VG-Wort Pixel

Günstig statt gutaussehend Billig-Offensive aus Sibirien: Discounter Mere will Aldi und Lidl Konkurrenz machen

Aldi- und Lidl-Konkurrenz: Der russische Discounter Mere
Impression aus rumänischer Mere-Filiale: kein Wohlfühl-Erlebnis, sondern Paletten und Kartons wie einst bei Aldi
© hfr
Ein russischer Lebensmittelkonzern drängt auf den deutschen Markt. Sein Discounter Mere will Aldi und Lidl angreifen – mit karger Einrichtung und eiskalten Kampfpreisen.
Von Rolf-Herbert Peters

Der Portitz-Treff, ein Einkaufszentrum im Nordosten Leipzigs, zählt bei Immobilienhändlern zu den schwierigen Lagen. Er ist eingeschlossen von Autobahn und sächsischem Hinterland. Ein paar Billigläden wie Tedi und Kik halten das Center über Wasser. Selbst Aldi hat 2017 aufgegeben, obwohl der Mietvertrag bis heute weiterläuft. Ines Richter, die Ortsvorsteherin, sagt: "Viele Menschen, insbesondere Senioren, hoffen, dass wieder ein Discounter einzieht, den sie fußläufig oder mit dem Fahrrad erreichen können."

Dieser Wunsch wird nun erfüllt von – den Russen. Am 29. Januar eröffnete der sibirische Lebensmittelkonzern Torgservis im Portitz-Treff seine erste Deutschland-Filiale, auf den 1000 Quadratmetern, die früher Aldi belegte. Es ist der Beginn eines großen Plans: Die neuen Märkte von Mere sollen erst in Leipzig, dann in Zwickau und schließlich an rund 100 weiteren ostdeutschen Standorten alle Produkte rund 20 Prozent billiger anbieten.

Flüchtlinge und Rentner

Eigentlich gilt Deutschland mit seinen über 35.000 Lebensmittelläden als überversorgt. Wer wachsen will, muss Konkurrenten verdrängen. Warum aber zieht gerade jetzt ein Nobody in den Kampf gegen Giganten wie Aldi, Lidl und Co.?

Die Läden von Torgservis in Russland zielen auf die Bedürfnisse der Ärmsten. Zum Teil ungeheizte Lagerhallen, endlose, vollgestopfte Metallregale, Paletten in die Ecke geschoben. Dieses Konzept wird nun auch in Deutschland umgesetzt. Die Ausstattung für den Laden im Portitz-Center klaubt Torgservis bei Gebrauchtwarenhändlern zusammen. In der Ausschreibung auf der deutschen Website fahndet der Konzern nach "gebrauchten Kühltruhen bis 400 Euro", "Paletten bis 8 Euro" und "Einkaufswagen bis 50 Euro" für eine "zweckoptimierte und minimalisierte Ausrüstung". Die Russen wollen – vor allem in der Provinz – Menschen in ihre Läden locken, die auf jeden Cent achten müssen. Deren Zahl, so glauben sie, werde auch in Deutschland wachsen, zumal jetzt, wo das jüngste Wirtschaftswunder zu Ende gehen soll. Im Fokus haben sie auch Flüchtlinge – und die vielen Millionen Rentner.

Doch woher bezieht der Radikal-Discounter seine Waren?

In Russland bestellt Torgservis laut Sebastian Rennack, Osteuropaexperte bei der "Lebensmittelzeitung Retailytics", gern bei klammen Mittelständlern. Sie finanzieren ihnen die Rohstoffe vor und greifen die fertige Ware dann billigst ab. Möglich, dass sie mit westeuropäischen Anbietern ähnlich verfahren. Auf der deutschen Website ruft Torgservis Lebensmittelproduzenten zu Angeboten "im Preiseinstieg" auf, von Eiern bis Fleisch, von Tierbedarf bis Textilien. 70 Prozent sollen Lebensmittel-, 30 Prozent Non-Food-Artikel sein. Allerdings verfügt der Konzern offenbar auch über Drähte zu den Marktführern. In seinem Großhandelskatalog sind Haribo-Goldbären, Barilla-Nudeln und Überraschungseier von Ferrero gelistet – Produkte, die für Discountbetreiber zur Grundausstattung zählen.

Viele Fragen sind noch offen, auch, weil der Konzern einer äußerst diskreten Familie gehört. Die Schnajders stammen aus Krasnojarsk, über 4000 Kilometer von Moskau entfernt. Haupteigner sind Mutter Walentina und Söhne Andrej und Iwan. Über sie ist wenig mehr bekannt, als dass sie Meister der eiskalten Kalkulation sind und ihren Aufstieg – genau wie einst die Aldi-Brüder – in manischer Verschwiegenheit vollziehen. 1994 startete die Familie einen Vertrieb für Bier, Wodka und andere Alkoholika. 2009 stiegen sie ins Lebensmittelgeschäft ein. Zahlen sickern selten durch, sie sollen rund 1,3 Milliarden Euro umsetzen. Aldi erzielt das 21-Fache.

Aldis Preisdiktat

Die deutsche Zentrale haben die Schnajders in Berlin-Marzahn in einem Plattenbau eingerichtet. Die Tochter TS Markt GmbH firmiert an der Allee der Kosmonauten – genau zwischen einem Aldi und einem Lidl. Gesellschafter sind unter anderem die Schnajder-Söhne. Für die erste Mere-Filiale in Leipzig haben sie zudem die TS Markt 101 GmbH ins Leben gerufen. Auch an den kommenden Standorten dürften sie solche Gesellschaften gründen, denn wer sein wachsendes Geschäft in Einheiten zerlegt, spart Steuern und sorgt für maximale Intransparenz. Eine kleine GmbH muss sich kaum in die Bücher schauen lassen. In den bestehenden Läden werden die Geschäftsführer der Schnajders sogar nur unter Namen wie Torgservis1, Torgservis2, Torgservis3 geführt.

In den vergangenen Jahren haben sich die Billigstmärkte gerade in Ländern, in denen die Volkswirtschaft kränkelt und die Verbraucher knapsen müssen, besonders schnell ausgebreitet. "In Russland konnte man das sehr gut beobachten", sagt Analyst Rennack, nach der russischen Wirtschaftskrise 2014 sei Torgservis durchgestartet. Inzwischen betreibt das Unternehmen etwa 800 Filialen in Russland, Kasachstan, Weißrussland, Rumänien und China.

Aber kann dieses Konzept auch 2019 in Deutschland funktionieren? Es tue sich ein kleines Fenster auf, meint Michael Gerling, Geschäftsführer des Europäischen Handelsforschungsinstituts EHI. Aber nicht etwa, weil Deutschland verarmen wird wie Russland. Es ist das Extremsparen, das Torgservis theoretisch einen Wettbewerbsvorteil verschaffen kann, weil sie ihre geringeren Ausgaben an den Kunden weiterreichen können. Aldi, sagt Gerling, habe den "Pfad der strengen Kostenkontrolle", den die Gründer einst beschritten, längst verlassen. Die Personalkosten hätten sich verdoppelt, die Einrichtungsausgaben für die immer schmuckeren Läden seien explodiert, das Sortiment von anfangs 600 auf fast 3000 Artikel gewachsen, darunter immer mehr teure Markenprodukte. Und so mutiert der einstige Vorbild-Discounter allmählich zum ganz normalen Supermarkt. Auch Lidl geht diesen Weg. "Die Russen glauben: Jetzt kann man wieder attackieren", sagt Gerling. Trotzdem gibt er Mere keine Chance: "Da lege ich mich fest – ohne Telefonjoker." Seit vielen Jahren diktiert Aldi die Preise in Deutschland. Bei Marken-Chips haben sie das schon einmal bewiesen: Seit Aldi sie vertreibt, sei der Marktpreis um die Hälfte gesunken. Diese Machtstellung wird sich Aldi nicht nehmen lassen. Und auch Lidl würde sofort in jeden Preiskrieg um die 400 Mere-Artikel einsteigen und zurückschlagen.

Portitz-Treff

Allerdings erinnert die Expertenskepsis stark an 1962, als Theo Albrecht sein erstes "Armenkaufhaus" für Ruhrpottarbeiter eröffnete. Kaum jemand glaubte damals an das Konzept. Im Gegenteil, es empörte! Am Ende aber avancierte Aldi zum Marktführer – mit einem Angebot, das längst auch die Mittelschicht in die Läden lockt.

In Leipzig aber haben die Russen Aldi nun erst einmal eins ausgewischt. Als die Manager mit dem Vermieter ILG über den leeren Aldi-Laden im Portitz-Treff verhandelten, verlangten sie einen lange laufenden Vertrag mit einer drastisch gesenkten Miete – und sie erreichten, dass Aldi bis zum Auslaufen seines Vertrags einen Teil der Mere-Miete übernehmen muss.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker