Trends Was kommt nach dem Absturz?


Wer den Mega-Markt der Zukunft kennt, kann reich werden - wie Bill Gates. Die Theorie eines Russen hilft dabei.

Jetzt, da die Weltwirtschaft schwerstens stockt, hoffen die Kapitalisten auf einen Russen. Ausgerechnet. Der Mann heißt Nikolaj Kondratjew, ist lange tot, war überzeugter Kommunist und Direktor des Moskauer Konjunkturinstituts unter Lenin. Überlebt hat seine Entdeckung, dass es neben dem kurzfristigen Auf und Ab, das Ökonomen Konjunktur nennen, sehr viel längere Wellen wirtschaftlicher Aufstiege und Niedergänge gibt - nach ihm Kondratjew-Zyklen genannt. Solche Wellen, fand der schlaue Russe heraus, dauern 40 bis 60 Jahre, und sie sind immer verknüpft mit großen technischen und gesellschaftlichen Veränderungen. Begonnen hat es mit der Industriealisierung Ende des 18. Jahrhunderts. Seither sind vier große Wirtschaftstrends bereits Geschichte:

* Mit der Erfindung der Dampfmaschine wurde der Übergang von der Agrar- in die Industriegesellschaft möglich. Es entstanden die ersten Fabriken.
* Die Entwicklung von Eisenbahnen und Schiffen mit Stahlrumpf ermöglichte geregelten Handel über große Entfernungen. Im Schlepptau entstand die Stahlindustrie.
* Im dritten Kondratjew-Zyklus wurden Elektrotechnik und Chemie zu Antreibern des Wandels.
* Die vierte Welle brachte den Massenverkehr - Petrochemie und Automobilwirtschaft boomten.

Der fünfte Schub, das Zeitalter der Informationstechnologie (IT), setzte danach ein - und hat die Sturm- und Drangphase gerade hinter sich. Der sechste Zyklus steckt noch in den Kinderschuhen, doch manche spekulieren schon auf die "neuen Chancen". "Die Überschrift dieser nächsten langen Welle lautet Gesundheit - der Megamarkt des 21. Jahrhunderts", sagt Leo Nefiodow. Der Konjunkturforscher am Sankt Augustiner GMD-Institut hat über Jahre Trendanalysen ausgewertet. Er ist überzeugt: Die Nachfrage nach persönlicher Gesundheit, gesunder Umwelt und gesunder Arbeitswelt wird explodieren.

Milliardenschwere Geldgeber stehen schon bereit. Zum Beispiel Klaus Kaldemorgen, Geschäftsführer beim Deutsche-Bank-Fondsanbieter DWS. Er legt für Privatanleger mehr als 20 Milliarden Euro in Aktien an. "Ich würde liebend gerne in solche Trendfirmen einsteigen", sagt der Manager. Für seine großen Fonds hat er nur noch nicht die passenden gefunden: "noch zu klein, zu unreif, zu unsicher".

Aktien solcher Firmen kaufen bislang nur hochspezialisierte Fonds mit Namen wie "Healthcare", "Leisure" oder "Lifestyle" - ganz in der Hoffnung auf Kondratjews Theorie. Doch die Wertentwicklung solcher Fonds lässt Anleger eher schaudern. Seit vielen Monaten schleppt sich die Wirtschaft "genau durch die Übergangsphase von der fünften zur sechsten langen Welle", meint Rüdiger Ginsberg, Vorstand beim Fondsanbieter Union Investment. "Mit Begleiterscheinungen, die für große Wellen-Übergänge so typisch wie schmerzlich sind." Sinkende Konzerngewinne, Rekordzuwächse bei Firmenpleiten, steigende Arbeitslosigkeit, Kaufstreik an Börsen und Ladentheken, lahmes Wachstum. Wie lange das noch andauert? Ein Jahr, zwei Jahre oder noch viel länger?

Das können weder Börsenmanager noch Forscher seriös beantworten. Aber Anzeichen einer neuen Kondratjew-Wellen sind bereits erkennbar. Der Gesundheitsmarkt ist schon heute eine sprudelnde Profitquelle. Die Medizintechnik boomt. Auch die Pharmaindustrie wächst beständig. Grund und zugleich Motor des Gesundheitsbooms ist die Demografie: In den Industrieländern kommen immer weniger Kinder zur Welt, und die Menschen werden immer älter. So wird nicht nur der Bedarf an altengerechten Wohnanlagen weiter steigen. Immer begehrter werden auch Wellness- und Fitness-Produkte, Freizeitangebote und nicht zuletzt Luxusartikel, wie der Chefstratege der Schweizer Großbank Credit Suisse, Philipp Vorndran, glaubt. "Denn das vererbte Vermögen wächst und wächst."

Laut einer Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) sind die Pro-Kopf-Ausgaben für Gesundheit in den Industrieländern im vergangenen Jahrzehnt um 50 Prozent stärker gewachsen als die Wirtschaft insgesamt. So konnten die Aktien der Gesundheitsbranche dem seit drei Jahre andauernden Börsen-Crash am längsten trotzen: Erst im vergangenen Herbst rutschten beispielsweise die rund 60 deutschen Branchenvertreter an der Börse ins Minus. Zum selben Zeitpunkt hatte der über alle Industrien gestreute Dax-Index bereits die Hälfte seines Wertes verloren.

Hersteller von Wellness-Produkten wie Wella, seit vergangener Woche mehrheitlich Teil des amerikanischen Procter&Gamble-Konzerns, Mabert oder Beiersdorf konnten sich dem Abwärtstrend der Weltbörsen entgegenstemmen. Von derselben Nachfrage - "Schöner, jünger, gesünder" - profitierten auch Branchenfremdlinge wie Puma, Nike und Adidas. So hat sich der Aktienkurs von Puma im vergangenen Jahr zeitweise verdoppelt. Noble Schuhgeschäfte verkaufen heute das, was Grünen-Politiker Joschka Fischer noch in den achtziger Jahren als Unsitte angelastet wurde: Turnschuhe.

Zu Kursanstiegen á la Puma reichte es bei etablierten Pharmafirmen wie Schering, Altana oder Merck nicht. Aber sie behaupteten sich im Crash noch vergleichsweise gut - wie Betreiber von Privatkliniken. Aktien der Rhön- und Eifelhöhen-Kliniken empfielt DZ-Bank-Analyst Jochen Badouin, selbst Mediziner, zum Kauf. Hintergrund für deren gute Geschäftsaussichten: Der Staat zieht sich mehr und mehr aus der Rundum-Gesundheitsvorsorge zurück, die private Wirtschaft springt bereitwillig ein. So dürfte die vom Kanzler angekündigte Reform des Gesundheitswesens der Versicherungswirtschaft neue Produkte und damit neue Profite bescheren.

Doch nicht in diesen "klassischen", sondern in neu entstehenden Gesundheitsbranchen finden sich die größten Wachstumschancen, glaubt Langwellen-Forscher Leo Nefiodow. Dazu zählen beispielsweise Bio-, Gen- und Umwelttechnologie. Doch warum sausten dann ausgerechnet die Kurse dieser Firmen zuletzt in den Keller?

Die Erklärung dafür findet sich in allen bisherigen Kondratjew-Wellen: Nicht die Pioniere eines Trends sind auf der Spitze der Welle ganz oben, sondern die cleversten Nachmacher. So ist heute nicht der Heimcomputer-Erfinder Apple die Nummer eins der IT-Industrie, sondern "Weiterentwickler" Microsoft - nicht Apple-Guru Steve Jobs wurde der Held der fünften Welle, sondern Windows-Verkäufer Bill Gates. Und genau wie Apple vor 20 Jahren ergeht es jetzt manchen Börsenpionieren der Gesundheitswelle. Beispiel: Der Alternativ-Energie-Dienstleister Umweltkontor stand zuletzt unter Druck. Nachfolger wie Repower, Nordex und Plambeck haben es dagegen unter die 30 Werte im neu gebildeten Technologie-Aktienindex TecDax geschafft. Ob sich darunter - heute oder in ein paar Jahren - die Marktgiganten des sechsten Kondratjew-Zyklus befinden, ist völlig offen.

Leo Nefiodow geht noch einen Schritt weiter. Nicht mehr das beste Fachwissen und rein logisches Denken werden nach seiner Ansicht künftig Wettbewerbsvorteile schaffen, sondern die meiste "soziale Kompetenz" - der gewinnbringende Umgang miteinander. Denn: "Es gibt fachlich keinen Unterschied mehr zwischen Spitzentechnologen in Tokio, San Francisco, München oder Bombay."

Deshalb könnte professionelles Gesundheitsmanagement zum neuen Erfolgsfaktor für Unternehmen werden. Neue, darauf spezialisierte Dienstleister könnten entstehen - mit ganz neuen Job-Chancen etwa für Psychologen, Sozialberater und Pädagogen. Doch das ist weitgehend Zukunftsmusik.

Eher krass wirkt eine amerikanische Variante im Boom dieser so genannten "Soft Skills", den "weichen Faktoren" gesunder Arbeitswelt: Rund 4000 festangestellte Geistliche kümmern sich schon heute um das seelische Wohl der Mitarbeiter etwa bei den US-Autobauern General Motors, Chrysler und Ford. Ganz im Sinne der nächsten langen Welle.

Nikolaj Kondratjew bekam für seine Forschungsleistung keinen Preis, sondern bezahlte einen hohen: Der überzeugte Marktwirtschaftler passte irgendwann nicht mehr in Stalins Sowjet-Ideologie. Kondratjew wurde 1938 nach achtjähriger Sibirien-Haft erschossen.

Frank Donovitz print

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