HOME

Gesellschaft: Schnäppchenjagd kostet tausende Arbeitsplätze

Die deutschen Verbraucher haben von der beispiellosen Rabattschlacht im Einzelhandel mit Preisnachlassen von bis zu 50 Prozent kräftig profitiert. Aber der Preis dafür ist hoch.

Mit ungebremstem Sparwillen ziehen die Menschen in Deutschland in die ersten Rabattschlachten des neuen Jahres. Zwischen Weihnachtsaktionen und dem am 26. Januar startenden, letzten Winterschlussverkauf locken viele Händler schon wieder mit drastischen Reduzierungen. Der Schnäppchenjäger ist zur gesellschaftlichen Leitfigur geworden. Doch Experten sehen das Ende der atemlosen Aktionen nahen, denn der Preis dafür ist hoch.

Verbände: Rabattschlachten kosten tausende Arbeitsplätze

Die deutschen Verbraucher haben von der beispiellosen Rabattschlacht im Einzelhandel mit Preisnachlassen von bis zu 50 Prozent kräftig profitiert. Die Bundesbürger gaben 2003 für neue Bekleidung rund drei Milliarden Euro weniger aus, obwohl sie nicht erheblich weniger eingekauft haben, teilte der Bundesverband des Deutschen Textileinzelhandels am Montag in Düsseldorf mit. "Die Gewinner der Rabattschlachten waren die Verbraucher", sagte der Vize- Hauptgeschäftsführer des Verbandes, Siegfried Jacobs. Mehr als jeder dritte Konsument habe in der Vorweihnachtszeit reduzierte Bekleidung erworben, die er zu einem normalen Preis sonst nicht gekauft hätte.

Ist für Sie der Preis das Wichtigste?

Jeder zehnte Mitarbeiter verlor seinen Job

Folge des zermürbenden Preiskampfes sei aber auf der anderen Seite des Ladentisches ein massiver Arbeitsplatzabbau, der noch einmal an Schwung gewonnen habe. Im vergangenen Jahr verloren bundesweit rund 13 000 Verkäuferinnen und andere Mitarbeiter im Textileinzelhandel ihren Job. Innerhalb von drei Jahren sank die Beschäftigtenzahl in der Teilbranche um 21 000 auf 314 000. In der Bekleidungsindustrie wurden gleichzeitig bundesweit 5000 Arbeitsplätze gestrichen, womit jeder zehnte Mitarbeiter den Job verlor, teilte der Herstellerverband GermanFashion mit. Beide Verbände gehen davon aus, dass der massive Stellenabbau dieses Jahr nicht mit dem gleichen Tempo weiter geht.

Abflauen der Rabattschlacht erwartet

Außerdem wird in diesem Jahr ein Abflauen der Rabattschlacht mit der Flut an Schnäppchenangeboten erwartet. "Auch die Anführer der Rabattschlachten werden in ihren Bilanzen erkennen, dass die Erhöhung des Marktanteils und das Verdrängen von Mitbewerbern wenig erbaulich sind, wenn die Rendite gefährdet ist", betonte Jacobs. Überzogene Rabatte und ganzjährige Rotstiftpreise würden die Kaufzurückhaltung zudem eher fördern, weil die Verbraucher auf noch billigere Angebote warteten. Die Verbraucher müssten aber nicht mit höheren Preisen bei Bekleidung rechnen. Das Ausmaß der Rabattschlacht sei erst durch die Abschaffung des Rabattgesetzes vor rund zweieinhalb Jahren möglich geworden. Ursache des Preiskampfes sei die wachsende Verkaufsfläche.

Bekleidungsindustrie: 13. Jahr ohne Umsatzzuwachs?

Während die 530 Unternehmen zählende deutsche Bekleidungsindustrie bereits die Talsohle erreicht hat, erwartet der Textileinzelhandel 2004 nur Umsätze auf dem Vorjahresniveau. Das wäre dann das 13. Jahr ohne Umsatzzuwachs. Der Branchenumsatz schrumpfte 2003 um ungefähr 5 Prozent auf rund 55 Milliarden Euro. Vor allem Mäntel, Jacken und Kleider liefen in der Damenoberbekleidung schlecht. In den Herren- Abteilungen waren Sakkos und Krawatten weniger gefragt. Lammfell- Jacken und Kordhosen waren Renner. Die deutsche Bekleidungsindustrie freut sich über Exportzuwächse. Zu den Bestellungen aus Westeuropa komme eine steigende Nachfrage aus dem Osten. 2004 werden zwischen 4,4 (Damenbekleidung) und 2,1 Prozent (Herren) Umsatzplus erwartet.

"Die Deutschen lieben den Preis"

In keinem anderen Land Europas werden nach Einschätzung des Nürnberger Marktforschers GfK so erbitterte Preiskämpfe ausgefochten wie in Deutschland. "Die Deutschen lieben den Preis", sagt GfK- Marktforscher Wolfgang Twardawa, Briten legten stattdessen tendenziell eher Wert auf Service, Schweizer und Franzosen auf Qualität. "Mehr als die Hälfte der europäischen Discounter sind in Deutschland."

Wenig Unterschiede zwischen Markenartikeln und Kopien

Twardawa macht mehrere Ursachen dafür verantwortlich: So schaffe das deutsche Baurecht Filialen in Format von Lidl, Aldi oder Schlecker viel leichtere Bedingungen als größeren Märkten. Immer mehr günstige Elektrogeräte oder Kosmetikartikel haben zudem ähnliche Eigenschaften wie Markenartikel, wie die Stiftung Warentest auch immer wieder betont - wozu, so scheint die Mehrheit zu glauben, dann noch auf Marken oder Made in Germany Wert legen?

Service und Qualität weniger wichtig

"Deutschland ist Vorreiter bei der Konsumfixiertheit auf den Preis unter Vernachlässigung anderer Aspekte", sagt auch Handelsforscher Daniel Staib vom renommierten Zürcher Gottlieb Duttweiler Institut. Schnäppchenjäger rechnen sich altmodisch mit Anzeigenvergleich oder modern mit Preismaschinen im Internet in ihre Kaufräusche. Bücher wie "Super-Schnäppchen" oder "Fabrikverkauf in Deutschland" haben Konjunktur.

Argwohn gegen privates Profitstreben

Doch die Rechnung dürfte langfristig nur selten aufgehen. "Die Händler spielen mit der Irrationalität der Konsumenten", sagt Staib. "Die Konsumenten berücksichtigen nicht alle Kosten." Nach Schnäppchen zu jagen, koste enorm viel Zeit, oft genug auch reichlich Benzin oder Verkehrstickets zu den Anbietern. Doch auch aus gesamtgesellschaftlicher Sicht wird privates Profitstreben im Puls purzelnder Preise zunehmend argwöhnisch betrachtet.

Ohne Werte folgt Vertrauensverlust

Das Wirtschaftsmagazin "Brand eins" sieht mit dem Preis auch Werte erodieren und fürchtet: "Wo der Wert fehlt, fehlt der Plan, herrscht Desorientierung und Vertrauensverlust." GfK-Forscher Twardawa sagt: "Es gibt eine wachsende Verunsicherung, weil zu viele Aktionen zunehmend beliebig erscheinen und es keine Normalpreise mehr gibt." Schon sieht der Experte das Ende immer neuer Rabattaktionen nahen. Dauertiefpreise bei Discountern etablieren sich dagegen weiter. Trotz des Preiskampfes machen ständig neue Billigfilialen mit Lebensmitteln, Kosmetik oder Kleidern auf. Der Fachhandel schrumpft dagegen dramatisch - "überall stehen Ladenlokale leer".

Nur Spezial- und Nischenprodukte haben Chancen

Nur spezielle Angebote in Luxus-, Service-, Öko- oder Dritt-Welt- Nischen können die um sich greifende Pfennigfuchserei dauerhaft überstehen. "Ökologische und fair gehandelte Lebensmittel behaupten sich auf festen Stammplätzen, ohne dabei ein Massenpublikum zu erreichen", sagt beispielsweise Ulla Simshäuser vom Institut für Ökologische Wirtschaftsforschung in Heidelberg. So ist der Absatz von Produkten mit dem Siegel des Vereins TransFair nach Angaben einer Sprecherin in den ersten drei Quartalen 2003 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum leicht gestiegen - um ein Prozent auf 3700 Tonnen.

Markt ist "überhitzt"

Seit 1969 hat Lutz Kroth, geschäftsführender Gesellschafter des Buch- und CD-Versands Zweitausendeins, Erfahrung mit dem Schaffen immer neuer Sonderangebote. "Derzeit hat der Markt aber etwas Überhitztes", sagt Kroth, "wenn man den Slogan 'Geiz ist geil' ernst nimmt, ist es ganz traurig." Großzügigkeit sei ein viel wertvollere Eigenschaft.

Sparsamkeit als menschlicher Grundtrieb

Doch der Zweitausendeins-Chef bleibt gelassen: Ein genereller Werteverfall müsse nicht unbedingt hinter der Schnäppchenwelle stecken - dafür gebe es zu viele, in atemberaubendem Tempo wechselnde Trends, auch reichlich unterschwellige Ängste gerade bei jungen Leuten, die Kauf und Schnäppchenjagd beeinflussen. "Vielleicht ist es einfach ein Grundtrieb der Menschen, sparsam einzukaufen und trotzdem Qualitität zu wollen."

DPA