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Spielregeln: Gewaltiger Hebel

Der Aktienhändler Jérôme Kerviel hat mit Wetten auf den Deutschen Aktienindex (Dax) Milliarden verloren. So scheiterte seine Finanzspekulation.

Von Joachim Reuter

Börsenhändler können auf die zukünftige Entwicklung einzelner Aktien oder ganzer Aktienindizes, zum Beispiel den Dax, wetten. Dabei vereinbart der Händler, Aktie oder Index an einem festgelegten Termin in der Zukunft zu einem festen Preis zu kaufen. Dieses Produkt nennt sich deshalb Future (=Zukunft). Glaubt der Spekulant, dass die Kurse steigen, kauft er einen "Long"-Future, geht er von fallenden Kursen aus, einen "Short"-Future. Kerviel hat auf steigende Aktienindizes gesetzt. Klettert der Index bis zum festgelegten Tag, macht er Gewinn, fallende Kurse bedeuten für ihn Verlust. Der Clou: Kerviel konnte mit relativ geringem Einsatz große Summen bewegen. Weil das Geschäft in der Zukunft liegt, muss er beim Kauf des Future lediglich einen bestimmten Betrag als Sicherheit hinterlegen. Notiert der Dax beispielsweise bei 8000 Punkten, ist ein Future 200.000 Euro wert, denn ein Dax-Punkt entspricht im Terminhandel 25 Euro. Beim Kauf hinterlegt der Händler aber nur eine Sicherheit von fünf Prozent des Dax-Wertes, in diesem Fall 10.000 Euro.

Ein Schaden von 4,9 Milliarden Euro

Solange die Kurse im Dax steigen, macht der Händler Gewinn. Kauft er beispielsweise einen Dax-Future bei einem Stand von 8000 Punkten, und der Index steigt auf 8500, hat er 12.500 Euro verdient (25 Euro mal 500 Punkte = 12.500 Euro). Fällt jedoch der Dax von 8000 auf 7000 Punkte, sinkt der Wert des Future um 25 000 Euro. Nun meldet sich die Börse beim Händler, denn er hat nur 10.000 Euro Sicherheit hinterlegt. Er muss die Differenz von 15.000 Euro nachschießen, sonst wird der Future zwangsverkauft. Wie gewaltig der Hebel wirkt, zeigt folgende Rechnung: Kerviel hatte nicht nur einen, sondern schätzungsweise 140.000 Dax-Futures gekauft. Bei einer solchen Größenordnung hätte er im Beispielfall 2,1 Milliarden Euro nachschießen müssen. Zudem wettete er mit Abertausenden Kontrakten auf die Aktienindizes EuroStoxx und FTSE. Als alles ans Licht kam, verkaufte die Bank die Futures. Doch da waren die Märkte bereits im freien Fall - am Schluss stand ein Schaden von 4,9 Milliarden Euro.

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