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Zinspolitik der EZB Was der Leitzins leitet


Nach fast zwei Jahren mit historisch niedrigen Zinsen hat die Europäische Zentralbank den Leitzins um 0,25 auf 1,25 Prozent erhöht. Aber was ist eigentlich ein Leitzins? Und warum ist er so wichtig?
Von Stefan Schmitz

Es gibt große Zinsen und kleine, unberechenbare und solche, die sich erst im letzten Moment zu erkennen geben. Überziehungszinsen sind meist riesengroß. Auf Sparkonten sind eher mickrige Vertreter der Gattung zu Hause. Aber nur einer ist der Boss der Familie. Der Zins, der die Richtung vorgibt und deshalb auch so heißt, wie er heißt: der Leitzins.

Für alle Länder, in denen der Euro gilt, ist der erste Donnerstag im Monat der entscheidende Tag für den Leitzins. Dann kommt im 26. Stock des Frankfurter Euro-Towers der Rat der Europäischen Zentralbank (EZB) zusammen. Am runden Tisch unter einem riesigen Leuchter nehmen das Direktorium der Bank sowie die Chefs der nationalen Notenbanken des Euro-Raumes platz. Den Vorsitz führt der Franzose Jean-Claude Trichet, der Präsident der EZB.

Notenbanker - unscheinbar, aber mächtig

Am Ende beschließen die Notenbanker, ob sie den Leitzins senken, erhöhen oder so lassen wie er ist. Niemand darf ihnen dabei hereinreden - Regierungen nicht und Geschäftsbanken wie etwa die Deutsche Bank schon mal gar nicht.

Trichet muss trotzdem kaum fürchten, auf der Straße erkannt zu werden. Auch Ben Bernanke, sein Kollege von der US-Notenbank Fed, wirkt mit seiner Halbglatze und dem grauen Bart wie ein gütiger Professor. Aber Vorsicht! In der Forbes-Liste der mächtigsten Menschen der Welt hat er es bis auf Platz vier gebracht. Trichet immerhin auf 25.

Wachstum kontra Preise

Denn ihre Zinsentscheidungen lenken die ganze Wirtschaft. Vereinfacht gesagt legen sie den Satz fest, zu dem sich Banken bei der Zentralbank Geld besorgen können. Wenn ein Institut frische Mittel braucht, kann es zum Beispiel Wertpapiere bei der Zentralbank hinterlegen, für die es dann zu dem festgelegten Zinssatz Geld erhält.

Nun können Geschäftsbanken sich auch aus anderen Quellen versorgen - etwa indem sie sich untereinander etwas leihen oder die Einlagen ihrer Sparer nutzen. Aber ihre Bereitschaft, dafür zu zahlen, hängt entscheidend davon ab, wie viel die Zentralbank verlangt.

Bei den Entscheidungen der EZB - ebenso wie bei denen der Fed und anderer Notenbanken wie der Bank of England - geht es letztlich immer um das Gleiche: Wenn sie sich sorgen, dass ihre Währung an Wert verliert, können sie mit einer Zinserhöhung dafür sorgen, dass Geld teurer wird. Das führt dazu, dass die Banken bei ihr weniger Mittel anfordern und dann auch weniger Kredite und diese zu höheren Zinsen an ihre Kunden geben. Das ganze Wirtschaften wird so ein wenig gedämpft. Das fördert nicht unbedingt das Wachstum; aber wirkt beruhigend auf die Preise.

Das billige Geld muss wieder vom Markt

Zinssenkungen spülen dagegen billiges Geld in den Kreislauf, durch das plötzlich auch Investitionen sinnvoll werden, die sich sonst nicht gelohnt hätten. Ein Unternehmer zum Beispiel, der sich überlegt, ein neues Auto oder eine neue Maschine zu kaufen, wird das umso eher tun, je weniger Zinsen er dafür zahlen muss. Niedrigere Zinsen befeuern daher die Wirtschaft, aber auch die Preise.

Als die Weltwirtschaft in den Keller gerauscht ist, haben die Zentralbanken die Leitzinsen bis nahe Null gesenkt. Sie fluteten das ganze System mit unvorstellbaren Mengen Geld, um den Kollaps zu verhindern. Fürs erste hat das geklappt.

Doch die Inflation steigt, im Euro-Raum waren es zuletzt 2,6 Prozent und damit deutlich mehr, als die Währungshüter akzeptabel finden. Daher haben sie nun die Wende eingeleitet und die Zinsen angehoben. Der Hauptrefinanzierungssatz – der wichtigste Zins – stieg von 1,0 auf 1,25 Prozent. Zu ihm können sich Banken für längere Zeit Geld gegen Sicherheiten wie Wertpapiere besorgen. Bei kurzfristigen Geschäften gilt ein etwas höherer Satz - der ebenfalls angehoben wurde, von 1,75 auf zwei Prozent.


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