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Mallorca: Finca-Besitzern droht die Enteignung

Viele Finca-Besitzer auf Mallorca sind in hellem Aufruhr: Weil die Balearen-Regierung eine 30 Kilometer lange neue Bahntrasse bauen will, sollen rund 700 Finca-Besitzer teilweise enteignet werden. Auch Deutsche sind betroffen.

Idylle auf Mallorca: Wenn Claudia Gelabert auf ihrer Terrasse steht, blickt sie über sanfte Hügel bis zum Meer am Horizont. Frei stehende Landhäuser schmücken wie bunte Tupfen das gewellte Grün im Osten der spanischen Ferieninsel, Katzen streichen durch die Gegend, Vögel zwitschern. Seit sieben Jahren genießt die Deutsche das Leben in der Bilderbuchlandschaft. Doch nun fürchtet die gebürtige Berlinerin den Abschied vom Paradies. Die Balearen-Regierung will noch in diesem Jahr mit dem Bau einer Bahntrasse beginnen, die mitten durch Gelaberts Garten in dem Örtchen Son Carrio führen sollt.

Noch stoppen die Einsprüche den Bau

Der 43-Jährigen droht die Enteignung eines Teils ihres Grundstücks und ein Zug, der ab 2011 wenige Meter neben ihrem Swimmingpool vorbeibrausen soll. Insgesamt sollen für den Bau der Bahnlinie fast 700 Grundstückseigentümer und rund 400.000 Quadratmeter Fläche enteignet werden. Unter der Betroffenen sind auch einige Deutsche, die in Mallorcas Hinterland nach Ruhe und Entspannung suchten. Ihre Einsprüche stapeln sich derzeit im balearischen Verkehrsministerium.

Das Prestige-Projekt der Regionalregierung zur Verbesserung des oft als extrem mangelhaft kritisierten öffentlichen Nahverkehrs auf der Insel ist für sie ein Alptraum. Bei vielen Betroffenen soll die 30 Kilometer lange Trasse, wie im Fall Gelaberts, quer durch die Grundstücke, an Pools, Terrassen und Garagen vorbeiführen.

Hohe Wertverluste

Die Finca-Besitzer klagen über hohe Wertverluste ihrer Immobilien und fühlen sich hereingelegt. Denn, so der allgemeine Tenor, mit der Wiederaufnahme des 1977 wegen Unwirtschaftlichkeit eingestellten Zugbetriebs auf der alten Strecke sei nicht zu rechnen gewesen. Bis vor kurzem zeugen nur die rostigen Schienen, die demnächst einem Betonbett für einen modernen Elektrozug weichen sollen, von der Bahnlinie. Manche glauben sogar, bewusst hinters Licht geführt worden zu sein.

Rolf und Gabriele Drevermann kauften ihr Domizil an dem alten Gleis erst Ende 2007, mit der lokalen Politik auf Mallorca hatten sie sich nicht beschäftigt. "Aber die Maklerin muss damals schon von den Plänen gewusst haben. Die hat uns voll auflaufen lassen", sagt Rolf Drevermann. Das Haus auf dem rund 7000 Quadratmeter großen Grundstück, von dem sie nun ein Drittel dem Staat abtreten sollen, sollte für sie Altersversorgung und Ort ihres Lebensabends sein.

Rentabilität bezweifelt

Viele Betroffene betrachten den Ausbau der Bahn zudem als unrentabel. "Das ist eine Fehlinvestition für ganz Mallorca", sagt Gelabert. Sie ist fest davon überzeugt, dass das Vorhaben mit den dafür veranschlagten 100 Millionen Euro nicht zu schaffen sei und auch die angestrebte Zahl von bis zu 700.000 Fahrgästen im Jahr zwischen der Kleinstadt Manacor und dem Dorf Artá bei weitem nicht erreicht werde. Mit anderen deutschen Betroffenen und einer bereits existierenden mallorquinischen Protestgruppe will sie sich nun zusammentun, um gemeinsam gegen das Projekt zu kämpfen.

Aufhalten können sie den Zug aber vermutlich nicht. Zwar könne sich der ursprünglich für diesen Sommer geplante Baubeginn wegen der Prüfung auf Umweltverträglichkeit noch leicht verschieben, aber gebaut werde auf jeden Fall, sagt der zuständige Generaldirektor im balearischen Verkehrsministerium, Toni Verger. Die neue Bahnstrecke ist für ihn ein entscheidender Fortschritt in der Verkehrsstruktur Mallorcas. Auf der Insel war bislang vor allem in Schnellstraßen und Autobahnen investiert worden, die aktuelle Mitte-Links-Regierung der Balearen setzt nun verstärkt auf Bus und Bahn. "Wir handeln im Sinne des Gemeinwohls, und das steht manchmal dem Wohl des Einzelnen entgegen", sagt Verger. Die von Enteignungen betroffenen Eigentümer tröstet er mit einem Fonds von zwei bis fünf Millionen Euro, der für Entschädigungen zur Verfügung stehe.

Silke Droll/DPA / DPA
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