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Rechtlicher Beistand: Wie Sie den richtigen Anwalt finden

Keine Scheidung ohne Anwalt - aber welcher ist der Richtige? Im Gespräch mit stern.de erklärt Rechtsanwalt Peter Baumann, warum beide Partner besser getrennt einen Anwalt nehmen, worüber am häufigsten gestritten wird - und worauf Sie bei der Anwaltssuche achten sollte.

Wer eine Scheidung will, kommt um einen Anwalt nicht herum. Denn in Deutschland darf nur ein Anwalt den Scheidungsantrag bei Gericht einreichen. Doch auch, wenn Sie keine Trennung wollen: Spätestens, wenn der eigene Partner für die Ehe keine Zukunft mehr sieht, sollte Sie den Gang zum Anwalt antreten.

Für stern.de hat Rechtsanwalt Peter Baumann, der selber einen Scheidungsratgeber verfasst hat, die wichtigsten Fragen rund um den Gang zum Anwalt und Probleme bei der Scheidung beantwortet.

Karin Spitra

#Link;http://www.stern.de/wirtschaft/geld/prozesskostenrechner-was-sie-der-scheidungsprozess-kostet-567062.html;Der Prozesskostenrechner für Scheidungsfälle# hilft Ihnen abzuschätzen, mit welchen Ausgaben Sie für Anwalt und Scheidungsprozess rechnen müssen.

Worauf sollte man bei der Anwaltssuche achten?

Wahrscheinlich wird sich jeder erst einmal im eigenen Bekanntenkreis umhören und Erfahrungswerte sammeln. Wichtig ist aber laut Baumann, "dass man sich für die Scheidung auf jeden Fall einen Fachanwalt für Familienrecht sucht." Denn Fachanwälte sind Rechtsanwälte, die auf einem bestimmten Gebiet - z.B. Familien- oder Arbeitsrecht - intensive, jährliche Schulungen nachweisen müssen. "So bleiben sie thematisch ständig auf der Höhe - und können auch Gesetzesänderungen berücksichtigen", so der Münchner Rechtsanwalt.

Was macht mein Anwalt eigentlich?

"Offiziell wird es erst, wenn einer sich zur Scheidung entschlossen hat und zum Anwalt geht. Denn natürlich müssen zunächst die einzelnen Aspekte einer Scheidung im Beratungsgespräch geklärt werden", sagt Rechtsanwalt Baumann. Das könne eine sehr einfache Geschichte sein, wenn das Paar kein Vermögen hat, keine Kinder vorhanden sind und beide etwa gleich viel verdient haben seit sie zusammen sind - womöglich noch bei einer recht kurzen Ehedauer. "Der Anwalt kriegt dann die Vollmacht, bereitet alle notwendigen Unterlagen mit seinem Mandanten vor, füllt den Scheidungsantrag aus und reicht den bei Gericht ein." Dann geht alles seinen amtlichen Gang. Das funktioniere aber nur, wenn man von einer "einfachen, also einvernehmlichen Scheidung" ausgeht und die beiden Eheleute bereits ein Jahr getrennt leben.

Was, wenn ein Ehegatte gar keine Scheidung will?

Oft geht der Scheidungswunsch von einem Ehegatten allein aus - und der andere wird plötzlich damit konfrontiert. Vielleicht erfährt er auch erst durch einen Anwaltsbrief von den Scheidungsabsichten seines Partners. In so einem Fall rät der Fachanwalt dringend dazu, sich professionelle Hilfe holen: "Der 'überraschte Partner' sollte sich schnell für ein Beratungsgespräch an einen Anwalt wenden. Nur so kann er eventuell reagieren - denn die finanzielle Tragweite eines solchen Schrittes ist vielen gar nicht klar."

Widerstand ist zwecklos

"Leider", so Baumann, "wird ihm der Anwalt aber erklären mussen, dass es nicht darauf ankommt, ob er mit der Scheidung einverstanden ist oder nicht." Nach Ablauf des Trennungsjahres und Klärung sonstiger Verhältnisse ( z.B. der Wohnsituation) sei schon so viel Zeit verstrichen, dass in der Regel jeder Beteiligte weiß, dass er sich eigentlich nicht mehr gegen die Scheidung stellen kann. "Ich mache immer klar: Die Scheidung findet statt - ob mein Mandant will oder nicht."

Kann man sich einen Anwalt teilen?

"Das geht grundsätzlich nicht, weil ein Anwalt nur die Interessen einer Partei wahrnehmen kann", so Rechtsanwalt Baumann. Es gäbe aber einige wenige Ausnahmen, wo es - z.B. um Geld zu sparen - möglich sei, dass eine Partei auf ihren Anwalt verzichtet. "Nehmen wir den einfachen Fall an, dass zwei Studenten heiraten und nach einem Jahr feststellen: Wir passen nicht zusammen. Dann reicht natürlich ein Anwalt aus." In diesem Fall dürfe man ja davon ausgehen, dass noch kein nennenswertes Vermögen oder Rentenansprüche da sind, erläutert der Familienrechtler.

Anwalt vertritt immer nur eine Partei

"Aber auch in diesem Fall vertrtitt der Anwalt nur die Interessen einer Partei. Der andere Ehegatte verzichtet auf einen eigenen Anwalt, kriegt den Scheidungsantrag über das Gericht zugestellt und muss nur noch antworten 'Ich bin mit der Scheidung einverstanden'. Wenn man sich also einen Anwalt 'teilt', dann ist der trotzdem immer nur für eine Seite tätig." Im Zweifelsfall würde der andere, wenn dann doch Probleme auftauchen, alleine dastehen. "Und das passiert häufiger, als man denkt", so Baumann.

Welches sind typische Fehler?

"Der häufigste Fehler in einem Scheidungsverfahren ist eigentlich, dass man nicht rechzeitig zum Anwalt geht", sagt der Münchner Rechtanwalt Baumann. "Denn leider glauben Betroffene zu oft dem Ex-Partner und dessen Anwalt." Neben der Gutgläubigkeit und dem damit verbundenen zu späten Einschalten einer eigenen Rechtsvertretung verzichteten viele Paare aber auch aus Sparsamkeit auf einen eigenen Anwalt, "wenn sie besser einen an ihrer Seite hätten".

Das würde sich gerade in Vermögensangelegenheiten negativ auswirken. "Da ist man immer auf der Verliererseite", berichtet Baumann aus seinem Kanzleialltag.

Was ist mit der 'Scheidung light', die es online gibt?

Die meisten Anbieter versprechen Zweierlei: geringe Kosten und wenig Aufwand. "Das Problem ist das fehlende persönliche Gesprächs", sagt Anwalt Baumann. Tauche dann später doch ein Problem auf, würden sie aber genau diese Beratung brauchen. "Das lässt in den meisten Fällen die Kosten wieder steigen - da kann man sich doch gleich von Anfang an eine kompetente Beratung holen."

In dem Moment, wo Kinder involviert sind, oder es Unsicherheiten bei Unterhalt und Vermögen gibt, "ist eine Scheidung light sowieso nicht mehr machbar", urteilt der Fachanwalt.

Wie lange dauert eine Scheidung?

"Vom Einreichen des Scheidungsantrags und bis zu dem Zeitpunkt, wenn alle Papiere vollständig sind, kann die Scheidung in vier Wochen durch sein - vorausgesetzt, das Trennungsjahr ist abgelaufen", erläutert Anwalt Baumann. Wenn sich die Parteien allerdings noch über den Versorgungsausgleich einigen müssten, dann komme leicht ein weiteres halbes Jahr hinzu.

Keine Sorgen müssen sich Scheidungswillige nach Angaben des Rechtsanwalt aber wegen "bummelnder Ex-Partner" machen. Wer sich beim Ausfüllen der Unterlagen zu viel Zeit lässt und womöglich Fristen platzen lässt, kann schnell diszipliniert werden: "Das Gericht hat die Möglichkeit, ein Zwangsgeld aufzulegen. In den meisten Fällen reicht das." Leider gäbe es auch Leute, die gar keine Briefe mehr aufmachen würden, denen alles wurscht sei. "Da wird es schon ein Geduldsspiel", so Baumann.

Doch auch die Auslastung des zuständigen Familiengerichts sei "ein nicht zu unterschätzender Zeitfaktor".

Wobei gibt es die meisten Probleme?

Für den Scheidungsanwalt gibt es eine klare Reihenfolge: "Am häufigsten gibt es Probleme wegen der Kinder. Da geht es darum, wie das Sorgerecht gestaltet wird, oder wie das Umgangsrecht geregelt werden soll. Besonders wenn der Partner in einer neuen Beziehung lebt, kommen oft Hassgefühle auf, die über die Kinder ausgetragen werden", erzählt der Rechtsanwalt. Erst an zweiter Stelle kämen Auseinandersetzungen ums Geld, wobei die Unterhaltsstreitigkeiten vorne lägen.

Spielt die Schuldfrage noch eine Rolle?

"Vor Gericht - Gott sei Dank - nicht", sagt der Fachanwalt für Familienrecht Baumann. "Ich halte das Zerrüttungsprinzip deshalb auch für einen Segen." Es würde natürlich schon noch vorkommen, dass Eheleute in ihrem Hass versuchen würden, über ihre Anwälte das Schuldprinzip wieder irgendwie in das Verfahren zu bringen. "Aber die meisten Fachanwälte versuchen dann, den Ball flach zu halten und die Leute nicht auch noch in ihrem Hass anzustacheln." Da eine Scheidung für die Beteiligten eine hoch emotionale Sache sei, wäre es auch Aufgabe der Anwälte, "die Leute wieder runterzubringen".

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