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Abgeltungssteuer: Ein Viertel für den Staat

Für Sparer und Aktionäre gilt ab Januar 2009 eine neue Steuer: die Abgeltungssteuer. Der Finanzminister kassiert von Zinsen, Dividenden und Börsengewinnen 25 Prozent. Wer von der Pauschalabgabe trotz Finanzkrise profitiert, wer draufzahlt und wie sich Geldanleger jetzt noch die Vorteile des alten Rechts sichern können.

Von Frank Donovitz und Joachim Reuter

Schnipp-schnapp, schnipp-schnapp, und ein Viertel ist ab. Ob Sparbuch, Tagesgeldkonto oder Aktiendepot, vom nächsten Jahr an schneidet der Finanzminister einen Anteil von 25 Prozent ab - nicht vom Guthaben, aber von den Erträgen. Schließlich lautet Peer Steinbrücks Motto: "I love Cash - Ich liebe Bares."

Mit der neuen Abgeltungssteuer startet der Minister eine Steuerrevolution, die das Sparen der Deutschen verändern wird. Und wie häufig bei großen Umbrüchen versuchen einige die unübersichtliche Lage für den eigenen Vorteil auszunutzen. Seit Wochen befeuern Banken, Sparkassen und Versicherungen ihre Kunden mit Werbebotschaften: Da ist vom "Steuer-Schlussverkauf " die Rede oder den "Abgeltungssteuervermeidern". Noch, so die Warnung, sei "Zeit zum Handeln".

Dabei greift die Reform erst zum 1. Januar. Es bleiben also knapp drei Monate zum Informieren, Nachdenken und Entscheiden. Denn wer bis Silvester investiert, kann sich die Vorteile des bisherigen Steuerrechts sichern - bis in alle Ewigkeit. Eine solche Anlage will also gut überlegt sein.

Persönliche Steuersatz zählt nicht mehr

Die Abgeltungssteuer heißt so, weil mit dem Abzug eines Viertels alle Ansprüche des Fiskus abgegolten, also erledigt sein werden. Ob Zinsgutschriften, Dividenden oder Börsengewinne - künftig zählt nicht mehr der persönliche Steuersatz des Geldanlegers, sondern nur noch der pauschale Satz von 25 Prozent. Die Rolle des Steuereintreibers übernehmen Banken und Sparkassen. Sie ziehen ihren Kunden bei jeder Gutschrift und jedem Verkauf automatisch 25 Prozent des Gewinns ab. Um ganz genau zu sein: Dazu kommen noch der Solidaritätszuschlag von 5,5 Prozent plus gegebenenfalls 8 oder 9 Prozent Kirchensteuer. Insgesamt werden also zwischen 26,4 bis 28,6 Prozent einbehalten. Nur die staatlich anerkannte Altersvorsorge, Einkünfte aus Gewerbebetrieben und Mieteinnahmen sind von der neuen Steuer ausgenommen (siehe Tabelle).

Mit der Neuregelung der Kapitaleinkünfte ist Finanzminister Steinbrück ein Platz im Geschichtsbuch sicher. Denn seit zwei Jahrhunderten galt in Deutschland das Prinzip von der Besteuerung nach der individuellen Leistungsfähigkeit. Der Fiskus unterscheidet bisher nicht zwischen guten und schlechten Einkünften, er behandelt Erträge aus der eigenen Hände Arbeit nicht anders als die aus angehäuftem Kapital. Alle Einnahmen werden zusammengezählt und einem ansteigenden Steuertarif unterworfen - in der Spitze bis zu 45 Prozent. Damit ist jetzt Schluss. Die Abgeltungssteuer kennt nur einen Tarif: 25 Prozent. Ob der Anleger 1000 Euro oder eine Million kassiert - immer kostet ihn das nur ein Viertel.

"Entspricht nicht den Gerechtigkeitsvorstellungen"

Das ist ein starkes Stück für einen Sozialdemokraten. Doch Peer Steinbrück verteidigt sich: "Die Abgeltungssteuer macht Deutschland als Anlagestandort attraktiver - auch wenn sie nicht gerade landläufigen Gerechtigkeitsvorstellungen entspricht."

Kein Wunder, dass Gregor Gysi, Fraktionschef von der Partei Die Linke, dem Finanzminister eine "Bevorzugung der Reichen" vorwirft. Steinbrück, studierter Ökonom, kontert mit Globalisierungszwang. Der moderate Abgeltungssatz soll "hochmobiles Kapital" in Deutschland halten, es bestehe Fluchtgefahr. Deshalb gelte: "Besser 25 Prozent von x als 42 oder 45 Prozent von nix." Kaum zu glauben: Unterm Strich verliert der Staat durch die Reform sogar Geld. Die Einnahmen aus Zins- und Dividendenbesteuerung sollen laut Steinbrücks Beamten von heute rund 25 Milliarden Euro jährlich bis 2012 um vier Milliarden Euro sinken.

Doch im Streit um die richtige Besteuerung geht es auch um die wirtschaftlichen Anreize. Wer sollte weniger Steuern zahlen? Der, der investiert und Jobs schafft - oder der, der einfach nur die garantierte Ausschüttung seiner Staatsanleihen einstreicht? Bisher war es so: Anleger, die höhere Risiken eingehen, sich zum Beispiel per Aktienkauf an Unternehmen beteiligen und ihnen damit Kapital zur Verfügung stellen, werden eher gering besteuert. Wer hingegen weniger riskiert, beispielsweise auf sichere Zinsen setzt, zahlt dafür höhere Steuern. Denn bislang sind Kursgewinne aus Aktienanlagen nach einem Jahr Besitz steuerfrei und die ausgeschütteten Dividenden nur zur Hälfte steuerpflichtig. Zinseinnahmen hingegen müssen in voller Höhe versteuert werden. Eingeführt hatte das Steinbrücks Amtsvorgänger Hans Eichel, auch von der SPD. Damals war es das erklärte Ziel, die Anlage in Aktien zu fördern. Das ist bald Geschichte. Aktionäre, ob direkt über die Börse oder indirekt über Fonds, sind die Verlierer der Reform.

Die lästige "Anlage KAP" entfällt

Einfacher immerhin ist das neue System. Heute ziehen die Banken für den Fiskus von Zinsen 30 Prozent Steuern und von der Hälfte der Dividenden 25 Prozent ab. Liegt der persönliche Steuersatz der Anleger nach ihrer Einkommensteuererklärung darüber, verlangt das Finanzamt Nachzahlung. Ist er niedriger, können Sparer zu viel abgezogene Kapitalertragssteuern zurückfordern. Abgerechnet wurde bislang mit dem Steuerformular "Anlage KAP" - wie Kapitaleinkünfte. Das mühsame Ausfüllen und Übertragen der Erträgnisaufstellungen der Banken entfällt ab dem Steuerjahr 2009 für alle Bürger, deren Steuerbelastung für den zuletzt verdienten Euro über 25 Prozent liegt. Das gilt für Ledige ab einem Jahresbruttolohn von 18.000 Euro und für Verheiratete ab einem Jahresbrutto von 35.000 Euro.

Sparer mit Geringem Einkommen können sich weiterhin beim Lohnsteuerjahresausgleich zu viel gezahlte Abgaben zurückholen. Auch der Sparerfreibetrag bleibt faktisch erhalten und heißt ab Januar "Sparer-Pauschbetrag". Ohne jeden Abzug bleiben bei Ledigen Kapitalerträge von 801 Euro und bei Verheirateten 1602 Euro.

Für Kleinsparer verändert die Abgeltungssteuer also wenig. Den Vermögenden und Gutverdienern verschafft Peer Steinbrück hingegen eine deutliche Entlastung. "25 Prozent Einmal-Abschlag statt wie bisher bis zu 45 Prozent, ist natürlich günstiger", sagt Michael Otto, Direktor im Private Banking der vornehmen Hamburger Berenberg Bank. Mehr netto für alle also, zumindest für alle, die von Zinsen und Dividenden leben könn(t)en.

Rat zur Besonnenheit

Solche Kunden haben Banker wie Michael Otto dutzendweise. Und allen rät er, entgegen manchem Alarmismus in der Werbung und in Teilen der Presse, zur Besonnenheit. "Geldanlagen sollten nach deren Wirtschaftlichkeit und nach persönlichen Bedürfnissen des Anlegers ausgewählt werden - nie nur aus Steuerüberlegungen heraus", sagt der Berenberg-Berater. Doch die allermeisten Menschen werden weder so beraten, noch können sie allein von Zinsen und Dividenden leben.

Sparer, die weniger als 500.000 Euro auf dem Konto haben - so viel muss man typischerweise bei Berenberg & Co. anlegen -, hören seit Wochen von ihren Finanzberatern das genaue Gegenteil von dem, was Michael Otto sagt. Nämlich: Jetzt ganz schnell noch etwas abschließen, bloß keine Abgeltungssteuer zahlen und dem Fiskus für immer und ewig ein Schnippchen schlagen. "Schluss mit Dating! Ab jetzt wird geheiratet!" Mit solchen Zurufen umwirbt etwa Stephan Kunze, Mitgeschäftsführer von Deutschlands größter Fondsfirma DWS die Kunden, sich dauerhaft auf ein Aktieninvestment festzulegen.

Für die Anbieter von Investmentfonds steht viel auf dem Spiel. Seit Jahren preisen sie Aktienfondssparpläne als ideale Langfristanlage, bestens zur Altersvorsorge geeignet. Ab dem nächsten Jahr schmälert die Abgeltungssteuer die Rendite. Steuervorteile gibt es dann nur für eine Form des Fondssparens - die staatlich geförderte Riester-Rente. Aber nur wenige große Anbieter haben Riester-Fonds im Angebot, den anderen droht ab Januar ein Versiegen des Geldzuflusses.

Keine Steuerfreibeträge für Kursgewinne

Entsprechend aufgebracht ist Stefan Seip, Chef des Investment-Bundesverbandes, über die "massive Schlechterstellung der Fonds-Sparpläne". Zumindest seien - wie im Ausland - zusätzliche Steuerfreibeträge für Kursgewinne nötig. Oder, so wie bisher, die totale Steuerfreiheit, sobald Fondsanteile eine bestimmte Zeit lang im Besitz des Anlegers waren. Das Finanzministerium lehnt beides ab.

Jenseits allen Getöses bleibt eine Erkenntnis: Wer langfristig in Wertpapieren, vor allem aktienorientierten, sparen möchte, sollte mit Blick auf die Abgeltungssteuer bis zum Jahresende sein Depot durchforsten und sich für neue Anlagen entscheiden. Auch, um gegenüber Schlussverkäufern in Banken, Sparkassen oder im eigenen Wohnzimmer gewappnet zu sein. Denn sonst machen die schnipp-schnapp - und schneiden sich ein großes Stück ab.

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Von:

Joachim Reuter und Frank Donovitz