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Börse: Chartanalyse spiegelt Angst und Gier der Anleger

»Untertassen«, »technische Reaktionen«, »Seitenflanken« und »Fieberkurven«: Die Sprache der Charttechniker unter den Aktienanalysten erscheint dem Börsenfremdling wie ein Buch mit sieben Siegeln.

»Untertassen« und »technische Reaktionen«, »Seitenflanken« und »Fieberkurven«: Die Sprache der Charttechniker unter den Aktienanalysten erscheint dem Börsenfremdling wie ein Buch mit sieben Siegeln. »Eigentlich ist es immer nur das Verhältnis von Angebot und Nachfrage, das den Kursverlauf einer Aktie und damit die unterschiedlichen Begriffe hervorbringt«, erklärt Ioannis Zagos, Technischer Analyst bei der Baden-Württembergischen Bank.

Unter einem Chart (engl. Seekarte, Tabelle) versteht der Börsianer die grafische Darstellung eines Kursverlaufs. Hierzu wird auf der horizontalen Achse eines Diagramms die Zeit angegeben, auf der vertikalen Achse der Kurs- oder Indexstand. Spötter sprechen in diesem Zusammenhang gerne vom »Malen nach Zahlen«. Die jeweils erreichten Schlussstände eines Wertes werden markiert und miteinander verbunden, woraus sich ein Sägezahnmuster ergibt.

Charts sind immer auch Psychogramme

»Angst und Gier bestimmen das Verhalten der Anleger - und das ändert sich nicht. Durch die Psychologie der Marktteilnehmer ergeben sich periodisch wiederkehrende Muster«, erklärt Zagos. »Und diese Muster erkennt die Chartanalyse.«

Die Chartanalyse stützt sich einzig auf die Börsendaten der Aktie, auf Kursverlauf und Handelsvolumen. Sie unterstellt, dass anhand der Verlaufsgrafiken typische Bewegungsbilder einer Aktie, die so genannten Formationen, erkannt werden können. Daraus sollen dann Prognosen für die weitere Entwicklung des Wertes abgeleitet werden. Einer der ersten, der dies versuchte, war Charles Dow, Miterfinder des US-amerikanischen Aktienindex Dow Jones.

Automatische Kursveränderungen

Spricht ein Analyst von einer technischen Reaktion, bezeichnet er damit die Kursveränderungen, die automatisch einsetzen. Es ist typisch, dass auf einen sehr starken und schnellen Kursanstieg ein kurzer, manchmal heftiger Kurseinbruch folge: »Dann werden Aktien verkauft, weil Gewinne mitgenommen werden«, sagt Zagos. Die Anleger lassen sich die vorausgegangen Kurssteigerungen auszahlen.

Technische Reaktionen sind schwer vorhersehbar, da es kaum möglich ist, vorab einzuschätzen, welche Nachricht tatsächlich kursbewegend wirkt: »Man sieht nur den Kursverlauf und kann ihm eine Unternehmensmeldung eigentlich immer erst nachher zuordnen.« Ein markantes Ereignis ist jedoch beispielsweise eine Dividendenausschüttung. »Danach sollte man immer mit einer technischen Reaktion rechnen.«

Kursverläufe nachträglich bestimmbar

Bezeichnungen wie »Untertasse«, »Seitenflanke« oder »Schulter-Kopf-Schulter« werden benutzt, um bestimmte Kursverläufe zu beschreiben. »Aber das ist natürlich oft nur rückwirkend möglich«, schränkt Zagos ein.

Als Bilderbuchbeispiel für eine Chartformation führt der Experte die T-Aktie an: »Der Kursverlauf der Deutschen Telekom zeichnet eine vorbildliche Schulter-Kopf-Schulter Formation, deren Scheitel im März 2000 zu finden ist. Daraus hätte man ab April 2000 ein kurzfristiges Kursziel von 65 Euro ableiten können.« Wann ein Kursausschlag groß genug ist, um als Kauf- oder Verkaufssignal gewertet zu werden, ist schwer zu beurteilen: »Die Regeln sind schon relativ subjektiv«, räumt der Analyst ein.

Kein Handeln gegen den Börsentrend

Verläuft die Chartlinie einer Aktie entgegengesetzt zur Markttendenz, »ist das allerdings extrem schlecht«, urteilt der Experte. »Diese Papiere kaufen Sie dann besser nicht.« Denn so viel habe sich nach 100 Jahren Chartanalyse gezeigt: Aktien bewegen sich immer in Trends und das Handeln gegen den langfristigen Börsentrend »zahlt sich nicht aus«.

Keinem Chart blind fogen

Generell solle ein Anleger »auf keinen Fall einzig und allein dem Chart blind folgen.« Es ist eher, sich langfristig zu orientieren. »Das Schlimmste ist ein Anleger, der Aktien nach fundamentalen Aspekten kauft und sie dann nach charttechnischen Gesichtspunkten wieder verkauft - oder andersherum. Man muss seinem Prinzip treu bleiben«, empfiehlt Zagos. Vor dem Kauf einer Aktie sollte man aber grundsätzlich »immer beide Seiten, sowohl die fundamentale als auch die technische Situation einer Aktie« prüfen. Sonja Funke

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