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Bürokratie: Italien: In drei Wochen zur Steuernummer

Früher war es keine Seltenheit, dass man monatelang auf ein Dokument warten musste. Nun ist man schon in drei Wochen Besitzer einer plastifizierten Steuernummer. Immerhin.

Es ist 10.00 Uhr, die Menschenschlange im Postamt wird immer länger. Keine Seltenheit für Rom, nichts Besonderes für Italien. Um Streitereien zwischen den Wartenden zu vermeiden, werden Nummern gezogen. "Ohne die Nummern würde es hier drunter und drüber gehen", erklärt Stefano Ghilgieri. Der 43-jährige arbeitet in einer der vielen Nebenstellen des Finanzministeriums. "Ich kann mir mittlerweile gar nicht mehr vorstellen, wie das früher war, als es nur ein Büro in ganz Rom gab." Damals war es keine Seltenheit, dass man monatelang auf ein Dokument warten musste. Nun sei man schon in drei Wochen Besitzer einer plastifizierten Steuernummer, sagt Ghiglieri.

Ursache ist ein Nord-Süd-Problem

Guido Melis, Professor für Verwaltungsgeschichte an der Universität Rom, hat als eine Ursache der langsamen Behördenarbeit ein Nord-Süd-Problem ausgemacht. "Das Problem der italienischen Bürokratie ist die ungleiche Verteilung der Arbeitskräfte im ganzen Land", erklärt er. "Die Mehrzahl der Beamten sind Süditaliener und arbeiten auf eine Versetzung in ihre Heimat hin." Viele der Büros im Norden seien hoffnungslos unterbesetzt, der Service demzufolge unzureichend.

Beamte haben keinen hohen Status

Dabei kamen die ersten Beamten im 19. Jahrhundert aus der Region Piemont. Dank der Industrialisierung des Nordens haben sich die Norditaliener aber der Wirtschaft zugewandt, zudem ist ein Beamter gesellschaftlich nicht hoch angesehen. Im landwirtschaftlich orientierten Süden wiederum fehlten Arbeitsplätze. "Ausschließlich junge Leute aus dem Süden bewerben sich heute bei den öffentlichen Ausschreibungen um einen Beamtenposten", erklärt Melis. "Zwar ist ein Beamter nicht hoch angesehen in der Gesellschaft, doch er verspricht einen sicheren Posten und ein regelmäßiges Gehalt, wenn auch ein sehr geringes."

Umständliche Arbeitsweise des 19. Jahrhunderts

Dies ist auch eines der Probleme der hinkenden Bürokratie in Italien. Schon 1911 stellte der damalige Landwirtschaftsminister Francesco Saverio Netti fest: "Wir haben viele Schlechtbezahlte und wenig Gutbezahlte." Während es 1861 knapp 3.000 Beamten gab, arbeiten laut Melis heutzutage rund vier Millionen Beamte in den öffentlichen Ämtern. Und diese arbeiten zum Teil noch mit den alten Methoden und den umständlichen Arbeitsweisen des 19. Jahrhundert, ob bei der Post oder in den Justizbehörden.

Behördenreformer sollen arbeiten wie ein Gärtner

Ein Prozess kann in Italien bis zu zehn Jahre dauern. Zwar gab es Ansätze, einige umständliche Gesetze zu vereinfachen, aber außer in zwei oder drei Fällen nichts passiert. Zudem gibt es keine einheitliche Ausbildung für die Beamte. Außerdem sind die bisherigen Reformen oft nur halbherzig bis gar nicht verwirklicht worden. "Wer Reformen durchsetzen will, muss arbeiten wie ein Gärtner", erklärt Melis. "Beständig und ohne Pause muss er große und kleine Aufgaben erledigen - Schritt für Schritt. Nur so wird der Garten erblühen." Beginnen könnte der Gärtner mit der Schmälerung des Ministerstabs von 14 auf fünf. Dann sollte er die Arbeitsweise der Behörden modernisieren, vereinfachen und unnötige Formulare abschaffen. Und zu guter Letzt sollte er die Beamten vernünftig auswählen: so dürften nicht Empfehlungen anderer ausschlaggebend sein, sondern Können und Arbeitserfahrung der Bewerber.

Alexandra Barone / DPA