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Stiftung Stern

El Salvador: Die Flucht der Kinder

Die USA schieben Tausende Minderjährige in ihre Heimatländer ab. In ein Leben voller Gewalt und Mord.

Wilfredo, 14, wird von seiner Oma im Aufnahmelager abgeholt.

Wilfredo, 14, wird von seiner Oma im Aufnahmelager abgeholt.

Wilfredo war bis Chiapas gekommen, 850 Kilometer weit. Er hatte Guatemala durchquert und auch den Suchiate, den Grenzfluss nach Mexiko. Er hatte Kleinbusse genommen und in Pensionen geschlafen und sein kindliches Gesicht hinter einer großen Sonnenbrille versteckt. In drei Wochen wollte er bei seiner Mutter in New Jersey sein, 5000 Kilometer entfernt.

Wilfredo, 14, ist der Letzte in der Familie. Sein älterer Bruder war ein Jahr zuvor abgehauen, die Mutter schon vor zwölf Jahren. Wilfredo hat keine Erinnerungen mehr an sie. Er war damals zwei.

An Tag acht seiner Flucht schnappten ihn mexikanische Polizisten bei einer Straßensperre. Nach einem kurzen Verhör steckten sie ihn mit anderen Kindern in einen Deportationsbus. Seit die Zahl der Kinderflüchtlinge aus Mittelamerika rasant gestiegen ist, haben die USA den Druck auf Mexiko erhöht. Polizisten fangen die Flüchtlinge jetzt auf ihrem Treck gen Norden ab und schicken sie zurück nach Honduras, Guatemala, El Salvador.

Wilfredo trifft im Aufnahmelager Santa Tecla ein. Es ist ein warmer Wintertag im Westen El Salvadors. 200 Deportierte steigen aus den bewachten Bussen, unter ihnen viele Kinder. In ihren Gesichtern steht Traurigkeit, Scham, auch Angst. Besonders in Wilfredos.

Im Lager wird er von einer Beamtin verhört: Alter? – 14. Schulklasse? – 8. Ist das dein erster Fluchtversuch? – Ja. Bist du allein geflüchtet? – Ja. Und dann die entscheidende Frage, die nach dem Grund. Wilfredo kann zwischen vier Antworten auswählen: Tourismus. Wirtschaftliche Not. Gewalt. Familienzusammenführung.

Er erzählt lieber seine Geschichte. Die Straßengang MS 13 in seinem Viertel habe ihn erpresst. Entweder er werde Mitglied, oder sie töten ihn. Und vergewaltigen seine Cousine. „Sie ist erst elf“, sagt Wilfredo. Er wischt sich Tränen aus dem Gesicht.

Und du wolltest nicht Mitglied werden?, fragt die Beamtin. – „Ich müsste jemanden ermorden. Als Aufnahmeritus.“

Die Beamtin hört die Geschichte jede Woche Hunderte Male. Später sagt sie: „Ich würde mein Kind auch auf die Flucht schicken.“

10 588 unbegleitete Minderjährige sind im Oktober und November an der Grenze zu den USA geschnappt worden, doppelt so viele wie noch ein Jahr zuvor. Für viele Kinder und Jugendliche kommt die Deportation einem Todesurteil gleich. Honduras und El Salvador haben die höchste Mordrate der Welt. Die beiden Gangs MS 13 und Barrio 18 suchen sich in ihrem erbarmungslos geführten Krieg gezielt Teenager und stellen sie vor die Wahl: Entweder du wirst zum Mörder – oder ermordet.

Busse bringen die Kinder in ihre Heimatländer zurück

Busse bringen die Kinder in ihre Heimatländer zurück

Trotz der Lebensgefahr hat die Obama-Regierung nun angekündigt, verstärkt Razzien durchzuführen, um Flüchtlinge abzuschieben. Vor allem Mütter und Kinder aus Mittelamerika könnte es treffen, kritisieren Mitglieder seiner eigenen Partei. Aber auch Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton forderte vor einem Jahr, die Kinder „sollen zurückgeschickt werden“.

Nach dem Verhör nimmt Wilfredos Großmutter ihn am Lagerausgang in Empfang. Reina Martínez, 67, würde am liebsten auch fliehen, aber sie ist zu alt und verbringt ihr Leben damit, ihre Enkel zu schützen. Sie hat noch zwei weitere, sieben und elf Jahre alt. „Die Gang hat Interesse an meiner Enkelin gezeigt“ , sagt sie besorgt. Mädchen, die sich verweigern, werden schon mal vergewaltigt und getötet. „Es ist ein Verbrechen, Kind zu sein“ , sagt sie.

So schickt Reina Martínez ihre Enkel schweren Herzens auf die Flucht, auf eine sehr gefährliche Reise, das weiß sie. „Immer noch besser als das Leben hier“, sagt Reina Martínez. 2000 Dollar hatte sie dem Schlepper bezahlt.

Wilfredo will es, wie alle 200 Gescheiterten dieses Tages, erneut versuchen. Die ganze Familie wird hart arbeiten, bis sie wieder 2000 Dollar für den Schlepper zusammenhat. Wilfredo sagt: „Ich werde es so oft versuchen, bis es klappt. Ich will leben.“ Jan Christoph Wiechmann


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