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Kolumne: Billig macht blöde

Sie glauben, Sparen sei sexy? Vergessen Sie's, sagt stern-Redakteurin Ildikó von Kürthy. Denn der dämlichste Spruch des Jahres lautet: "Geiz ist geil".

Es ist seit jeher interessant zu beobachten, wer sich so alles für attraktiv hält. Welcher Idiot hat zum Beispiel den birnenförmigen Herren mit Einstecktuch gesagt, sie seien unwiderstehlich? Und wer machte Frauen glauben, es erhöhe ihre Chancen auf dem Heiratsmarkt, Beckenknochen wie todbringende Stacheln mit sich herumzutragen? Wir werden den Urheber dieser Behauptungen nicht ausfindig machen, aber wenn er das hier liest, dann soll er sich was schämen! Wen wir hingegen hier und jetzt beim Namen nennen können, sind die Erfinder einer Attraktivitätslüge, wie man sie wirklich nur einem Haufen von Beknackten weismachen kann: "Geiz ist geil".

Das haben sich die Jungs der Werbeagentur Jung von Matt ausgedacht. Und das klingt erst mal irgendwie gut. Hui, so provokativ! Hey, was die sich trauen! Und auf einmal ist es Kult, und die Leute fangen an, diesen Mist zu glauben. Aber die Wahrheit ist: Es gibt nix, was ungeiler ist als Geiz. Gut, einmal abgesehen von Schuppen auf dunklen Pullovern. Das Einzige, was wirklich noch unattraktiver ist als ein Geizhals, ist ein Geizhals, der sich beim Geizigsein auch noch wie ein doller Hecht vorkommt. Und davon gibt es bei uns echt zu viele.

Leute, denkt immer daran, wenn ihr quer über den Kontinent zu einer Tankstelle fahrt, wo's den Liter Normalbenzin zwei Cent billiger gibt: Das ist nicht geil, sondern peinlich, mal abgesehen davon, dass ein Land, in dem nur Geizhälse, Sparmonster und Schnäppchenjäger leben würden, morgen wegen Minusminusminus-Wachstum dichtmachen könnte. Meine Güte, was muss man sich für entwürdigende Geschichten anhören! Wenn Menschen mit stolzgeschwellter Brust erzählen, dass sie nach fünfundzwanzig Stunden Internetrecherche herausgefunden haben, wo es den Schulz-DVD-Laser-PXQ3-Optimierer am günstigsten gibt. Und wie sie mit großer Geste ihre Vorratskammer öffnen und auf 13 Zitronenkuchen-Backmischungen deuten, die es vor Monaten bei Famila mal im Dutzend billiger gab. Mensch, das ist so daneben!

Sparen ist nämlich eine Kunst. Meine Theorie ist: Geiz macht gierig. Billig macht blöde. Die Gier bemerke ich persönlich an mir selbst immer sehr schön, wenn ich mich über "All you can eat"-Büfetts hermache. "So viel Sie wollen für nur 12,90!" So wie es Menschen gibt, die im Kino nie knutschen, weil sie ja für den Film bezahlt haben, so würde ich nie nur einen kleinen Obstsalat nehmen, wenn ich mehr, viel mehr haben kann. Hier wird an die niedersten Instinkte appelliert. Und nachher liegst du mit Atembeschwerden auf der Couch, weil sich die ganze Sache ja lohnen sollte und dir jetzt der Krabbensalat von unten die Lunge abklemmt.

Und wie blöde man sich angesichts eines Schnäppchens verhält, daran gemahnt mich die nie getragene Hose, die nicht nur sehr heruntergesetzt war, sondern auch sehr eng und sehr orange ist. Oder nehmen sie meine Freundin Carola S., die sich eine gebrauchte, immer noch schweineteure, luxuszerknitterte Prada-Plisseebluse kaufte, von spontanem Geiz überfallen diese in eine Billigreinigung trug und beim Abholen von der Kassiererin den Satz hörte: "Tschuldigung, aber die Falten haben wir nicht alle rausbekommen." Es ist doch wirklich so, dass die meisten Leute an der falschen Stelle sparen oder aber für die Schnäppchenjagd so viel Zeit investieren, dass sie sich bequem stattdessen einen Zweitjob zulegen könnten.

Weil, es ist ja so: Wenn du einmal mit dem Sparen angefangen hast, dann kannst du nicht mehr aufhören. Es ist wie eine Sucht. Alles könnte ja schließlich eventuell auch irgendwo noch günstiger sein! Und auf einmal fühlt man sich wie ein Depp, weil man den vollen Preis bezahlt und nicht mal einen Versuch unternommen hat, den Verkäufer runterzuhandeln. Dann wirst du zu genau dem Typen, der du eigentlich nie sein wolltest.

Schneller als man denkt,

hat man www.aldi.de als Startseite installiert, liest in der Wochenendzeitung nicht mehr das Feuilleton, sondern die Prospekte mit den Sonderangeboten. Und was so ein richtig gewitzter Sparfuchs ist, der schneidet Gutscheine aus, wo immer er sie findet, und lädt seine Liebste dann zum Jahrestag ganz schnieke zum "Zwei Gerichte zum Preis von einem!"-Essen ein. Auch in Ordnung, solange er sich nicht wundert, warum er noch vor dem Nachtisch wieder Single ist.

Also wirklich, seien Sie so geizig, wie Sie wollen. Aber lassen Sie sich von niemandem einreden, das würde Sie zum geilen Typen machen. Das stimmt nicht - und gilt insbesondere für alle birnenförmigen Geizkrägen mit Einstecktuch.

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