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Fallpauschalen: Krankenhäuser gesunden

Die gute Nachricht: Seit der Einführung der Fallpauschalen sind durch die neue Abrechnungsart die meisten Krankenhäuser wirtschaftlicher geworden. Doch die Ärzte sorgen sich: Durch den ökonomischen Druck müssen sie immer mehr arbeiten.

Der Prozess hat gerade erst angefangen: Mit der allmählichen Einführung der so genannten Fallpauschale, die erst vor kurzem flächendeckend Pflicht wurde, ändert sich offenbar auch die Struktur des Krankenhauswesens. Begünstigt wird unter anderem die Wettbewerbsfähigkeit der Kliniken. Und die durchschnittliche Dauer der Klinikaufenthalte geht zurück - auf nunmehr 8,7 Tage, wie das Statistische Bundesamt am Montag bekannt gab. Die große Umstellung setzte 2003 ein. Damals wurde es den rund 2.200 Krankenhäusern in Deutschland empfohlen, in ihrem Rechnungswesen auf Fallpauschalen umzustellen. Wurde früher der Rechnung für einen Krankenhausaufenthalt die Anzahl der Pflegetage zu Grunde gelegt, können Kliniken jetzt Behandlungen zu Pauschalpreisen in Rechnung stellen. Mittlerweile ist die Fallpauschale Pflicht, nur wenige Krankenhäuser sind davon ausgenommen wie beispielsweise die Psychiatrien.

Spürbare Veränderungen

Die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) in Berlin ist fest davon überzeugt, dass die 2003 mit Übergangsfristen eingeführte Fallpauschale mittelfristig spürbare Veränderungen in der deutschen Krankenhauslandschaft bewirken wird. Der Sprecher des Verbandes, Holger Mages, sagt, das neue Abrechnungswesen trage wesentlich zu mehr Transparenz und damit zu mehr Wirtschaftlichkeit bei. Die Bundesrepublik ist im übrigen eines der letzten Industrieländer, in dem bis vor kurzem noch Pflegetage abgerechnet wurden.

Bei der Einführung der Fallpauschale stützte man sich deshalb auf Erfahrungen anderer Gesellschaften und folgte dem australischen System der diagnose-orientierten Fallpauschalen, mit deren Hilfe eine Vielzahl unterschiedlicher Diagnosen zu einer überschaubaren Gruppe mit vergleichbarem medizinischem Aufwand zusammengefasst werden. Auf diese Weise gibt es für eine Blasenspiegelung, eine Blinddarmoperation oder das Richten eines gebrochenen Armes feste Preise.

Keine "blutige Entlassung"

Consulting-Firmen, die Krankenhäuser in Fragen der Wirtschaftlichkeit beraten, fassen die ökonomischen Folgen mit drei Begriffen zusammen: "Sinkende Behandlungsdauer. Zunehmende Untersuchungsdichte. Der Patient wird zum Kunden." Nach Ansicht der Qualitätsmanagement-Firma Inszena Group rücken durch die Fallpauschale Medizin und Ökonomie enger zusammen, gewohnte Abläufe, Zuständigkeiten und Qualitätsprofile werden in Frage gestellt. Vor allem aber werden die Leistungen der Krankenhäuser vergleichbarer. "Die Fallpauschale schafft mehr Wettbewerb und führt dazu, dass Behandlungsmethoden verbessert und effektiver gemacht werden", sagt Mages und spricht von einem "lernenden System".

Die Gegner der Fallpauschale führen ins Feld, dass die neue Abrechnungsart das Krankenhaussterben beschleunigen wird. Tatsächlich sank die Zahl der Kliniken in Deutschland binnen eines Jahres um 40 auf heute 2.157, und der Anteil der privaten Trägerschaften stieg von fünf Prozent vor zehn Jahren auf heute 26 Prozent. Nicht bewahrheitet hat sich aber die Horrorvorstellung, auf Grund der Reform müssten Patienten "blutig entlassen" werden. Die Erfahrung zeigt, dass diese Sorge auf übertriebenen Befürchtungen beruhte. Allerdings bietet die Einführung der Fallpauschale keine Gewähr dafür, dass künftig jedes Krankenhaus exzellent wirtschaften wird. "Entscheidend für den Erfolg sind nicht nur Strategien, Kennzahlen und Leistungscontrolling. Entscheidend sind auch Kommunikation und mentale Veränderungsarbeit. Beides wird viel zu oft vernachlässigt", sagen die Qualitätsmanager von Inszena Group.

Ein Drittel der Kliniken schlecht geführt

Eine Sprecherin des Bundesgesundheitsministeriums räumt denn auch ein, dass ein Drittel aller Kliniken sehr gut und ein weiteres Drittel befriedigend geführt werde, das Management des dritten Drittels aber verbesserungswürdig sei. Ob das Krankenhaus dabei in öffentlich-rechtlicher oder in privater Trägerschaft stehe, spiele keine Rolle. DKG-Hauptgeschäftsführer Jörg Robbers warnt seinerseits davor, den Kliniken übergroße Wirtschaftlichkeitsreserven zu unterstellen. "Der seit Jahren anhaltende Trend der Effizienzsteigerung bei ausbleibenden Budgetsteigerungen ist auf Dauer nicht durchhaltbar, ohne die Versorgungsqualität zu schmälern." Und auch die Ärzte beobachten die Konsequenzen aus der Einführung Fallpauschale "mit Argusaugen". Der Sprecher des Marburger Bundes der Klinikärzte, Athanasios Drougias, sagt, der ökonomische Druck, der durch die Reform erzeugt werde, dürfe nicht zu einer noch größeren Arbeitsverdichtung führen.

Anselm Bengeser/AP / AP