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Bergbau im Saarland: "Die Hoffnung stirbt zuletzt"

2000 Kumpel waren zur Betriebsversammlung der RAG gekommen, um zu hören, wie es mit dem Bergbau im Saarland weitergeht. Ob überhaupt und was aus ihren Jobs wird. Der Schuldige an der ungewissen Zukunft war schnell ausgemacht, doch außer Buhrufen war nicht viel zu hören.

Von Eva Wolfangel, Saarbrücken

Die Erwiderung auf das "Glück auf", das ihnen RAG Vorstandschef Bernd Tönjes entgegenschmettert, geht ihnen nur schwer über die Lippen. Der Bergarbeiter-Gruß wird künftig vermutlich der Vergangenheit angehören, das ist vielen der etwa 4000 Besucher der Betriebsversammlung, davon rund 2000 Bergkeute, in der Messe Saarbrücken in den vergangenen zwei Tagen schmerzlich klar geworden. Erstmals nach dem Unglück am Samstag haben sie Gelegenheit, ihre Kollegen wieder zu treffen und sich auszutauschen. Sie stehen in kleinen Grüppchen zusammen und unterhalten sich leise. Bernd Tönjes hat keine ermutigenden Parolen für seine Belegschaft mitgebracht. "Wir stehen allein auf weiter Flur", ruft er vom Podium in die Halle. Der Bergbau an der Saar habe die Unterstützung der Politik verloren. Die 2000 Bergleute blicken starr auf die Leinwand, die Tönjes Kopf in Überlebensgröße abbildet.

Wenigstens ihre Ausbildung würden sie gerne beenden

Simon, Benedikt und Andreas gehören zu den jüngsten Betroffenen aus dem Bergwerk Saar. Die Auszubildenden stehen mitten in der Halle 1 der Messe und schwenken ein Transparent: "Wer dauernd Versprechen bricht, den wählen wir nicht." Sie haben sich auf die Zusage der Politik verlassen, sagen sie, und im Bergbau eine Ausbildung zum Industriemechaniker angefangen. "Bis 2018 sollte es weiter gehen", sagt Simon, "das war versprochen." Der 21-Jährige will nicht einsehen, auf das falsche Pferd gesetzt zu haben. "Wir wollten ja auch nicht bis zur Rente bleiben", wirft Benedikt ein. Wenigstens ihre Ausbildung würden sie nun gerne noch beenden, sagen sie.

"Deutschland braucht unsere Steinkohle"

Dann lauschen sie zusammen mit ihren Kollegen Tönjes' Worten von dem Strohhalm, an dem er sich festhalten möchte, von den Verhandlungen um neue Arbeitsplätze und davon, dass er alles in seiner Macht stehende tun möchte, um das Ruder noch einmal herum zu reißen. Umso kämpferischere Töne hören sie dafür von der Gewerkschaft BCE: "Ihr und eure Väter habt großartiges für die Saar geleistet", ruft der stellvertretende Bezirksvorsitzende Ulrich Freese über die Köpfe der Kumpel hinweg.

Vor ihm hängt ein Transparent mit der Parole "Deutschland braucht unsere Steinkohle". Der Gewerkschaftsfunktionär schimpft über die Politiker, die sich "ein schönes Wochenende am Rhein" gemacht und dann Hasstiraden gegen den Steinkohlebergbau verbreitet hätten. Nun müsse der Ruf der Bergleute gerettet werden, damit deren Kinder "nicht als Aussätzige" in der Schule behandelt werden. Damit spricht er den Anwesenden offenbar aus der Seele. Er bekommt anhaltenden Applaus. Man fühlt sich verfolgt.

Nichts Neues habe er zu berichten, enttäuscht Betriebsratsvorsitzender Hans-Jürgen Becker die Hoffnungen seiner Kollegen. Er brauche mehr Zeit, sagt er, und als er die Enttäuschung im Saal spürt, schiebt er hinterher: "Die Hoffnung stirbt zuletzt." Wer ihn unterstützen wolle, sollte die Telefonlisten am Ausgang ausfüllen: "Damit wir euch für Aktionen erreichen können."

Unter Murren und Pfiffen beendet Becker die Versammlung. Viele seiner 4000 Zuhörer sehen müde aus. Mit gesenkten Köpfen schieben sie sich Richtung Ausgang. Auch Simon, Benedikt und Andreas verlassen die Halle. Ob sie ihre Ausbildung beenden können, haben sie an diesem Tag nicht erfahren. In einem Monat ist Zwischenprüfung, die drei haben schon darauf gelernt. Jetzt ist keine Zeit mehr dazu, meint Andreas: "Jetzt kommen erstmal die Demos."

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