der ihn mit seiner würdevollen Ruhe tief beeindruckt. Nach diesen Begegnungen grübelt der junge Mann über Vergänglichkeit und Tod, den Sinn des Daseins. Er beschließt, sein Zuhause noch in derselben Nacht zu verlassen, um sich ebenfalls als Mönch auf die Suche zu begeben: "Und ich zog noch in frischer Blüte der Jugend, glänzend dunkelhaarig, im ersten Mannesalter, gegen den Wunsch meiner weinenden und klagenden Eltern, mit geschorenem Haar und Bart, mit fahlem Gewande bekleidet, vom Hause fort in die Hauslosigkeit hinaus."

Während er unter einem Feigenbaum meditiert, soll Siddharta schließlich die Erkenntnis wie ein helles Licht durchzuckt haben: Wer vom Leid der ewigen Wiedergeburten erlöst werden will, muss seine Begierden und Wünsche loslassen, darf nicht an Gegenständen und Gefühlen festhalten. "Das Wissen ging mir auf: Vernichtet ist für mich die Wiedergeburt", heißt es im Pali-Kanon. Siddhartha wird in dieser Nacht zum Buddha, dem "Erwachten".

Leben ist Leiden - und Loslassen

Nach den Schriften zieht der Erleuchtete 45 Jahre lang durch die Ganges-Ebene und predigt seine Lehre von den "vier edlen Wahrheiten": 1. Alles Leben ist Leiden. 2. Leiden entsteht, weil wir Dinge begehren, die allesamt vergänglich sind. 3. Wir können trainieren loszulassen. 4. Der Weg dorthin führt über den "achtfachen Pfad" des Buddha - ethische Grundhaltungen und moralpraktische Regeln. Sie sind das Urgestein der buddhistischen Überzeugung und bis heute in allen Schulen von Tantra bis Zen lebendig.

Es gibt wohl niemanden auf der Welt, der alle Versionen der heiligen Schriften des Buddhismus gelesen hat. Allein das tibetische Tripitaka überliefert über 1000 Texte Buddhas, und ein geübter Mönch braucht mitunter zwei Tage, um einen einzigen davon vorzutragen.

Buddhistische Schriften sind ein vielfältiges, dynamisches, aufnahmefähiges Gebilde - vielleicht ist dies auch das Erfolgsgeheimnis des Buddhismus beim Export in den fernen Westen und in die Moderne. Schon seit Marco Polo, der im 13. Jahrhundert über den Buddhismus berichtete, vernahmen die Europäer ein Rauschen aus Asien, das religiöse Toleranz und Kultiviertheit verhieß. Die Originaltexte gelangten im 19. Jahrhundert nach Europa und wurden schnell als Goldmine für Ideen und Hoffnungen genutzt: Friedrich Nietzsche sah in der Religion ohne Gott einen kulturellen Fortschritt: "Das müsste Europa auch einmal tun", schrieb er 1880. Richard Wagner plante begeistert eine Buddha-Oper, und Hermann Hesse landete mit seinem 1922 erschienenen Roman "Siddhartha" einen Bestseller. Im Buddhismus, so schien es vielen Intellektuellen, triumphierte die Vernunft über den Aberglauben, die geistige Unabhängigkeit über den Dogmatismus.

Heute zieht der Buddhismus noch immer Sinnsucher aller Art an. Und während der Buddhismus in seinen asiatischen Stammländern an Bedeutung verliert, ist er in Europa und Amerika auf dem Vormarsch. So könnte die westliche Kultur eine weitere Wiedergeburt der fast 2500 Jahre alten Lehre einleiten. Was würde der große Buddha selbst dazu sagen? Vielleicht die letzten Worte, die die Überlieferung bezeugt. Er sprach sie auf dem Sterbelager, den Blick zur Sonne gerichtet: "Alles ist vergänglich."

Die Langversion des Artikels können Sie im eMagazine "Heilige Schriften" lesen, das hier erhältlich ist.


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