Finanzkrise "Banker haben selbst am Crash Spaß"


Einst waren Banker angesehene Leute. Mittlerweile gelten sie als Zocker, die Milliardenbeträge riskieren, um das eigene Ego zu befriedigen.
Von Sebastian Christ

Herr Breithaupt, viele Manager und Börsenhändler im Umfeld der Wall Street haben sich jahrelang über ihr Gehalt definiert. Einige von ihnen sind jetzt arbeitslos, bei vielen wird der Jahresbonus deutlich schrumpfen. Haben diese Leute jetzt eine mittelschwere Sinnkrise?

Bei den Top-Managern lag der Jahresbonus in den besten Jahren schon mal im neunstelligen Bereich. Für viele andere an der Wall Street gilt, dass sie eine Art "Goldene Zahl" im Kopf haben. Sie opfern ihr Leben zehn Jahre lang, arbeiten zum Teil 18 oder 20 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche, um ein Gesamtvermögen zu erreichen, bei dem sie nie wieder arbeiten müssen. Die trifft das natürlich schon, wenn am Ende des Jahres der Bonusscheck ausbleibt, der den größten Teil ihres Einkommens ausgemacht hat.

Was sind diese Top-Manager für Menschen?

Ich habe mal mit einem der großen Macher an der Wall Street sprechen können. Der hat mir erzählt, wie Bewerbungsgespräche für die wirklich hohen Posten ablaufen. Da kommt es nämlich längst nicht mehr nur auf die bloße Qualifikation an, einen optimalen Lebenslauf haben viele ab einem gewissen Level. Es wird gesagt: Wenn sie ein Instrument spielen, dann bringen sie es mit. Und dann spielen diese Kandidaten für Managerstellen im Bewerbungsgespräch Geige. Oder wenn sie eine Fremdsprache können, dann wird das Gespräch ausschließlich in dieser Sprache geführt - etwa auf Italienisch. Menschen mit wirklich viel Geld erfahren vor allem eins: Man findet seine Identität nicht dadurch, dass man unermesslich reich ist. Viele von den Superreichen wollen Romane schreiben, musizieren oder sich zum Meditieren in die Berge zurück ziehen. Insofern sind es nicht die Superreichen, die jetzt in ein Loch fallen.

Sind es also eher die Manager aus der mittleren Führungsschicht, die an der momentanen Lage Schuld sind?

Es sind vor allem Menschen, bei denen die Gier zu einem persönlichen Versagen geworden ist. Es ist eine Frage des Konkurrenzdenkens: Alle duzen sich an der Wall Street, es gibt keine Autoritäten mehr. Und was macht man dann? Man tritt gegeneinander an, im Kampf um die größte Anerkennung. Und ohne Schiedsrichter oder Autoritäten kann nur noch das Geld den Gewinner küren.

Ist dieses Konkurrenzdenken dafür verantwortlich, dass wir jetzt eine weltweite Finanzkrise haben?

Ja. Im Generellen sogar noch mehr als die Gier. Die Wall Street schafft die Bedingungen, unter denen ein solches Klima der Konkurrenz entstehen kann. Zumindest in Amerika wurde der Manager in den vergangenen Jahren zum Leitbild der Gesellschaft. Geschichtlich gesehen war vor 200 Jahren vielleicht der englische Lord das Idealbild. Vor 100 Jahren kam dann das Bildungsideal auf: Man muss etwas aus sich machen. An der Wall Street ist dieses Schema noch einmal weiter entwickelt worden: Wer macht den wildesten Deal? Das sind die neuen Herausforderungen.

Haben sie Beispiele?

Ich war mal in der Wohnung eines Bekannten, der an der Wall Street arbeitet. Während ich dort war, hat der Mann eine Firmenfusion klar gemacht. Dabei hat er eine Milliarde Dollar mehr rausgeschlagen, als ursprünglich geplant war. Daraufhin hat dieser Bekannte gesagt, er müsse jetzt erstmal auf den Golfplatz - mit der Milliarde angeben gehen.

Haben diese Menschen überhaupt noch ein Wertebewusstsein?

Sie spielen eben. Viele der Banker sind die größten Talente des Landes. Einige von ihnen waren früher Wissenschaftler, bevor sie in den Finanzsektor gewechselt sind. Eigentlich wollten sie etwas erfinden. Und wie kann man diesen Drang nun in den neuen Job überführen? Sie machen die Börse zu einer Art Experimentierkasten. Und so gesehen haben sie selbst an einem Crash Spaß: Denn wenn bei einem chemischen Experiment etwas explodiert, dann entsteht immer etwas Neues. Viele investieren ja jetzt schon wieder.

Was macht den Reiz des Reichwerdens aus? Ist es nur der Spieltrieb, den man dann ausleben kann?

Kulturwissenschaftler nennen das "Superadditum": Reiche Menschen bekommen mehr Aufmerksamkeit von anderen, das ist nachgewiesen. Wenn sie eine Gruppe von mehreren Menschen haben, die diskutieren, dann wird eher dem Reichen zugehört, mehr als dem Armen und sogar dem Experten. Diese Verbundenheit von Reichtum und Wichtigkeit sitzt tief in uns drin. Und wenn junge Menschen erst einmal sehen, dass sie mit ihren Fähigkeiten reich werden können, und was sie dann damit erreichen können - dann wollen sie es natürlich auch.

Macht Geld wirklich glücklich?

Geld macht dreierlei: man fühlt sich wichtig, man fühlt sich seinen Konkurrenten überlegen, und man denkt, man habe jetzt ein Ich, also eine Identität - wegen des Reichtums.

Brauchen wir einen Mentalitätswandel, um künftig eine neue Finanzmarktkrise zu verhindern?

Ich bin sehr skeptisch, dass es zu so etwas wie einem Mentalitätswandel kommen kann. Und es besteht wohl auch nur ein geringes Interesse von Seiten der Wall Street, da etwas zu ändern. Wahrscheinlich bräuchte man wirklich wirksame Aufsichtsinstitutionen. Das Schwierige ist, dass die Gier immer mit dem Reichtum verbunden sein wird, und dass ein hohes Risiko auch Individualität verheißt: Man ist etwas Besonderes, wenn man mit hohen Summen zockt. Wenn ich mal spekulieren darf: Es ist für die Zukunft gesehen nicht unmöglich, dass man Reichtum auch begrenzen kann. Sagen wir: Ein einzelner Mensch darf nur das Zehnfache des Wertes eines durchschnittlichen Einfamilienhauses in seinem Land besitzen. Wenn jemand mehr dazu verdient, muss er das Geld binnen eines Jahres ausgeben, meinetwegen auch verschwenden oder für wohltätige Zwecke verwenden - ansonsten wird es vom Staat eingezogen. Das scheint mir ein Ansatz, um etwas zu verändern.


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