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Forschung zu Schulschließungen: Wie der Corona-Schulausfall das spätere Gehalt drückt

Wegen der Coronakrise lernen viele Schüler weniger Schulstoff als sie eigentlich sollten. Hat das Auswirkungen auf ihren späteren Berufserfolg? Bestehende Forschung lässt vermuten: ja.

Schule

Die Schulen öffnen nur langsam und mit starken Einschränkungen

DPA

Wochenlang gab es in Schulen und Kitas wegen der Corona-Pandemie nur eine Notbetreuung. Nun öffnen die Einrichtungen langsam wieder ihre Türen. Doch bis dort wieder regulärer Betrieb mit allen Kindern herrscht, soll es nach aktuellen Planungen noch Wochen bis Monate dauern.

Das geht nicht nur berufstätigen Eltern, die mit der zusätzlichen Kinderbetreuung und dem Homeschooling heillos überfordert sind, viel zu langsam. Am Dienstag veröffentlichten auch vier medizinische Fachgesellschaften eine Stellungnahme, in der sie offensiv fordern: Schulen und Kitas sollen zeitnah wieder komplett öffnen. Im Gegensatz zu vielen Virologen halten die Unterzeichner – unter anderem der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte - die gegenwärtige Datenlage zum Infektions- und Übertragungsrisiko bei Kindern für ausreichend, um diesen Schritt zu wagen.

Die Debatte über eine Komplettöffnung dürfte damit an Fahrt aufnehmen. Denn natürlich bleiben auch Schul- und Kitaschließungen nicht ohne Folgen. Welche sozialen und sonstigen Schäden diese anrichten, ist nur nicht so leicht zu beziffern wie die Anzahl von Unternehmenspleiten oder Kurzarbeitern.

Drei bis vier Prozent weniger Lebenseinkommen

Einen Aspekt möglicher Folgeschäden hat sich der Bildungsökonom Ludger Wößmann vom Münchner ifo-Institut angesehen. In einem Aufsatz beschreibt der renommierte Wissenschaftler, wie teuer Schulschließungen den einzelnen Schüler aber auch die gesamte Gesellschaft zu stehen kommen. Und dabei wird er erstaunlich konkret: Schüler, die wegen der Corona-Schließungen ein Drittel des Lernstoffs in diesem Schuljahr verpassen, müssten im gesamten Berufsleben mit drei bis vier Prozent weniger Einkommen rechnen, schreibt Wößmann.

Zunächst einmal nimmt Wößmann also an, dass viele Schüler im Homeschooling tatsächlich wesentlich weniger lernen als sie dies im Präsenzunterricht getan hätten und dass sie dies auch nicht aufholen. Aber wie kommt er darauf, dass diese später im Schnitt drei bis vier Prozent weniger verdienen?

Auf diese Zahl kommt Wößmann durch Auswertung einer ganzen Reihe von Forschungsarbeiten, die es bereits zum Thema Schule, Lernausfall und Karriereerfolg gibt. So sei zum einen der Zusammenhang zwischen erlernten Kompetenzen und Höhe des Erwerbseinkommens gut empirisch gut belegt. Auch wieviel mehr Einkommen Menschen je zusätzlichem Bildungsjahr erzielen, ist erforscht: In Deutschland sind es im Schnitt rund zehn Prozent mehr Einkommen je Jahr – nimmt man an, dass im Corona-Schuljahr ein Drittel Bildung fehlt, landet man wiederum bei den gut drei Prozent Einkommensnachteil. "In Lebenseinkommen ausgedrückt entsprechen die Einkommensverluste bei Personen ohne berufsqualifizierenden Abschluss im Durchschnitt gut 13.500 Euro, bei Personen mit einer Lehre gut 18.000 Euro und bei Personen mit einem Universitätsabschluss rund 30.000 Euro", schreibt Wößmann.

Lehrerstreiks und Kurzschuljahre

Natürlich sind diese Zahlen nicht in Stein gemeißelt. Wößmann versucht hier empirische Befunde auf die aktuelle Situation anzuwenden, wobei er auch die Einmaligkeit der aktuellen Situation betont. Forschung gibt es aber nicht nur zu allgemeinen Zusammenhängen, sondern auch zu konkreten Ereignissen von Schulausfall, die dem Corona-bedingten Lockdown zumindest ähneln. So zitiert Wößmann eine Studie über einen mehrmonatigen Lehrerstreik in Belgien 1990: Von den betroffenen Schüler mussten nicht nur viele das Schuljahr wiederholen, sie erzielten auch langfristig niedrigere Bildungsabschlüsse. Ähnliche Effekte beobachteten Forscher in den vergangenen Jahren auch bei Schulstreiks in Kanada und Argentinien.

Aus Deutschland zitiert Wößmann insbesondere die Erfahrungen mit den Kurzschuljahren in den 60er Jahren, als zur bundesweiten Vereinheitlichung des Schuljahresbeginns zwei verkürzte Schuljahre angesetzt wurden. Die Forschung zeige, dass die Schüler, die insgesamt ein Dreiviertel Jahr weniger Unterricht erhalten hätten, auch im Erwachsenenalter über weniger mathematische Kompetenzen verfügten und ein im Schnitt um 5 Prozent niedrigeres Einkommen erzielten.

Nachteile für die ganze Volkswirtschaft

Bei flächendeckendem Unterrichtsausfall entstünden Nachteile nicht nur für den einzelnen, sondern für die gesamte Volkswirtschaft, betont Wößmann. "Vorstellungen, verlorene Bildungsjahre seien nicht so schlimm, wenn alle davon betroffen sind, basieren auf der irrigen Annahme eines in seiner Größe feststehenden volkswirtschaftlichen 'Kuchens'. Aber der Kuchen schrumpft, wenn alle ein geringeres Bildungsniveau erreichen."

Zudem zögen Schulschließungen weitere Folgekosten nach sich, etwa aufgrund der Einschränkungen in der sozial-emotionalen Entwicklung der Kinder sowie der großen psychischen Belastung in den Familien. Besonders schwierig sei das Homeschooling für lernschwache Schüler und Kinder aus benachteiligten Verhältnissen, was die Ungleichheit in der Gesellschaft vergrößere, schreibt Wößmann. Sein Appell zum Schluss: "Gerade weil der Schulbesuch auch auf längere Sicht nur in eingeschränkter Form möglich sein wird, sollten die gravierenden Folgekosten ausbleibenden Lernens bedacht und umfassende Maßnahmen ergriffen werden, damit Lernen überall wieder stattfindet."

Quellen: ifo-Institut (Wößmann-Aufsatz) / Stellungnahme Fachgesellschaften