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Kommentar: Die späte Radikalkur der Versicherer

Die Versicherungsbranche verdient Milliarden und entlässt zugleich Mitarbeiter; die Gewerkschaften schäumen vor Wut. Soweit hätte es nicht kommen müssen - wenn die Versicherungsmanager früher gehandelt hätten.

Von Frank Donovitz

Der Aufschrei der Beschäftigten in der Versicherungswirtschaft wird lauter. Er ist verständlich, und er ist begründet. An die 10.000 Arbeitsplätze - Stand heute - will die Branche deutschlandweit streichen, der Marktführer Allianz allein mehr als 5000. Weitere 10.000 seien gefährdet, rechnen Gewerkschaften vor. Und dies, so der Generalvorwurf betroffener Arbeitnehmer, obwohl die Konzerne satte Gewinne verbuchen, und einige auch auf internationaler Bühne erfolgreiche Spieler sind.

Trotzdem, oder gerade deshalb, startet die deutsche Versicherungswirtschaft ihre größte Restrukturierung seit Bestehen, also seit bald 150 Jahren. Zu spät. Vor einigen Jahren hätte vielleicht noch fein dosiertes Abführmittel geholfen. Heute wohl nicht mehr. Die heimische Assekurranz ist einer der letzten fettleibigen Wirtschaftszweige. Die meisten anderen, von Banken über High-Tech bis Automobilwirtschaft, haben ihre Schlankheitskur entweder schon hinter sich, oder liegen damit in den letzten Zügen. Jetzt sind die Versicherer am Zug.

Computer, Politik und Börse

Es gibt drei wesentliche Gründe für die Radikalkur. Sie fallen nicht sofort ins Auge - und sie werden von vielen Bossen immer noch schamhaft verschleiert.

1. Der Computer killt den über Jahrzehnte gängigen Geschäftsprozess, vor allem in der Sachversicherung, also bei Kfz, Hausrat undsoweiter: Der clevere Verbraucher ersetzt die Vertreter durch das Internet, die Schaden-Sachbearbeiterin muss der "intelligenten" Datenbank weichen.

2. Politik und Geburtenrückgang rasieren das jahrzehntelange, "natürliche" Wachstum. Die private Krankenversicherung hängt am seidenen Faden der Großen Koalition. Das althergebrachte Lebensversicherungsgeschäft läuft nahezu aus. Jeder Deutsche, vom Neugeborenen bis zum Greis, besitzt statistisch bereits mehr als eine solche Versicherung - eine weltweit einmalige Vollkasko. Beim neuen, staatlich geförderten Vorsorgesparen sind die Angebote der Versicherer oft teurer (demzufolge renditeschwächer) als Offerten von Banken und Investmentfonds. Provisionsgesteuerte Außendienstler geraten zuerst in Argumentations-, dann in Absatznot. Und der Innendienst hat darauf keine Antwort - außer Kostensenkung und Risikoverlagerung auf die Kunden, "fondsgebundene Versicherung" genannt.

3. Börse und Konkurrenzkampf diktieren - anders als vor Jahren - das Handeln von Versicherungsmanagern. Die Geldanlagen vieler Anbieter leiden unter Nachwehen des Börsenschocks und der Zinstalfahrt. Den Kunden können kaum noch konkurrenzfähige Profite geboten werden. Zugleich verlangen Aktionäre von Allianz, AMB Generali & Co laufend höhere Gutschriften. Das Dogma des globalen Finanzkapitalismus ist nicht Gewinn, sondern Ge-winnwachstum. Fast egal, ob per schneller Kostenersparnis, auf wilder Einkaufstour wie Axa, Talanx & Co, oder - gar selten - mittels nachhaltigem Neugeschäft.

Versagen einer Generation

Weder auf gierige Börsianer, noch auf zittrige Politiker oder kostenbewusste Verbraucher haben Versicherungsmitarbeiter direkten Einluss. Aber sie haben einen Anspruch darauf, dass ihnen so genannten Führungskräfte die Lage endlich verständlich machen. Die nicht gerade hippe, dafür aber umso heimeligere Vollkasko-Branche ist Geschichte. Vorbei die Zeit, in der der Arbeitsvertrag mit einer Versicherung lebensange Versorgungssicherheit nahezu garantiert hat. Und vorbei die Zeit, in der die "Umschulung" auf Versicherungsvertreter einen PS-Boliden und wachsende Provision bei abnehmendem Arbeitsaufwand ermöglicht hat. Aus, vorbei und tot - oft ohne große materielle, vor allem aber ohne psychische Rückversicherung für die Betroffenen. Dieses Versagen einer ganzen Manager-Generation der Assekurranz schmerzt am meisten. Und in dieser Hinsicht ist der Aufschrei auch berechtigt.

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