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Nach der Hochwasserkatastrophe Für die Seele: Wie Suppenköchinnen den Flutopfern von Ahrweiler wieder Hoffnung spenden

Anwohner Hans-Jürgen Gerls bei der Suppenausgabe
Hans-Jürgen Gerls ist der Erste, der an diesem Tag eine Mahlzeit von Gitte (l.) und ihrer Freundin Marianne bekommt. Die drei Etagen aus seiner Wohnung auf die Straße musste der 86-Jährige trotz Arthrose zu Fuß bewältigen – der Aufzug hat keinen Strom.
© Murat Tueremis
Seit Wochen fährt ein Škoda mit dampfenden Töpfen durch das verwüstete Ahrtal. Unterwegs mit Frauen, die den Menschen nicht nur heiße Suppe geben – sondern das Gefühl, nicht vergessen zu sein.
Matthias Bolsinger

Wer in diesen Tagen in der Innenstadt von Bad Neuenahr-Ahrweiler unterwegs ist, der kann einen weinroten Škoda durch die Straßen holpern sehen, vorbei an Autowracks, an Schutthaufen, an verschlammten Häuserfassaden. Meist hupt Gitte dreimal, ehe sie anhält. Dann steigt sie aus, öffnet den Kofferraum. Es dauert nur wenige Sekunden, bis die Ersten kommen, die Hunger haben.

Gitte redet schnell und lächelt viel, um den Hals trägt sie einen silbernen Anhänger, eine lachende Sonne. Die Luft in Bad Neuenahr ist voller Staub, der vor wenigen Wochen noch als Schlamm auf den Straßen klebte, aus den feuchten Häusern dünstet der Moder. Gitte trägt eine frisch gewaschene Schürze.

Sie ist 61 Jahre alt und möchte nicht, dass ihr Nachname veröffentlicht wird. Gitte sagt, sie wolle diese Aufmerksamkeit nicht, es gehe hier nicht um sie. Es gehe um die Betroffenen, um die vielen freiwilligen Helfer. Und darum, dass etwas Gutes entstehen könne, wenn jeder beitrage, was er kann.

Am vergangenen Sonntag, gegen 14 Uhr, öffnet Gitte also ihren Kofferraum vor einem Hauseingang aus zerborstenem Glas. Am Ende der kleinen Straße, dort, wo die Ahr fließt, biegt eine alte Frau um die Ecke. Sie setzt einen Fuß vor den anderen, vorsichtig, sie kraxelt über das aufgerissene Pflaster, klammert sich an ihrer Handtasche fest.

Der Abend davor: Gittes Schnibbelgruppe bei der Arbeit
Der Abend davor: Gittes Schnibbelgruppe bei der Arbeit
© Murat Tueremis

"Wollen Sie eine Suppe?“, fragt Gitte. Die Frau hebt den Kopf: "Ja, gerne.“ Sie habe sich sowieso gerade etwas zu essen holen wollen. Sie wirkt ein wenig zittrig, nimmt die Schale, fängt an zu löffeln.

Wie es ihr gehe? Sie winkt ab. Dort hinten, an der Ahr, wohne sie gemeinsam mit ihrem Mann. Die Nachbarn unter ihr seien ruiniert, ihre eigene Wohnung sei unbeschädigt, aber sie hätten beide Autos verloren, und Strom gebe es noch immer nicht. Sie müsse ihre Rundgänge machen, drinnen sei es nicht auszuhalten, alles so dunkel, um acht liege sie im Bett und könne nicht schlafen.

Sie sei 84 Jahre alt, sagt die Frau. Die Wohnung hier in Bad Neuenahr sei teuer gewesen. Vor einigen Jahren hätten sie und ihr Mann Haus und Grundstück verkauft für diesen Ruhesitz in einer beschaulichen Stadt. "Und das“, sagt sie, "ist jetzt das Ende.“

Aufwachen aus der Schockstarre

Dreieinhalb Wochen war es am vergangenen Sonntag her, dass die Flutwelle Tod und Zerstörung nach Bad Neuenahr-Ahrweiler brachte. 141 Menschen haben den offiziellen Zahlen zufolge allein im Landkreis Ahrweiler ihr Leben verloren, andere ihre Existenz oder ihr Haus oder ihr Auto; die Gewissheit jedenfalls, in Sicherheit zu leben. Allmählich erwachen die Menschen hier aus dem Schock. Manche trauen sich zum ersten Mal seit der Flut in andere Teile der Stadt: nachschauen, was geblieben ist.

Schlamm und Müll sind aus den meisten Straßen geräumt, Keller leer gepumpt, Fernsehteams sind kaum noch zu sehen, und manche sagen, auch die Helfer würden weniger. Noch immer leben viele in feuchten Häusern ohne Strom. Seit Wochen können sie sich nicht selbst versorgen. Und seit Wochen trifft Gitte sich deshalb jeden Tag mit einigen Freundinnen in ihrem Wohnzimmer, türmt Kartoffeln oder Karotten auf den Tisch, Bohnen oder Zwiebeln; die Frauen schnippeln bis spät in den Abend, früh am nächsten Morgen steht Gitte auf, backt Brot und kocht eine Suppe.

Eine Suppe, sagt sie, sei was für die Seele. Noch nie habe sie so viel Butter und Sahne verkocht wie in diesen Wochen. Das brauchten die Menschen jetzt. Es sind Menschen, die darauf vertrauen müssen, dass sie nicht alleingelassen werden; dass sie nicht vergessen werden. Gitte sagt: "Ich habe ihnen ein Versprechen gegeben: Es gibt so lange Suppe, bis wieder Strom da ist.“

Es sind Helferinnen und Helfer wie Gitte, die dafür sorgen, dass alles nicht noch schlimmer ist. Man trifft sie jeden Tag in Bad Neuenahr-Ahrweiler. Manche kochen in riesigen Feldküchen. Andere räumen mit Schaufeln und mitgebrachtem Werkzeug die Häuser frei. Unterstützen überforderte Geschäftsleute beim ganzen Papierkram. Sie tun, was der Staat nicht tut.

Gitte und Marianne verteilen Suppe und selbst gebackenes Brot
Zur Suppe verteilen Gitte und Marianne täglich selbst gebackenes Brot und als Nachtisch ein Stück Kuchen
© Murat Tueremis

Rund zweieinhalb Stunden vor der Begegnung mit der alten Frau tritt Gitte aus der Tür ihres Hauses in einem kleinen Ort nahe Bad Neuenahr und lädt mit ihrer Freundin Marianne einen Zehn-und einen 15-Liter-Topf rheinische Schnibbelbohnen-Suppe in den Kofferraum. Bald darauf biegen die beiden Frauen auf die Kreuzstraße in Bad Neuenahr ein, die Ahr fließt etwa 150 Meter entfernt. Ein Mann kommt zum Auto, vielleicht Mitte 30, neben ihm ein kleines Mädchen mit einem Metalltopf. Nein, sagt der Mann, er wolle nicht reden, es werde doch immer das Gleiche geschrieben, der Aufbau sei im Gange – von wegen, man solle sich doch nur mal umgucken.

Er redet dann doch. So wie die meisten hier reden wollen, reden müssen, auch mehr als drei Wochen nach der Katastrophe noch.

Die ersten zwei Wochen, sagt er, habe sich fast niemand um den Block gekümmert, nur die Bundeswehr, die habe das Brauchwasser aufgefüllt. Aufräumarbeiten, Verpflegung: alles privat organisiert, mit vielen freiwilligen Helfern.

"Wir wurden hier vergessen"

Der Mann lebte mit seiner Familie in einem der nahe gelegenen Wohnblocks im Hochparterre, komplett geflutet, jetzt wohnen sie weiter oben, der Nachbar ist geflohen. Seit ein paar Tagen laufe immerhin das Wasser. Wenigstens, sagt er, könne man jetzt wieder auf Toilette gehen und sei nicht mehr auf Plastiktüten angewiesen. "Wir wurden hier vergessen“, sagt er.

"Es gibt Bohnen!“, ruft das Mädchen vom Kofferraum. Es klingt, als würde sie am liebsten den ganzen Kessel leer essen.

"Ich weiß“, sagt der Mann. "Deshalb sind wir hergekommen.“ Es klingt, als würde er sich am liebsten schlafen legen.

Gitte macht den Topf voll, der Mann holt auch ein paar Portionen für die Nachbarn. "Das ist erleichternd“, sagt er. "Irgendwann kannst du den Dosenfraß nicht mehr sehen.“

Wer in Bad Neuenahr-Ahrweiler unterwegs ist, muss die Wut nicht lange suchen. Die Menschen schwärmen von den privaten Helfern, sie schimpfen auf die staatlichen Stellen: ungenügende Warnungen, ungenügendes Krisenmanagement – zu wenig Präsenz, zu wenig Koordination, zu wenig Kommunikation. Die Ermittlungen gegen den Landrat des Landkreises Ahrweiler wegen des Anfangsverdachts auf fahrlässige Tötung haben viele in ihrem Unmut bestärkt.

Und auch die Trauer muss man nicht lange suchen. Da ist die Frau, die über den verwüsteten Friedhof wankt und sich die Tränen aus dem Gesicht wischt und erzählt, dass sie das Grab ihrer Tochter suche, es aber einfach nicht finde. Und da ist die 82-Jährige, die auf einer der ausrangierten Kirchenbänke am Ufer der Ahr sitzt, die auf das zerstörte Kasino gegenüber blickt, in dem sie als junge Frau schon getanzt hat; vor sechs Wochen verlor sie den Mann, den sie liebte, an den Krebs, vor drei Wochen die Stadt, die sie liebte, an die Flut.

Wer hier unterwegs ist, muss aber auch die Zuversicht nicht lange suchen und die Freundlichkeit. Da ist der Vater, der mit seiner Familie in einer Notunterkunft lebt, aber jetzt mit einem Bier in der Gasse steht und sagt, dass Ahrweiler lebe und immer leben werde. Da ist der 86-jährige Mann, der nun jeden Tag mit Arthrose drei Stockwerke gehen muss, weil der Aufzug ohne Strom nicht fährt, und der trotzdem sagt: "Was wollen wir machen, wir müssen da ja durch.“

Uschi und Dirk suchen den Grabstein von Uschis Tochter auf dem total ueberschwemmten Friedhof in Ahrweiler
Friedhof ohne Frieden: Ursula Wershofen sucht das Grab ihrer Tochter, ihr Mann Dirk hilft. Vergebens.
© Murat Tueremis

Die Flut hinterließ Schutt und Asche

Nachdem Gitte sich von dem Mann und dem kleinen Mädchen verabschiedet hat, stoppt sie einige Hundert Meter weiter vor einem blauen Haus. Dort wohnt Hans-Joachim Funke. Funke ist 67 Jahre alt, seine Hände sind zerschunden von den Aufräumarbeiten der vergangenen Wochen. Funke kennt Gitte schon von ihren ersten Touren, damals, als noch kaum jemand in den Ort kam, um etwas für die Leute zu tun. Über Gittes Hilfe sagt er: "Das war unser Überleben.“

Im selben Haus wie Funke wohnt seine 98-jährige Schwiegermutter. Er hat sie in der Flutnacht auf seine Schulter gepackt und die Treppen hinaufgetragen. Da reichte das Wasser bis an die Fenster ihrer Wohnung im Hochparterre. Wo Minuten zuvor noch Funkes gepflegter Garten war, war nun ein Wirbel aus braunem Wasser. "Diese Gewalt“, sagt Funke, "kann man sich nicht vorstellen.“

In den Tagen danach war auch Funke ohne Strom. Dabei war der so bitter nötig. Die Schwiegermutter sei lungenkrank, müsse am Tag mehrere Stunden an ein Sauerstoffgerät. Funke erzählte Gitte davon. Die besorgte ihm ein Stromaggregat. Und einen Bautrockner.

Die Betroffenen in den Hochwassergebieten brauchen Hilfe. Wir leiten Ihre Spende ohne Abzug an vor Ort tätige Organisationen weiter. Hier können Sie spenden.
Die Betroffenen in den Hochwassergebieten brauchen Hilfe. Wir leiten Ihre Spende ohne Abzug an vor Ort tätige Organisationen weiter. Hier können Sie spenden.

Gitte sagt, als sie am Tag nach der Flut nach Bad Neuenahr-Ahrweiler gekommen sei, um eine Freundin zu unterstützen, da sei sie fassungslos gewesen. Die weinenden Menschen vor ihren zerstörten Häusern. Der Schlamm, der Schutt, der Müll auf den Straßen. Dazwischen ein Schaukelpferd, das mal einem Kind gehörte. Sie sagt, sie hätte niemals nicht helfen können.

Trauer und Wut, Zuversicht und Freude liegen im Ahrtal eng beieinander

Zu normalen Zeiten lädt sie jeden Freitag ihre Nachbarn ein, zieht den Tisch im Wohnzimmer aus und kocht. Ihre Freundinnen sagen, sie sei gut im Organisieren. Seit Jahren gibt sie Kochkurse, arbeitet als selbstständige Beraterin für Gesundheit und Ernährung, hält Vorträge. In den Stunden nach der Katastrophe überlegte sie, was sie tun könne; wie sie am besten helfen könne. Ihr Blick fiel auf das Gemüse in ihrer Küche. Am nächsten Morgen fuhr sie den ersten Topf heiße Suppe zu den Menschen in der zerstörten Stadt. Seitdem bleiben ihr pro Tag selten mehr als zwei, drei Stunden Freizeit.

Am Ende ihrer Tour an diesem Sonntag landen Gitte und Marianne erneut an der Ahr, am anderen Ufer steht ein verwüstetes Gymnasium. "Wo sind wir denn überhaupt?“, fragt Marianne. "Hier war ich neulich“, sagt Gitte. "Hier wurden die Bagger ausgebuddelt.“

Am Straßenrand steht eine Frau in Handwerkerkleidung und mit Staub im Gesicht, sie stellt sich als Franziska vor, 31 Jahre alt. Gitte gibt ihr eine Schale Suppe. Erst vor sechs Monaten, erzählt sie, hätten sie und ihr Mann das gemeinsame Haus gekauft, gleich um die Ecke. "Wir wollten eh noch renovieren“, sagt sie. "Aber nicht so.“ Ob sie bleiben wollen? Sie schweigt. "Schwierig“, sagt sie dann. Sie wirkt müde.

Vorerst scheinen die Menschen im Ahrtal mit dem Überleben beschäftigt, mit dem Durchkommen, dem Durchhalten. "Wir haben keine Zeit für schlechte Laune“, sagt Franziska. "Ist schon was, wenn man sich wenigstens nicht um das Essen kümmern muss.“

Gitte und Marianne steigen in den Škoda, machen sich auf den Weg nach Hause. Morgen früh übernehme ein Freund das Kochen, sagt Gitte. Er wolle, dass die Frauen mal eine Pause machen. Aber am Abend wird sie dann wieder schnippeln mit ihren Freundinnen. Am Tag darauf gibt es Zucchinisuppe mit Ingwer und Kokos.

Erschienen in stern 33/2021

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