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Leipzig: Neuer Discounter startet in Deutschland: Albrecht, die Russen kommen

An diesem Dienstag eröffnet der neue Russen-Discounter Mere in Leipzig. Damit gibt es neue Konkurrenz für die Platzhirsche Aldi, Lidl und Co. Aber kann sich der neue Billigheimer wirklich durchsetzen?

Mere eröffnet in Leipzig

Der neue Discounter Mere eröffnet in Leipzig.

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Der Start scheint gelungen: Schon am Morgen gibt es lange Schlangen an den Kassen. Ein neuer Discounter startet ja auch nicht alle Tage auf dem deutschen Markt. Und so waren die Leipziger nicht nur interessiert, was sich hinter Mere - einem neuen Billigheimer aus Russland - verbirgt. Sondern sie kauften auch dort ein, berichten verschiedene Medien. Presse ist reichlich vor Ort. Denn die Frage ist: Kann dieser Discounter den Platzhirschen Aldi, Lidl, Penny und Co. Konkurrenz machen?

Optisch zumindest müssen die Kunden ihre Ansprüche deutlich zurückschrauben. Grelles Neonlicht, in Folie verschweißte Ware auf Paletten oder in Pappkartons, riesige Regale wie in der Holzabteilung vom Baummarkt. Da sind Deutschlands Discounter-Shopper mehr gewohnt. Aldi Nord wie Süd haben viel Geld in schickere Filialen gesteckt. Auch Wettbewerber Lidl hübschte die Läden auf. Nun kommt mit Mere ein neuer Akteur dazu, der aussieht wie Discounter in den frühen Anfängen: billig. Doch genau das scheint gewollt. 

Denn TS Markt, der deutsche Ableger der russischen Discounterfirma Torgservis, der hinter Mere steckt, machte keinen Hehl daraus, dass man genau auf den Preis schaue. Und so wurde auch die Ausstattung der ersten Deutschlandfiliale in Leipzig mit Secondhand-Kassen- und Einkaufswagen bestückt. Wie sie die Kosten so radikal drücken können, zeigt ein Blick auf ihre Gesucht-Liste auf der Firmen-Homepage. Dort suchen die Russen gebrauchte Obst- und Gemüseständer für maximal 50 Euro, Wühltische für bis zu 60 Euro oder Einkaufswagen, die nicht mehr als 50 Euro kosten dürfen. Zum Vergleich: Aldi gab zuletzt rund 1,2 Millionen Euro pro Filiale aus, um diese umzubauen. Die Ausstattung der Mere-Discounter kostet dagegen nur 13.000 Euro. 

Warum Protz in der Filiale, wenn die Preise auch gnadenlos gesenkt wurden? Denn Mere greift Aldi und Lidl von unten an. Bei der Eröffnung eines Marktes in Rumänien wurden Lebensmittel mit durchschnittlich 20 Prozent Nachlass zu den üblichen Discounterpreisen verramscht.

In Leipzig Portlitz, am nordöstlichen Stadtrand, bietet Mere nun seit Dienstag um 9 Uhr auf knapp 1000 Quadratmetern vor allem Grundnahrungsmittel an. Rund 400 Artikel sind es zum Start. Im Vergleich zu den etablierten Discounter wirkt das alles kümmerlich. Aldi hat fast das vierfache dauerhaft im Sortiment. Wie soll sich der neue Anbieter durchsetzen?

TS Markt - so entert Mere den deutschen Markt

Auch in Russland spekuliert man über den Markteintritt, berichtet die "Lebensmittelzeitung". So heißt es in einem russischen Bericht, den die "LZ" zitiert: "Im Gegensatz zu Russland muss das Unternehmen in Deutschland die hohen Standards des Lebensmittelgesetzes und die Anforderungen an die Lebensmittelqualität erfüllen, gleichzeitig aber Produkte zu erschwinglichen Preisen verkaufen." Tatsächlich verkauft Mere vornehmlich Eigenmarken aus osteuropäischer Produktion. Diese Produkte sollen Probleme verursacht haben. Laut Medienberichten habe der Markt Probleme gehabt, rechtzeitig Ware in den Laden zu schaffen, die Lieferungen habe in Sibirien festgehangen. 

Die entscheidende Frage ist: Kann sich Mere in dem engen Discountermarkt in Deutschland festsetzen? Es tue sich ein kleines Fenster auf, sagt Michael Gerling, Geschäftsführer des Europäischen Handelsforschungsinstituts EHI. Es ist das Extremsparen, das dem Russ-Discounter zumindest theoretisch einen Wettbewerbsvorteil verschafft. Hier trifft Mere einen wunden Punkt: In kaum einem anderen europäischen Land wird beim Lebensmitteleinkauf so sehr auf den Preis geachtet wie hierzulande. Es scheint fast wie ein deutschen Hobby: Preise und Qualität vergleichen - und dann zuschlagen. Dass sich TS Markt vor allem auf Ostdeutschland konzentrieren will, ist für Martin Fassnacht von der Wirtschaftshochschule WHU in Düsseldorf nachvollziehbar. "Ich glaube, dass es eine Kundschaft in manchen Regionen Deutschlands für einen solchen Discounter gibt", sagt er der "Lebensmittelzeitung". Der Experte glaubt, dass die karge Ausstattung der Läden die Kunden nicht abhalten wird, wenn die Preise günstig sind.

Bei Aldi räumt man ein, dass man ein Auge auf den neuen Wettbewerber habe. "Auch wenn wir Aktivitäten des Wettbewerbs selbstverständlich beobachten, bitten wir um Verständnis, dass wir uns zu anderen Unternehmen grundsätzlich nicht äußern", lässt der Essener Discounter den stern wissen. Große Sorgen bräuchten sich Aldi, Lidl und Co. nicht machen - da sind sich die Experten einig. EHI-Experte Gerling glaubt nicht an den Erfolg des neuen Discounters: "Da lege ich mich fest - ohne Telefonjoker", sagte er dem stern. "Das Konzept wird aber nicht erfolgreich sein, weil es sich wirtschaftlich nicht rechnet", meinte auch Fassnacht. Denn das Überleben der Discounter sichert die große Anzahl der Filialen. Ohne Marktmacht, auch um auf Hersteller Preisdruck auszuüben, geht's nicht. "Ich gehe davon aus, dass Aldi und Lidl den Start beobachten", sagt Matthias Queck von Retailytics, der Analystengruppe der "Lebensmittel Zeitung". "Wird aber jemand günstiger bei vergleichbarer Qualität, werden die Marktführer vehement zurückschlagen."

Also viel Aufregung um nichts? Als Theo Albrecht im Jahr 1962 seine erste Aldi-Filiale im Ruhrgebiet eröffnet, wurde er belächelt und ausgelacht. Doch die Menschen strömten in die Läden und machten Aldi zum Marktführer. Ob auch Mere das Potenzial hat, die Discounterlandschaft in Deutschland zu verändern, muss der Russen-Discounter erst beweisen.