HOME

Passivhaus: Sparen und rundum wohlfühlen

Wer Benzinkosten sparen will, fährt weniger Auto, wer seine Stromrechnung verringern will, benutzt Energiesparlampen. Doch was machen Menschen, denen Heizung oder Klimaanlage das letzte Hemd auffressen? stern.de verrät, wie sich ohne Frieren und Schwitzen in einem Passivhaus kräftig Geld sparen lässt.

Von Malte Arnsperger

Es klingt wie ein Traum. Im eisigen Winter sind die eigenen vier Wände kuschelig warm, im heißen Sommer angenehm kühl. Die Luft in den Räumen ist auch ohne panisches Fensteraufreissen immer frisch und hygienisch einwandfrei. Und um Schimmel an der Decke oder in dunklen Zimmer-Ecken muss sich niemand mehr Sorgen machen. Das Beste an dieser Traumwelt: Die Energiekosten für die eigene Wohnung, das eigene Haus, sind vernachlässigbar.

"Energiebilanz war schrecklich"

Nicole, Christian, David und Erik Lampe leben in diesem Paradies. Die vierköpfige Familie wohnt in einem Passivhaus. Vor knapp zwei Jahren sind die Lampes aus ihrer Wohnung aus einem Haus aus den 60er Jahren in das moderne Energiespargebäude in einem Hamburger Vorort gezogen. Hauptgrund für den Umzug: Die Heizkosten fraßen den Lampes jedes Jahr einen großen Teil des Haushaltseinkommens weg. Zuletzt gingen für ihre 86 Quadratmeter große Wohnung mehr als 480 Euro in sechs Monaten für Gas drauf.

"Die Energiebilanz unseres alten Hauses war schrecklich. Im Winter mussten wir ständig kräftig heizen, um die Zimmer halbwegs warm zu bekommen", sagt Nicole Lampe. Und ihr Sohn David (14) ergänzt: " Jetzt trage ich auch im Winter in der Wohnung T-Shirt, früher konnte ich nur im Pulli rumlaufen." Und auch der kommende Sommer mit wahrscheinlichen Hitzeperioden lässt die Lampes im wahrsten Sinne des Wortes kalt. Denn in ihrer Wohnung herrschen auch ohne Klimaanlage immer angenehme 20 Grad.

Verantwortlich für das neue Lebensgefühl ist die neue Heimat der Lampes - ihre Wohnung in einem im fröhlich-warmen gelb-rot-orangen Tönen getünchtem Passivhaus. Ein Passivhaus kommt fast ohne Heizung und ohne aufwändige technische Einrichtungen aus. Die Sonne, die Körperwärme seiner Bewohner und die Haushaltegeräte werden zur Wärmegewinnung genutzt- das Haus arbeitet also "passiv". Auschlaggebend dafür ist ein ausgeklügeltes Lüftungssystem und vor allem eine perfekte Dämmung. (Näheres siehe Fragenkatalog).

Bei den Lampes hat dies dazu geführt, dass die Heizkosten auf rund 160 Euro im vergangenen Jahr gesunken sind. Nicole Lampe freut sich: "Die Rechnungen sind so gering, dass ich mich gar nicht mehr damit beschäftige." Die Einsparung erlaubt den Lampes, dass Vater Christian seinen Job als Umwelttechniker aufgegeben konnte, um sich ganz auf die Betreuung des behinderten Sohnes Erik zu kümmern.

Vorfreude auf die Abrechnung

Eine ähnlich positive Erfahrung hat auch das Nachbar-Ehepaar gemacht. Ganz bewusst haben sich die Klusmeiers für eine Eigentumswohnung in einem Passivhaus entschieden. Zum einen waren ökologische Gründe ausschlaggebend: "Wir tun mit dem Passivhaus, was wir für den Klimaschutz tun können", sagt Stefan Klusmeier, 61.

Doch auch ganz handfeste finanzielle Überlegungen spielten eine Rolle. Denn die Klusmeiers wollten nach dem Eintritt ins Rentnerleben ihren bisherigen Lebensstandard halten. Kräftig helfen ihnen dabei die verschwindend niedrigen Nebenkosten im neuen Heim: "Wir haben früher rund 65 Euro Heizkosten im Monat gehabt. Im ganzen Jahr 2006 werden es nur rund 170 Euro sein. Auf die Rechnung freue ich mich schon", sagt Stefan Klusmeier und grinst zufrieden. Seine Frau sei zwar anfangs etwas skeptisch gewesen und habe sich vor einer mit Technik vollgestopften Wohnung gefürchtet, erzählt Stefan Lampe.

Doch diese Sorge hat sich als unberechtigt herausgestellt. Schließlich ist in einem Passivhaus nicht mehr Technik zu bedienen als in jedem normalen Gebäude, sagt der Hamburger Architekt Joachim Reinig. Er hat schon einige der modernen energiesparenden Häuser gebaut und ist von der Bauweise überzeugt. "Es gibt einen Bewusstseinswandel in Deutschland was Energiesparen angeht. Und hierbei wird energiebewusstes Bauen immer wichtiger. Deshalb interessieren sich immer mehr Leute sich für Niedrigenergie- oder Passivhäuser."

Reinig jedenfalls empfiehlt jedem Bauherren, sich über die energiesparende Bauweise zu informieren. Zwar seien die Kosten für ein Passivhaus im Vergleich zu einem üblichen Gebäude um rund 50 bis 100 Euro pro Quadratmeter Wohnfläche höher. Doch erstens gebe es Förderungsmöglichkeiten und zweitens würden Energiekosten eingespart. Diese Argumentation unterstützt Stefan Klusmeier Er meint ganz euphorisch: "Eigentlich gibt es nichts Besseres als Passivhäuser."

Was ist ein Passivhaus?

Ein Passivhaus ist ein Gebäude, in dem eine angenehme Temperatur sowohl im Winter als auch im Sommer (fast) ohne Heizung und ohne Klimaanlage erreicht wird. Um als Passivhaus zertifiziert zu werden, darf das Gebäude den Grenzwert von 1,5 Liter Öl pro Quadratmeter Wohnfläche im Jahr nicht überschreiten. (das entspricht 15 kWh/m2a) Im Vergleich zu einem sogenannten Niedrigenergiehaus verbraucht das Passivhaus somit 80 Prozent weniger Heizenergie, im Vergleich zu einem konventionellen Gebäude sogar rund 90 Prozent.

Wie funktioniert ein Passivhaus?

Das wichtigste Element eines Passivhauses ist der Versuch, Wärme (und im Sommer Kälte) im Haus zu speichern. Dafür werden erstens die Wände mit einer 30 Zentimeter dicken, Boden und Dach sogar mit einer 40 Zentimeter dicken Dämmung aus Styropor oder Mineralwolle versehen. Bei herkömmlichen Häusern beträgt die Dämmschicht lediglich zehn bis zwölf Zentimeter. Zweitens werden Fenster mit Dreifachverglasung verwendet. Drittens werden so genannte "Kältebrücken" vermieden. Das können zum Beispiel Balkone sein. Bei "normalen" Häusern werden für Balkone die Decken nach draußen verlängert. Über diese Balkonplatten wird ungewollte Kälte/Wärme in das Innere des Hauses geleitet. Um dies zu verhindern, werden die Balkone von Passivhäusern auf Stelzen gestellt und sind so nicht mehr direkt mit dem Hausinneren verbunden.

Wie gewinnt das Passivhaus Wärme?

Zum einen erzielt das Passivhaus Wärmegewinne durch Sonnenenergie. Hierbei wirken die Fenster als Kollektoren. Zum anderen wird die Körperwärme der Bewohner (jeder Mensch heizt mit etwa 80 Watt) und die Wärme, die von den Haushaltsgeräten ausgeht, genutzt. Zudem gibt es in den Passivhäusern einzelne kleine Heizkörper, die in kalten Wintern zugeschaltet werden können.

Was geschieht mit der kalten (bzw im Sommer warmen) Frischluft?

Ein Passivhaus kann nur mit einer hocheffizienten Wärmerückgewinnung funktionieren. Im Winter wird die warme, verbrauchte Luft aus dem Inneren des Gebäudes durch Abluftleitungen nach draußen geführt. In einem sogenannten "Kreuzwärmetauscher" gibt sie hier ihre Wärme an die kalte Luft ab. So wird erreicht, dass kalte Luft von z.B. zehn Grad auf 16 Grad erwärmt wird. Die kleinen Heizkörper in den Zimmern müssten jetzt für eine gewünschte Zimmertemperatur von 20 Grad nur noch eine Wärmeleistung von vier Grad bringen. Durch das Lüftungssystem wird die Luft im Gebäude alle zwei bis drei Stunden ausgetauscht. So müssen die Bewohner nicht mehr lüften, was in der kalten Jahreszeit zu Wärmeverlusten führen würde, bzw. im Sommer zu einer ungewollten Erhitzung. Die Luft ist durch die Anlage zudem hygienisch einwandfrei, im Sommer bleiben Pollen und Blütenstaub draußen - und der Lärm des Straßenverkehrs.

Wie hoch sind die Mehrkosten für ein Passivhaus?

Ein Passivhaus verursacht im Vergleich zu normalen Gebäuden höhere Investitionskosten, etwa für die Dämmung, die besonderen Fenster und die Lüftungsanlage. Die Mehrkosten werden auf rund 50 bis 100 Euro pro Quadratmeter Wohnfläche geschätzt. Ein Einfamilienhaus kostet so rund 10.000 bis 15.000 Euro mehr als ein "normales" Haus. Allerdings werden zum einen jedes Jahr Energiekosten gespart, zum anderen gibt es für Bauherren auch Zuschüsse. Die Kreditanstalt für Wiederaufbau etwa fördert Energiesparende Häuser mit zinsgünstigen Krediten. (Informationen unter www.kfw-foerderbank.de).Zudem gibt es in den einzelnen Bundesländern individuelle Förderungsmöglichkeiten. Am besten informiert man sich beim Stadtbau- oder Umweltamt.

Können auch alte Wohnungen und Häuser in Passivhäuser umgewandelt werden?

Teilweise. Es ist möglich, bestimmte Passivhaus-Komponenten (etwa eine bessere Dämmung, dreifachverglaste Fenster oder auch eine Wärmerückgewinnung) auch nachträglich einzubauen. Die Kosten dafür machen sich oft schnell bezahlt, zumal auch die energetische Modernisierung von Bund und Ländern gefördert wird.

Wo bekommt man Informationen zu Passivhäusern?

Informationsgemeinschaft Passivhaus: www.ig-passivhaus.de

Passivhaus Institut: www.passiv.de

Kreditanstalt für Wiederaufbau: www.kfw-foerderbank.de

Verbraucherzentralen: www.verbraucherzentrale.de