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Eklat um "Bio-Baumwolle": Deutscher Einzelhandel prüft Betrugsausmaß

Ein Zeitungsbericht über falsch deklarierte Bio-Textilien hat den deutschen Einzelhandel in Aufregung versetzt. Zahlreiche Unternehmen in Deutschland prüfen, ob und in welchem Ausmaß sie von dem Betrug mit der genetisch veränderten Baumwolle betroffen sind.

Bio-Baumwolle im Zwielicht: Nach Recherchen der Zeitung "Financial Times Deutschland" ("FTD") sind erhebliche Mengen angeblich ökologisch produzierter indischer Baumwolle in Wirklichkeit gentechnisch verändert worden. Es gehe um Betrügereien in "gigantischem Ausmaß" zitierte die Zeitung den Direktor der indischen Agrarbehörde Apeda, Danja Dave. Auch in Deutschland aktive Textilhandelsketten könnten betroffen sein.

Im deutschen Einzelhandel sorgte der Bericht für helle Aufregung, Telefondrähte würde glühen, hieß es aus Branchenkreisen. Viele Unternehmen versuchten zu klären, inwieweit sie selbst betroffen seien. Die bei Bio-Baumwolle sehr aktive Textilhandelskette C&A kündigte an, sie werde "umgehend eine gründliche Untersuchung vor Ort in Indien durchführen." Außerdem habe das Unternehmen Kontakt zu den Zertifizierungsunternehmen aufgenommen, die die Einhaltung der Öko-Standards kontrollierten. Falls sich der Verdacht erhärte, werde man entschiedene Maßnahmen ergreifen. Dennoch wolle C&A im Bereich Bio-Baumwolle engagiert bleiben.

Laut "FTD" hatten die indischen Behörden bereits im April 2009 den Betrug mit Bio-Baumwolle aufgedeckt. Dutzende Dörfer hätten zusammen mit westlichen Zertifizierungsfirmen große Mengen gentechnisch veränderter Baumwolle in den Handel gebracht. Es sei nicht auszuschließen, dass diese Baumwolle auch in Deutschland auf den Markt gekommen sei, berichtete die Zeitung. Aus Indien stammt dem Bericht zufolge rund die Hälfte der gesamten Bio-Baumwolle. Das Blatt zitierte den Leiter des unabhängigen Labors Impetus in Bremerhaven, Lothar Kruse, mit den Worten "Etwa 30 Prozent der Biobaumwollproben sind gentechnisch verändert".

Tchibo nach eigenen Angaben nicht betroffen

Eine H&M-Sprecherin sagte, man sei über den Vorfall informiert und habe mit dem örtlichen Zertifizierer gesprochen, damit sich ein solcher Fehler nicht wiederholt. Zudem räumte die Kette ein, dass man nicht ausschließen könne, dass etwas von dieser Baumwolle für H&M-Kleidungsstücke verwendet worden sein könnte. Nach wie vor bewirbt H&M seine Linie Organic Cotton als 100 Prozent ökologisch angebaute Baumwolle.

Nach eigenen Angaben ist Tchibo nicht von dem Skandal betroffen, das betonte ein Unternehmenssprecher: "Unsere aktuellen Produkte werden aus Bio-Baumwolle hergestellt, die in der Türkei angebaut wurde", sagte der Sprecher. Aus dem Gebiet in Indien, wo es die Betrügereien gegeben haben solle, habe man definitiv kein Material bezogen.

"Das ist ein großes Problem"

Die Sprecherin des gemeinnützigen, für die Produzenten in der Dritten Welt eintretenden Hilfsvereins Transfair, Claudia Brück, betonte mit Blick auf gentechnische Verunreinigungen der Bio-Baumwolle. "Das ist ein großes Problem." Einerseits könne die Bio-Baumwolle sowohl beim Anbau, wie bei der Verarbeitung verunreinigt werden. Andererseits sähen aber auch viele Produzenten keinen Widerspruch zwischen Bio-Anbau - also dem Verzicht etwa auf Pestizide - und der Verwendung gentechnisch veränderten Saatguts. Schließlich sei Baumwolle ein extrem anfälliges Naturprodukt und die Bereitschaft in Europa, für Bio-Baumwolle höhere Preise zu zahlen, sei noch immer gering.

be/DPA/AP / AP / DPA