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BAHN: Bahnchef Mehdorn muss Kontrolleure überzeugen

Die erst vor einem Jahr überarbeitete Finanzplanung des Bahnkonzerns ist schon wieder Makulatur: Konjunkturflaute, Flutfolgen und Steuerbelastungen müssen neu eingearbeitet werden.

Die Aufsichtsräte der Deutschen Bahn dürften beim flüchtigen Lesen der Tagesordnung für ihr nächstes Treffen ein wenig irritiert gewesen sein. Das Kontrollgremium des bundeseigenen Unternehmens diskutiert an diesem Mittwoch Themen, die schon vor ziemlich genau einem Jahr heftig umstritten waren. So geht es wieder einmal um die Kostenexplosion bei der ICE-Strecke Erfurt-Nürnberg.

Neue Finanzplanung muss her

Auch die erst vor einem Jahr überarbeitete Finanzplanung mit den Umsatz-, Ertrags- und Schuldenerwartungen des Bahnkonzerns ist Makulatur. Nicht nur nach der Jahrhunderflut im Sommer. Neu eingearbeitet werden mussten Konjunkturflaute und drohende Mehrkosten für Bahn und Kunden durch die vom Eigentümer Bund geplanten Steuerbelastungen. Die könnten letztlich Auswirkungen auf die umfangreiche und teils heftig umstrittene Preisreform haben, die am 15. Dezember in Kraft und ein neues Bahn-Zeitalter einläuten soll.

Rekordverlust wird erwartet

Fest steht, dass Europas größter Transportkonzern mit 214.000 Beschäftigten in diesem Jahr einen Rekordverlust einfahren wird. Das erwartete Minus von etwa 500 Millionen Euro liegt aber rund 50 Millionen unter dem zunächst geplanten Betriebsverlust. Nach erneut roten Zahlen im kommenden Jahr rechnet die Bahn 2004 mit einem Plus von 400 Millionen Euro und 2007 sogar mit einem Gewinn von 1,6 Milliarden Euro. Der Umsatz soll bis zu diesem Zeitpunkt auf 18,4 Milliarden Euro zulegen gegenüber 16,6 Milliarden Euro im Jahr 2003. Die Gewerkschaften kritisieren, dass die Bahn für die Prognosen ein zu hohes Wirtschaftswachstum von 2,0 Prozent im nächsten Jahr und von 2,5 Prozent für die Folgejahre unterstellt habe.

Minus im Regionalverkehr

In diesem Jahr hat sich die Konjunkturflaute bereits bemerkbar gemacht. Im Personenfernverkehr werden die Verkehrsleistungen wohl um 5,7 Prozent sinken und damit doppelt so stark wie 2001. Sogar im Regionalverkehr, der sonst stets für Zuwachs sorgte, wird erstmals seit langem ein Minus von 5,5 Prozent erwartet. Im Güterverkehr wird für 2002 von einem leichten Rückgang um 1,4 Prozent ausgegangen.

Verschuldung steigt

Deutlich über Plan wird dagegen die Verschuldung liegen. Unter anderem nach der Komplett-Übernahme der Telekommunikationstochter Arcor DB Telematik und dem Erwerb des Logistikkonzerns Stinnes ist der Schuldenberg inoffiziellen Angaben zufolge auf 12,2 Milliarden Euro gewachsen und damit um 3,6 Milliarden stärker als vorgenommen.

Höhere Steuern drohen

Die neue Mittelfristplanung ist nicht nur wegen der unsicheren Konjunktur eine Rechnung mit Unbekannten. Unklar ist etwa, ob der Bund neben Kosten zur Beseitigung der Flutschäden auch Umsatzausfälle übernimmt. Zudem rechnet die Bahn mit Steuerbelastungen von bis zu 800 Millionen Euro pro Jahr, sollte Rot-Grün an den Vorhaben festhalten. Dies würde, droht Mehdorn, höhere Ticketpreise bedeuten.

Gewerkschaft gegen baldigen Börsenhandel

Der Bahnchef drückt dennoch aufs Tempo. Für den hemdsärmeligen Manager ist vorstellbar, schon in zwei bis drei Jahren Aktien der Bahn AG - vielleicht 15 bis 20 Prozent - an der Börse zu verkaufen. Die Gewerkschaft Transnet tritt hier auf die Bremse. Ein genauer Zeitpunkt sei nicht absehbar. Darin sei man sich, erklärt Transnet, jetzt auch mit Bundesverkehrsminister Manfred Stolpe (SPD) einig.

Streiks drohen

Weit umstrittener als der Börsengang ist der Konflikt um neue Tarifvereinbarungen für Bahn-Mitarbeiter im Regionalverkehr. Hier steuert die Bahn auf die ersten Streiks seit der Bahnreform 1994 zu. Nicht nur die drei Gewerkschaften sind untereinander zerstritten. Auch der Beschäftigungspakt mit Verzicht auf Entlassungen über 2004 hinaus - wie von der Bundesregierung gewünscht - steht auf dem Spiel.

Wenigstens keine Personalien

Einen Unterschied zu Aufsichtsrats-Treffen in den Vorjahren gibt es dennoch. An diesem Mittwoch stehen keine wichtigen Vorstands-Personalien auf der Tagesordnung. Nach drei Jahren an der Spitze der einstigen Behördenbahn hat sich Mehdorn ein Team zusammen gestellt, mit dem er die Milliarden schwere Sanierung vorantreiben will.

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