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Bizarre Folgen: Wie die US-Finanzkrise jetzt Pferde trifft

Die Wirtschaftskrise hat in den USA auch unerwartete Folgen: Es gibt inzwischen zu viele Pferde - und immer weniger Menschen, die sie sich leisten können. Allein im Bundesstaat Maryland kümmern sich mittlerweile 40 Notfall-Stationen um die völlig verwahrlosten Tiere. Tendenz steigend.

Exkalibur kann sich kaum noch auf den Beinen halten. Das verfilzte Fell des abgemagerten Pferdes spannt sich über seine hervortretenden Rippen. Die verwahrlosten Vorderhufe lassen für den Hengst jeden Schritt zur Qual werden. Ängstlich lässt sich das Tier von einer Pflegerin über den Hof bringen, der gerade sein neues Zuhause geworden ist. "Exkalibur ist eines der armseligsten Pferde, die wir je gerettet haben", sagt Tierschützerin Sue Mitchell. Sie gehört zum Team der "Days End Farm" in Woodbine. Die Pferde-Notstation im US-Bundesstaat Maryland ist eine von Hunderten in Amerika.

Pferde-Notstation

"Allein bei uns gibt es zurzeit 65 Pferde in unterschiedlicher körperlicher Verfassung", erklärt Mitchell. "Sie wurden ausgesetzt. Manche mussten wir auch auf Drängen der Behörden von ihren Besitzern befreien - völlig verwahrlost oder gar misshandelt." Die Farm, auf der die junge Frau mit acht anderen Angestellten und mehr als 1000 freiwilligen Helfern arbeitet, ist eine der größten, mit Spenden finanzierten Pferde-Notstationen des Landes. Die Tiere werden aufgepäppelt und wenn möglich irgendwann zur "Adoption" freigegeben.

Exkalibur war eines von sieben Pferden, die das Team an nur einem einzigen Tag unter Polizeischutz befreit hat. "Da draußen warten noch hunderte Leidensgenossen auf ihre Rettung", sagt Mitchell. "Es gibt in den USA inzwischen zu viele Pferde und immer weniger Menschen, die sie sich leisten können", beklagt auch Farmgründerin Kathy Schwartz-Howe. Das Problem aus ihrer Sicht: "Jeder darf hierzulande Pferde züchten - keiner kontrolliert, wie viele es bereits gibt und wer sich als Züchter eignet."

Viele können nicht mehr für ihre Pferde sorgen

Als die Rettungsfarm 1989 gegründet wurde, gab es im Pferdezucht-Staat Maryland zwei weitere Notstationen. Heute sind es etwa 40. "Jeden Tag rufen verzweifelte Menschen an, die ihren Job oder ihr Haus verloren haben und nicht mehr für ihre Pferde sorgen können." Die Wirtschaftskrise in den USA macht sich bemerkbar. Zudem sei Pferdehaltung ein hartes Geschäft geworden: Heu kostet heute in einigen Staaten fünfmal so viel wie noch vor einem Jahr, die Ausgaben für Getreide haben sich verdoppelt und der Ölpreis klettert weiter.

Der Markt für durchschnittliche Nutzpferde hingegen liegt brach: "Noch vor einem Jahr brachte ein durchschnittliches gesundes Pferd bei einer Auktion bis zu 1000 Dollar (etwa 645 Euro) ein - heute will keiner mehr kaufen. Wer 200 Dollar verdient, hat Glück", sagt Schwartz-Howe. Sie kenne Notstationen in Kentucky, die damit begonnen haben, Pferde einzuschläfern, weil ihre Ställe überfüllt waren.

Auch Schlachten bringt nichts mehr

Dazu kommt ein weiteres Problem: Auf Drängen von Tierschützern hat vergangenes Jahr das letzte amerikanische Pferdeschlachthaus geschlossen. Noch im Jahr 2006 sind nach Angaben des Landwirtschaftsministeriums in den USA 140.000 Pferde geschlachtet worden. Ihr Fleisch wurde nach Asien und Europa exportiert. "Mit einem Pferd, dass nicht mehr verwendbar war, konnte ich durchs Schlachten bis zu 700 Dollar verdienen", sagt Pferdezüchterin Sheila Harmon aus Idaho der Zeitung "USA Today". "Heute muss ich das fast zahlen, um ein Pferd einschläfern und entsorgen zu lassen."

Sue Mitchell von der "Days End Farm" sieht hingegen bereits einen neuen Trend: "Immer mehr Halter in Not versteigern ihre Pferde", sagt sie. "Auf den Auktionen warten sogenannte "Killer-Buyers", die die Pferde für wenig Geld kaufen und zum Schlachten nach Mexiko bringen." Der Tierschutz-Standard werde in diesen Schlachthäusern nicht allzu groß geschrieben. Prominente Pferdeschützer wie der Schauspieler Paul Sorvino protestieren: "Bevor ein Cowboy sein Pferd essen würde, würde er vor Hunger sterben", sagte er TV-Sendern bei einem Protestmarsch in Washington.

Antje Passenheim/DPA / DPA
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