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Zwangsversteigerung: Der Kampf David gegen Goliath

Weil immer mehr US-Bürger ihre Hypotheken nicht mehr zurück zahlen können, stehen sie vor der Zwangsversteigerung ihrer Häuser. Doch eine wachsende Zahl verklagt nun ihrerseits die Banken - und wollen so die drohende Pleite abwenden.

Der Zwangsvollstrecker stand schon fast vor der Haustür - doch Thomas Hilchey und seine Verlobte Robin Crevier geben nicht so leicht auf. Sie wehren sich dagegen, dass ihr hart erspartes Eigenheim unter den Hammer kommt und zwangsversteigert wird. Die stetig steigenden Zinsen und die immer höheren Ratenzahlungen haben ihnen finanziell die Luft abgedreht und den Termin für den Verkauf des Hauses immer näher kommen lassen - bis sie sich schließlich aufmachten und die Bank verklagten. Damit schlossen sie sich der wachsenden Zahl von Hausbesitzern an, die eine drohende Pleite nicht einfach so hinnehmen wollen.

Plausibles Lock-Angebot

Das Lock-Angebot für Hilchey und Crevier klang plausibel: Bei einem Zinssatz von 5,75 Prozent lag die Monatsrate bei knapp 1700 Dollar, gerade so viel, wie das Paar stemmen konnte. Die beiden zeigten sich zuversichtlich, auch die steigenden Sätze finanzieren zu können, und unterzeichneten den Hypothekenvertrag bei der Firma Ameriquest Mortgage - einem Spezialisten auf dem Markt für zweitklassige Hypothekenkredite, die an Schuldner mit geringer Bonität gegeben werden.

Doch 2005 schwoll die Rate angesichts der Zinssteigerungen bereits auf gut 2000 Dollar an - am 1. März schließlich hätten es bei einem Darlehenszins von 9,75 Prozent gar 2750 Dollar sein sollen. Betrug und fahrlässige Angabe falscher Daten - so lauten ein paar der Anschuldigungen, welche die beiden jetzt gegen Ameriquest erheben. Der Verkäufer habe ihnen wichtige Kredit-Dokumente und Auskünfte vorenthalten. Diese Hypothek hätten sie nie aufnehmen dürfen.

US-Gerichte stehen vor einer Klagewelle

Im ganzen Land wächst die Wut auf die Hypothekenanbieter, die mit Köderangeboten und laxen Vergabekriterien Millionen US-Bürger in die Verschuldung gelockt haben, die es sich eigentlich nicht leisten können. "Ich rechne mit mehr Klagen dieser Art", sagt Tamar Frankel, Jura-Professorin an der Universität Boston. "Die Menschen verlieren ihre Häuser. Werden sie kämpfen? Ja!" Die Frage sei, wie die Gerichte mit der erwarteten Klagewelle umgehen.

Derartige Wirtschaftsprozesse sind nach Einschätzung von Rechtsexperten schwer zu gewinnen. Die Vorteile liegen auf der Seite der Banken: Zwar würden arglose Kreditnehmer häufig angelogen, sagt Jordan Ash vom Ash Financial Justice Centre. Im Kleingedruckten stünden dann aber doch alle wichtigen Informationen, und in der Regel seien die Verträge formell in Ordnung. Wer seine Unterschrift unter den Hypothekenvertrag setzt, habe dann kaum noch Chancen, sich zu wehren.

Prozess schwer zu gewinnen

Doch der Druck auf die Kreditinstitute wächst von allen Seiten. Die Debatte drehe sich nun um die Frage, ob die Kreditgeber sicherstellen müssten, dass die Schuldner ihren Pflichten auch nachkommen können, sagt Deborah Goldstein vom Center for Responsible Lending. Und auch die Politik schaltet sich ein. Zu den prominentesten Politikern dürfte dabei die Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton gehören. Sie forderte vor wenigen Tagen Anreize für die Kreditgeber, frühzeitig auf Zahlungsschwierigkeiten zu reagieren und so Zwangsversteigerungen zu verhindern.

Christopher Dodd, der Vorsitzende des Banken-Ausschusses des Senats, strebt eine Anhörung zu dem Thema an. Die Staatsanwaltschaft ist ebenfalls auf den Plan gerufen. Der Generalstaatsanwalt von New York, Andrew Cuomo, kündigte an, den Markt genauer zu beobachten, lehnte jedoch weitere Angaben dazu ab.

Aufschub - bis der Rechtsstrei entschieden ist

Hilchey und Crevier können dagegen bereits einen ersten Sieg verbuchen. Ein Gericht im US-Bundesstaat Massachusetts wies Ameriquest an, auf die Erhöhung der Monatsrate um mehr als 700 Dollar zu verzichten. Zumindest vorerst dürfen die beiden auch weiter in ihrem Haus wohnen: Auf die Zwangsversteigerung wird dem Urteil nach verzichtet - zumindest, bis der Rechtsstreit ausgestanden ist.

Jason Szep/Reuters / Reuters